Mein Mantra, Dein Mantra, unser Mantra – Mantra ist für uns alle da!

Lass Dir den Beitrag von Anisha vorlesen!

Unsere synthetische Stimme Anisha lernt ständig neue Worte für eine bessere Aussprache

Von Michael Nickel

„Mein Haus, mein Auto, meine Yacht, meine Freundin!“ … vielleicht erinnerst Du Dich an eine Versicherungswerbung in der grauen Vorzeit des Fernsehens, die mit dem Thema Selbstidentifikation über Besitztümer gespielt hat, indem sie einen dezent grauharigen Mitlife-Mann – sprich: ein Grufti – die Fotosammlung seiner Errungenschaften auf den Tisch knallen ließ. Aber vielleicht erinnerst Du Dich auch nicht daran … schließlich würden mich viele jungen Leute heutzutage selber schon als „Grufti“ bezeichnen – und vermutlich bin ich das auch, denn erstens bin ich über 50, zweitens weiß ich, was ein Telefonhörer ist und wie man eine Wählscheibe bedient und drittens kenne ich noch nicht einmal die Begriffe, mit denen heute das bezeichnet wird, was man in meiner Jugend als „Grufti“ bezeichnet hat… Nun ja, egal! Zurück zur Sache! Es geht zum Einstieg ins heutige Gedankenfutter über die Tendenz von uns Menschen, eine Menge Stolz zu entwickeln, wenn wir etwas erlangt haben – sei dieses Etwas materiell oder immateriell.

Beim letzten Teilsatz müssen wir dann alle vielleicht nochmal genauer hinhören: ja, richtig, wir entwickeln denselben Stolz auf Immaterielles wie auf Materielles. Viele von uns, die sich über bewusstes Leben Gedanken machen und versuchen, etwas moderater zu leben, lachen vielleicht insgeheim über die Vorstellung des Midlife-Crisis-Mannes, der von einer materiellen Errungenschaft zur nächsten hechelt … Aber seien wir doch mal ehrlich. Diesen Stolz findet man bei so gut wie allen Menschen, auch denen, die auf dem spirituellen Pfad sind. Die einen sind Stolz auf ihren Handstand, die anderen sind stolz, wie schön sie Kirtan singen können, die nächsten sind stolz, wie lange sie die Luft anhalten können, wieder andere, wie lange sie in der Meditation sitzen können, dann nochmal andere darauf, welchem „Guru“ sie folgen und nicht wenige Swamis sind stolz darauf, Swamis zu sein, und so weiter und so fort.

Zugegebenermaßen eine Überspitzung, Ich weiß! Und sicher riskiere ich gerade damit, 90 Prozent der Leserschaft auf einen Schlag zu verlieren! Doch es führt nun mal kein Weg an diesem Spiegel vorbei: wir alle identifizieren uns mit etwas und aus dieser Identifikation entsteht ein innerer Stolz, den wir manchmal auch nach außen tragen. Selbst wenn wir denken, dass unsere Selbstidentifikation oder unser Asmita – um mal wieder schlauisch, yogisch und sanskritisch zu reden – sich im Rahmen hält. unsere Sprache verrät dann doch immer wieder, wie es wirklich um unsere Selbstidentifikation steht.

Kann man ein Mantra bekommen und besitzen?

Wenn man genau zuhört, kann man immer wieder hören, wie unter Meditierenden von „meinem Mantra“ oder vom „persönlichen Mantra“ gesprochen wird. Versteht mich nicht falsch, es spricht im Sinne der Vereinfachung nichts dagegen, solche besitzanzeigenden Wörter zu verwenden – solange wir uns wirklich im Klaren sind, dass man ein Mantra nicht besitzen kann. Und sind wir uns dessen im Klaren? Vielleicht gehören wir zu den Glücklichen, die die bereichernde Erfahrung machen durften, in ein Mantra initiiert worden zu sein. Dies sind besondere Momente, mit denen wir uns als Mensch wiederum leicht identifizieren.

Doch Mantra ist nichts, was wir als Besitz bekommen! Das geht soweit, dass erfahrene Lehrer, die Mantra-Inititationen vornehmen, davon sprechen, dass ein Mantra nicht „gegeben“ werden wird – selbst wenn ein Mensch einem anderen das Mantra vorspricht, womit die Initiation auf der gröbsten Ebene vollzogen wird. Doch ein Mantra geht nicht von Mensch zu Mensch über. Mantra ist universell präsent und was uns bei der Initiation passiert ist, dass wir uns der universellen Präsenz dieses spezifischen Mantras gewahr werden und sich einen inneren Anknüpfungspunkt an dieses universell präsente Mantra öffnet. Damit haben wir dann zwar einen Zugang und engen Bezug zu dem Mantra, aber es ist und bleibt universell und kann von niemandem besessen werden.

Eine persönliche Erfahrung der Mantra-Initiation

Mantra liegt sogar jenseits von dem was traditionell als Guru bezeichnet wird: Der Strom von Wissen, der durch Zeit und Raum fließt und der nach traditioneller Ansicht auch jenseits von Raum und Zeit entspringt. Guru ist kein Mensch, das machen erfahrene Lehrer (die von anderen oft Guru genannt werden) immer wieder klar. Ich hatte das Glück von drei authentischen Lehrern in verschiedenste Mantras initiiert worden zu sein. Zutiefst berührt hat mich die erste Initiation im Rahmen meiner Yogalehrer-Ausbildung. Ich hatte das Gefühl, dass in einem bestimmten Moment etwas unbeschreibbares geschah und der Lehrer zu einem Portal wurde, aus dem etwas aus einer unergründlichen Quelle hervorströmte.

Noch beindruckter war ich, als genau dasselbe mit einem zweiten Lehrer einer anderen Tradition geschah. Und dann geschah es ein drittes und ein viertes und noch weitere Male mit einem weiteren Lehrer derselben Tradition. Es war immerzu dasselbe: im Moment der Initiation tritt der „gebende“, initiierende Mensch zurück und er wird zu einem Werkzeug für etwas Größeres. Für mich war dies eine greifbare Erfahrung der Transpersonalität von Guru. und letztlich verbinden wir uns genau mit dieser Erfahrung und dieser Quelle, wenn wir im Leben an den Punkt kommen, wo wir nicht weiter wissen, wo uns kein Mensch helfen kann und wir nur noch „unserer eigenen“ Intuition vertrauen können.

Die transpersonale Ebene

Genau in dieser transpersonalen Liga spielt auch Mantra. Wenn wir Ajapa Japa erreichen – das spontane unwiederholte Wiederholen von Mantra – wenn also Mantra zu unserem innigsten und treusten Freund geworden ist, dann docken wir genau an diese Quelle an. Genau aus diesem Grund kann man wohl auch nicht sagen „mein Mantra“ oder im engeren Sinne von „persönlichem Mantra“ sprechen. Denn es ist nicht „meine Quelle“ oder die „persönliche Quelle“, an die wir durch Mantra andocken – es ist unser aller Quelle, das ursprüngliche, universelle Bewusstsein, welches so viele Namen trägt, die es doch nicht beschreiben kann.

Doch wie benannt man Mantra, in das man initiiert wurde, dann? – Es existieren verschiedene Terminologien. Die einfachste ist vielleicht die Folgende: Das erste Mantra, welches uns in einer Traditionsline gegeben wurde ist für uns das „Guru Mantra“ und zwar nicht, weil es uns von einem „Guru“ gegeben worden ist, sondern weil in diesem Mantra in dieser Lebensphase das universelle Prinzip von Guru für uns zugänglich wurde. In der Meditationspraxis mit diesem Mantra und in der Kontemplation über die philosophischen Aspekte, die es in sich trägt, verbinden wir uns mit dem universellen Prinzip von Guru in uns selbst. Dieses erste Mantra bleibt auch immer unser Guru-Mantra, selnbst wenn wir in weitere Mantras initiiert werden. Solche aufbauenden Mantras sind dann im weitesten Sinne meist sogenannte meditative oder Moksha Mantras, die der Vertiefung der Meditation und der Verfeinerung unserer Persönlichkeit auf dem spirituellen Weg dienen. Am einfachten betrachtet man das Mantra, mit welchem man Japa-Meditation praktiziert als das derzeitige „Japa Mantra„.

Eine solche transpersonale und nicht-besitzergreifende Betrachtung von Mantra hat auch einen weiteren Vorteil: sie verführt uns nicht dazu zu glauben, dass ein Guru Mantra oder ein aktuelles Japa Mantra mit einer Initiation in ein weiteres Mantra wertlos werden. Im Gegenteil! Diese Sukzession von Mantras bildet das Fundament für das oberste Element, das aufgesetzt wird. Aus diesem Grund sind in der Phase des Eintauchens in meine tägliche Meditationspraxis auch alle Mantras bewusst präsent, in die ich initiiert wurde. So wurde es mir ans Herzen gelegt und so halte ich es.

Alle Mantras, die zu uns finden, in Ehren halten

In welcher Form wir also die Mantras in Ehren halten, die zu uns gekommen sind, bleibt uns überlassen. Es kann eine Mala Japa mit dem Guru Mantra sein und vielleicht drei bis elf einzelne Wiederholungen von Mantras in die wir zwischen Guru Mantra und aktuellem Japa Mantra initiiert worden sind. Es kann eine andere Art und Weise sein.

Das schöne dabei ist, dass wir auf wunderbare Weise mit all den Portalen verbunden bleiben, die Mantras für uns darstellen. Und wir behalten uns die Möglichkeit, von Zeit zu Zeit auch zu spüren, dass eines dieser Portale besonders einladend ist oder besonders weit offen steht. Dann hören wir den Ruf, vielleicht für eine Weile wieder eines der „früheren“ Japa Mantras zu praktizieren. Sei es an einem einzelnen Tag oder als definierte Praxis – als Purashcharana, einer definierte Praxis in einer bestimmten Zeit mit einer definierten Anzahl von Mantra-Wiederholungen.

Darüber zu sprechen würde nun zu weit führen. Aber dafür gibt es ja in der Sommer-Edition 2022 einige schöne Beiträge. Und nun nicht traurig oder wehmütig sein, falls Du bisher keine Gelegenheit hattest, Dich in ein Mantra initiieren zu lassen: Es existieren auch offene Mantras, mit denen Du praktizieren ohne initiiert zu werden kannst. Hintergründe und Links zu Einführungen findest Du ebenfalls im Zeitpunkt Sommer 2022, dem Editorial der Sommeredition zum aktuellen Schwerpunkt „Mantra, Yantra und Meditation“ im Agni Magazin.

In diesem Sinne: viel Freude dabei, Dich an die universelle Quelle durch Mantra anzudocken und daraus fürs Leben zu schöpfen!

Herzlichst
Michael

Michael Nickel
Michael Nickel

Dr. Michael Nickel ist Entrepreneur, Autor, Gründer-Verleger des Agni Verlags, Naturwissenschaftler, Berater, sowie Yoga- und Meditationslehrer. Wenn er nicht gerade die Wunder der Welt erkundet, lebt und wirkt er in Remseck bei Stuttgart. Sein Interesse gilt der Kunst des guten und freudvollen Lebens und allem, was damit zusammen hängt, philosophisch und praktisch. Michael ist langjähriger Schüler von Rod Stryker und der erste Parayoga Level 2 Lehrer in Europa. Er unterrichtet atemzentrierte Asana-Sequenzen (im Sinne von Viniyoga). Durch seinen Lehrer Pandit Rajmani Tigunait wurde er in den Samaya-Pfad (inneren Pfad) der Sri-Vidya-Tradition der Meister des Himalayas eingeweiht. In diesem Zusammenhang ist er auch Certified Vishoka Meditation Teacher Aus diesem Hintergrund seiner eigenen Praxis heraus unterrichtet er auch seine Meditations- und Yoga-Nidra-Stunden. Alle Stunden und Kurse mit Michael auch online: www.santosha-yoga.de

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