Beiträge

Von Wolfgang Bischoff

Liebe Menschen,

Am Dienstag, den 27. April 2021 erstrahlt der Frühlingsvollmond am sternenklaren Himmel. Lasst uns gemeinsam von 21 bis 22 Uhr still werden und unserer Freunde in Indien und hier in unserem Land gedenken, die schwer an Corona erkrankt sind, im Krankenhaus liegen und mit ihren Lebenskräften kämpfen. Dies betrifft vor allem unsere engsten spirituellen Schwestern und Brüder, die für den Ashram in Rishikesh wie für die Schulen in Odisha verantwortlich sind. In Indien werden zur Zeit 300.000 Menschen am Tag neu infiziert und viele sterben einen schrecklichen, einsamen Tod. Das Virus lebt von der menschlichen Begegnung und verwandelt sich entsprechend der Bedingungen.
 

Was können wir tun?

  • Praktiziere Körperübungen, die die Spannungen aus Deinem Körper entlassen.
  • Praktiziere Nadi Shodana, und andere Pranayama-Übungen, die Dich vitalisieren.
  • Übe jeden Tag am gleichen Ort in der gleichen Haltung Dich zu konzentrieren und innerlich zu sammeln.
  • Bete für die an Corona Erkrankten mit dem Maha Mrityunjaya Mantra (siehe dazu auch meinen letzten Vollmondtext), dem Sieg über den Tod für die Befreiung vom Leiden und Heilung.
  • Kontempliere einen erbauenden Sachverhalt, wie die Isopanishad (auch bekannt als Isha-Upanischad oder Ishavasya-Upanischad), einen anderen inspirierenden Text oder eines der folgenden Zitate:

 

Über den wichtigsten Frieden

Der erste Friede, der wichtigste, ist der, welcher in die Seelen der Menschen einzieht, wenn sie ihre Verwandtschaft, ihre Harmonie mit dem Universum einsehen und wissen, dass im Mittelpunkt der Welt das große Geheimnis wohnt und dass diese Mitte tatsächlich überall ist. Sie ist in jedem von uns – dies ist der wirkliche Friede, alle anderen sind lediglich Spiegelungen davon.

Der zweite Friede ist der, welcher zwischen Einzelnen geschlossen wird.

Und der dritte ist der zwischen Völkern.

Aber vor allem sollt ihr sehen, dass es nie Frieden zwischen Völkern geben kann, wenn nicht der erste Frieden vorhanden ist, der, wie ich schon sagte, innerhalb der Menschenseelen wohnt.

Hehaká Sapa (Black Elk)

 

 

Ideal des Paradieses

Ich glaube, dass über der Erde ein Ideal schwebt und sie durchdringt, ein Ideal des Paradieses, das nicht eine Ausgeburt der Phantasie ist, sondern die letzte Wirklichkeit, in der alle Dinge leben, weben und sind. Ich glaube, dass dieses Ideal des Paradieses im Sonnenlicht und im Grün der Erde sichtbar wird, in der Schönheit des Menschenangesichtes und in der Fülle des menschlichen Lebens, auch in den kleinen Dingen, die scheinbar unbedeutend und unscheinbar sind.
Überall auf dieser Erde ist der Geist dieses Paradieses wach, und seine Stimme ruft uns immerfort. Ohne dass wir es wissen, trifft sie unser inneres Ohr. Sie stimmt die Harfe des Lebens, die mit ihrer Musik unsere Sehnsucht über die Grenzen des Irdischen hinausträgt, nicht nur in Gebeten und Hoffnungen, sondern auch in Tempeln, die Stein gewordene Feuerflammen sind, in Bildern, die verewigte Träume wurden, im Tanz der ästhetischen Meditation im stillen Innen der Bewegung.

Rabindranath Tagore
in “Flüstern der Seele”

 

 

Ich wünsche euch allen eine erbauende, stille Stunde und eine Erfahrung der Verbundenheit mit allen Lebewesen.

In liebevoller Verbundenheit

Wolfgang

 

 

Von Michael Nickel

Das Herz spielt in sehr vielen, wenn nicht allen spirituellen Traditionen der Welt eine Rolle. Universell wird es als Sitz unserer Seele, unseres persönlichen Kerns gesehen. Das drückt sich schon in der Geste aus, die wir nutzen, wenn wir klarmachen wollen, dass es um uns selbst geht: Wir richten intuitiv den Zeigefinger zu unserer Brustmitte – zu unsrem Herzen.  Welchen Status das Herz als Sitz unseres Wesenskerns in den östlichen Traditionen hat, habe ich vor einiger Zeit im Gedankenfutter “Herzenssache Ganesha” zum Ausdruck gebracht. Doch auch im Westen wird dem Herzen – und damit der angeborenen Weisheit unserer Intuition – eine dem Geist übergeordnete Stellung zugeordnet. Wenngleich es dazu unzählige Aussprüche und Zitate gibt, ist eines der berühmtesten jenes von Antoine de Saint-Exupéry aus seinem herrlichen Werk “Der kleine Prinz”:

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Antoine de Saint-Exupéry
in: “Der Kleine Prinz”

“Die Augen” stehen hier sinnbildlich für die intellektuelle Verarbeitung unserer Sinneseindrücke aus der Außenwelt – und damit  für unseren Intellekt als Ganzes, unseren Geist. Vielleicht hat dieses Zitat zur Popularität von Herz-zentrierten Meditationen bei uns im Westen beigetragen. Es existieren eine Menge davon – klassische ebenso, wie “neu erfundene”. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie zur Wahrnehmung des Wesentlichen führen, wie Saint-Exupéry es ausdrückt. Doch man könnte in diesem Zusammenhang auch sagen: “Das Herz hat seine Tücken” – oder viel mehr “Das Herz und der Geist haben im Zusammenspiel ihre Tücken”.

Der Grund ist ziemlich schnell gefunden. Das Herz trägt oftmals eine Vielzahl an emotionalen Verletzungen in sich und zugleich mag der Geist gerne alles andere sein als still. Schon einer der beiden Zustände – verletztes Herz oder unruhiger Geist – macht es uns extrem schwer überhaupt zu meditieren, geschweige denn auf’s oder im Herzzentrum. Als Yoga– und Meditationslehrer leite ich auch immer wieder Herz-zentrierte Übungen und Praktiken an – und erlebe dann die Reaktion der Teilnehmer*innen direkt – oder höre in Zeiten von online-Stunden hinterher davon. Was mir dabei über die Jahre klar geworden ist: es gibt zwei grobe Kategorien von Herz-zentrierten Meditationspraktiken, wenn man die Wirkung zugrunde legt. Weiterlesen

Von Wolfgang Bischoff

Liebe Menschen,

Am Palmsonntag, den 28. März 2021 erstrahlt der Ostervollmond am sternenklaren Himmel. Lasst uns gemeinsam von 21 bis 22 Uhr still werden und über die Bedeutung des Osterfestes kontemplieren. Ein Fest des vorübergehenden Jubels zu Palmsonntag, der Segnung und der Verheißung des Abendmahls zu Gründonnerstag und des darauffolgenden Verrates („Nun hat die Finsternis das Wort“), der Kreuzigung mit der Erschütterung der Elemente zu Karfreitag, der ungewissen Ruhe der Grablegung zu Karsamstag und der dann folgenden Auferstehung zu Ostersonntag.

Dieser Prozess macht auf die Möglichkeit aufmerksam, einen Weg durch die Finsternis und den Tod aller Vorstellungsbilder, wie das Leben und man selber zu sein hat, zu gehen, um den Tod überwinden zu lernen und um zu einer Neugeburt, Wiederauferstehung, zu gelangen.

In unserer Tradition kennen wir das Maha Mrityunjaya Mantra, das übersetzt heißt: „Sieg über den Tod“. Dieses Mantra symbolisiert das Ostermysterium, das sich jedes Jahr zur Besinnung und Neubelebung der Menschheit wiederholt.

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Von Rolf Sovik

Wie helfen uns Yoga, Meditation, Atemübungen und Entspannung dabei, zu heilen? Dies ist ein weites Thema, und wir werden es aus vielen Blickwinkeln betrachten, wenn wir uns durch diese mehrteilige Serie bewegen: Yoga als Heilkunst. Heilung ist ein Kernelement sowohl der Yoga-Philosophie als auch der Yoga-Praxis. Tatsächlich ist Heilung etwas, das wir alle anstreben, auch wenn wir es nicht immer erkennen – wir alle wollen körperlich, geistig und emotional gesund sein, und viele von uns streben auch das an, was wir Heilung auch auf der spirituellen Ebene nennen könnten. Weiterlesen

Von Rolf Sovik

In der ersten Folge dieser Serie “Yoga als Heilkunst” haben wir uns angesehen, was die Bhagavad Gita als die vier Ziele des Yoga identifiziert: Heilung, persönliches Wachstum, Selbstentfaltung und schließlich Erleuchtung. Diese vier Ziele liegen im Herzen der Yoga-Praxis. Auch wenn wir insgeheim oder offen nach persönlichem Wachstum streben und die letzten beiden Ziele uns als spirituell Suchende ansprechen, werden die meisten Menschen zuerst durch den Wunsch nach Heilung auf körperlicher, emotionaler oder spiritueller Ebene zum Yoga hingezogen. Es ist wichtig, frei von Schmerz und Leiden zu sein, damit wir alles erfahren können, was Yoga zu bieten hat. Dies ist also der erste Schritt. Schauen wir uns an, was die Bhagavad Gita über die intrinsische Natur des Yoga als heilende Kraft sagt. Weiterlesen

Von Rolf Sovik

Wie wir in vorigen Beiträgen der Serie “Yoga als Heilkunst” gesehen haben, hat das Kämpfen mit Schmerzen Nebenwirkungen. Es erhöht den Stresslevel, vergrößert die schmerzhaften Symptome und führt zu Angst und Entmutigung. Es liegt in der Natur des Schmerzes, dass er eskaliert, wenn wir gegen ihn kämpfen. Wie kann unsere Beziehung zu Schmerz und Leiden weniger zu einem Kampf werden?

Der erste Schritt ist es, zu verstehen, was Schmerz wirklich ist, und der zweite Schritt ist es, unsere Einstellung zum Schmerz zu ändern. Es ist nicht so, dass der Schmerz selbst notwendigerweise aufhören wird – vielmehr wird sich unsere Erfahrung des Schmerzes ändern. Der Schmerz lässt nach, sobald wir in der Lage sind, unseren eigenen Griff zu lockern und aufhören, uns an ihn zu klammern. Das ist befreiend: Es erlaubt uns, mehr von unserer Zeit und Anstrengung in unser spirituelles Streben zu investieren, anstatt von körperlichem, geistigem und emotionalem Leiden belastet zu werden. Dann können wir beginnen, die Wege des Yoga und der Heilung neu zu beschreiten. Weiterlesen

Von Michael Nickel

“Tempus fugit”, sagen die Lateiner, “die Zeit flieht”. Dieses Gefühl mag so manchen beschleichen, angesichts der sich jährenden Coronapandemie-Bedingungen, unter denen wir unser Leben gestalten. Der Aspekt der Zeit wird uns immer dann bewusst, wenn etwas nicht schnell genug kommt oder geht oder wenn die Wahrnehmung umgekehrt ist und etwas zu schnell da ist oder nicht lange genug präsent bleibt.

Zeit ist physikalisch

Auch wenn de meisten von uns ein ambivalentes Verhältnis zur Zeit haben, ist es ein spannendes Phänomen, denn es lässt sich aus diametral entgegengesetzten Blickwinkeln betrachten. Man kann Zeit rein naturwissenschaftlich als Naturgesetz der vierten Dimension betrachten, so wie es die Physik tut, und dabei ihr Zusammenspiel mit dem physischen Raum beobachten. Das hat zunächst mal wenig mit unserem umgangssprachlichen Zeitbegriff zu tun. Denn man kann Zeit auch über all die zyklischen Phänomene in der Natur betrachten, den Tages- und Jahresverlauf der Sonne, die Mondphasen, die Gezeiten, die Jahreszeiten, der Menstruationszyklus, unsere Wach-Schlaf-Zyklen, die Traum-Tiefschlaf-Zyklen, all die physiologischen Zyklen in unserem Körper und unseren Zellen, bis hin zu den kleinsten molekularen Zeitgeber-Mechanismen, die unsere internen “biologischen Uhren” steuern.

Zeit ist zyklisch

Von genau dieser Zeitbetrachtung leitet sich unser modernes allgemeines Verständnis von Zeit ab: die zyklische Uhrzeit, abhängig von der Tageslänge, die für die Definition unserer Zeiteinheiten wiederum von einem zyklischen Jahresumlauf der Erde um die Sonne abhängt. Diese Zeitbetrachtung dominiert unsere westliche Weltsicht seit langem. Das Resultat dieser Betrachtung ist letztlich die Uhrzeit, die wir vom Ziffernblatt ablesen – und für viele Menschen ist dies auch die bestimmende, von außen vorgegebene Wahrnehmung von Zeit. Genau darum können wir derzeit sagen: “Schon ein Jahr in der Pandemie”.

Zeit ist subjektiv

Die dritte und für uns Menschen wichtigste Betrachtung der Zeit ist jedoch eine sehr persönliche: unser ureigenes subjektives Zeitempfinden. Denn ganz gleich was die äußere Uhrzeit oder der Kalender sagen, wer kennt nicht dieses Gefühl der Diskrepanz der eigenen Wahrnehmung der Zeit. Diese Betrachtung ist eine psychologische und zugleich eine, die tief im Zeitbegriff der östlichen Philosophien verankert ist. Dies gilt besonders für die Samkhya-Philosophie, die dem Yoga zu Grunde liegt. Sie betrachtet Zeit als etwas höchst subjektives, wie wir gleich sehen werden. Weiterlesen

Von Michael Nickel

Der Mensch ist ein Tier, das sich doch von den übrigen Tieren unterscheidet. Die Philosophien der Menschheitsgeschichte werden nicht müde, dies zu betonen, unter Bezug auf unseren großartigen Intellekt. In der Tat ist der menschliche Intellekt (von lateinisch intellectusErkenntnisvermögen, Einsicht, Verstand) ein großes Geschenk, was uns das Universum im Laufe unserer Evolution zuteil werden ließ. Eines der faszinierendsten Kinder unseres Intellekts ist die schiere, grenzenlose Kreativität, die der menschliche Geist an den Tag legen kann. Sei es, um rein mentale Konstrukte aufzubauen – wie etwa komplexe Geschichten und Theorien. Oder noch viel augenfälliger, in der Art und Weise, wie der Mensch immer ausgefallenere physische und zunehmend auch virtuelle Objekte erschafft, zu seinem eigenen Nutzen und zu seinem Amüsement oder seiner ästhetischen Befriedigung – oder allem zusammen. Weiterlesen

von Michael Nickel

Eigentlich reise ich jedes Jahr im Januar/Februar für einige Wochen nach Indien für mein persönliches Meditations-Retreat. Ein Rückzug vom Alltag und eine Neuausrichtung für das neue Jahr. Eigentlich. Dieses Jahr eben nicht. Dafür bin ich im “Retreat zuhause”. Und weil ich da mehr Zeit für meine Praxis und alles, was damit zusammenhängt brauche, gibt es diese Woche eine “Gedankenfutter-Konserve”, nämlich einen Text, den ich vor Jahren auf dem Rückweg von Indien als Reflexion meines Praxis-Retreats geschrieben habe. Ein Einblick in den Alltag eines Sadhakas und in die (Yoga-)Philosophie, die dahinter steckt, mich einmal im Jahr wirklich zurückzuziehen. Es geht dabei um die vier Purusharthas: Dharma, Artha, Kama und Moksha.

Ein Sprung ins Jahr 2017 …

Ich sitze im ICE von Frankfurt Flughafen nach Stuttgart auf der Rückreise von einem vierwöchigen Aufenthalt in Indien. Mein persönliches Meditations-Retreat zum Jahresbeginn. Der dritte Aufenthalt dieser Art in Folge, jeweils im Januar/Februar. Ich komme also aus dem Wellness-Urlaub – das ist zumindest, was viele meiner Bekannten, Freunde und Familienmitglieder denken.

Doch wenn ich ihnen von meinen Tagen erzähle, relativiert sich diese Ansicht ganz schnell, denn obwohl das Ziel dieses Aufenthalts für mich tatsächlich ein “gut sein” = Wellness ist, oder genauer gesagt ein “besser sein”, erinnert der Tagesablauf eher an den eines Schichtarbeiters, als an den eines Urlaubers. Und so ist dies tatsächlich auch die Dienstreise eines Yogis und kein Urlaub. Wer sich auf ein persönliches Meditations-Retreat dieser Art einlässt, geht tief in den Prozess von Sadhana, wie es die alten Sanskrit-Schriften nennen, die Art der meditativen Lebens- und Übungspraxis, die jede Minute des Seins durchdringt. Dieser Prozess ist seit tausenden von Jahren im Prinzip derselbe, obwohl er für jeden Menschen in Weg und Detail unterschiedlich ist. Man wird zum Sadhaka, zum Aspiranten, der sein ganzes Dasein dem Zweck unterordnet, sein Lebensziel klarer zu sehen und entsprechend zu üben oder zu handeln.

Retreat als Rückzug im wörtlichen Sinn

Zwar sollte das auch im Alltag möglich sein, doch in der modernen und schnelllebigen Welt kommt man bei dieser Art der Lebensführung schnell in Konflikt mit familiären und beruflichen Verpflichtungen. Da uns die Bhagavad Gita klar sagt, dass wir diese Verpflichtungen als Teil unseres Lebensweges zu erfüllen haben, blieb für den “Haushälter”, also den Menschen, der sein Leben aktiv in Familie und Beruf lebt, schon immer nur der Weg der “zeitlich begrenzten Entsagung”, also der temporäre Rückzuges aus dem Alltag. Neudeutsch nennen wir das Retreat. Nun kann man heutzutage auch einen Strandurlaub mit all-täglichem Sundowner-Cocktail als “Retreat” buchen. Doch erfüllt das seinen Zweck? In gewisser, eingeschränkter Weise schon. Doch seien wir ehrlich, wer möchte in einem solchen “Retreat” schon mehr Klarheit über seinen Lebensweg finden – und wer kehrt aus einem solchen Strandurlaub schon mit einem tiefen Gefühl der Klarheit, Zufriedenheit und des Tatendrangs für die kommenden Monate zurück? Doch das ist genau, was ich im Moment fühle und ich bin dafür sehr dankbar. Dankbar vor allem meinen Lehrern, die mir diesen Weg gewiesen haben. Doch woher kommt dieses tiefe Gefühl des in uns Ruhens nach einer solchen intensiven Sadhana-Periode? Es ist das Ergebnis harter Arbeit. Arbeit im Inneren, die einen an die eigenen Grenzen bringen kann und darüber hinaus, wenn man es zu lässt.

Das ist, gelinde gesagt, nicht jedermanns Sache. Der Prozess beginnt zunächst schon damit, dass man sich einen Tagesablauf plant und sich selbst gegenüber verpflichtet, diesen einzuhalten. Disziplin pur – das klingt schon mal nicht nach Wellness-Urlaub. In meinem Fall auf dem Campus des Himalayan Instituts zunächst in Allahabad und dann in Khajuraho hieß das für den größten Teil der vier Wochen, dass um 3 Uhr mein Wecker klingelte. Hinzu kam, dass ich jeden zweiten Tag ein Flüssig-Fasten einlegte, um das für meinen Hyperinsulinismus nicht optimale, aber extrem leckere sehr Kohlenhydrat-Fett-dominierte Essen zu kompensieren.

Die Tage sahen also wie folgt aus:

3:00 – 3:30 Aufstehen, Bad, heiße Getränke zum Durchspülen und aufwachen
3:30 – 4:10 Übungen und Tiefenentspannung (Agni Sara, Pranayama, 61-Punkte-Entspannung)
4:15 – 6:30 Meditation im Schrein (mit kurzer Bewegungspause nach ca. 60 Minuten)
6:30 – 6:45 Chai mit Blick in den Garten und Kontemplation oder Bhagavad Gita lesen
6:45 – 7:00 Bett machen, Zimmer richten, Umziehen
7:00 – 8:30 Asanas (intensive Agni-Praxis nach Rod Stryker) und Entspannung
8:30 – 9:00 Frühstück an Essenstagen
8:30/9:10 – 10:00 Meditation im Schrein
10:00 – 12:00 Selbststudium (Übersetzung von Swami Rama Life Here and Hereafter ins Deutsche)
12:15 – 12:30 Rezitation eines Sanskrit-Textes
12:30 – 13:00 Mittagessen an Essenstagen
13:15 – 16:00 Selbststudium (hauptsächlich Übersetzung oder Kontemplation)
16:00 – 16:45 Chai mit Gleichgesinnten (Sangha)
17:00 – 18:15 Meditation im Schrein
18:30 – 19:00 Abendessen an Essenstagen
19:00 – 20:30 Selbststudium/Kontemplation
20:30 – 21:00 Ab ins Bett

Bei aller Disziplin in einem solchen Programm muss man natürlich auch immer mal wieder das Programm durch Spaziergänge, Zeit für mehr Reflexion oder Gespräche mit den Mitstreitern abwandeln. Doch das gehört dazu.

Die Purusharthas und unsere persönliche Bestimmung: Dharma

Dieser straffe Tagesablauf erklärt nun noch nicht, was dabei im Innern geschieht. Bei aller Individualität des persönlichen Sadhana geht es doch immer um das selbe: sein Leben mit Hilfe der vier Purusharthas, der vier Kategorien von grundlegenden Bedürfnissen, auszurichten, so dass man in sein Gleichgewicht oder seine Bestimmung kommt. Und so wie jeder einzelne Tag in unserem Leben sich mit diesen Kategorien auseinandersetzt, so geschieht dies auch während einer Sadhana-Periode – lediglich etwas bewusster und intensiver. Unweigerlich ist man mit dem Thema von Dharma, dem Sinn oder der Bestimmung seines Lebens, konfrontiert. Ein Thema, das sich durch ein solches Retreat wie ein roter Faden zieht. Die intensive Meditationspraxis erlaubt es Chitta, dem Unterbewusstsein, viele Dinge hochzuspülen, die mit diesem Thema zusammenhängen. Und so wird so manche auf die Meditation folgende Praxis der Kontemplation, in den Schriften Vichara genannt, angestoßen. Die Erfahrungen sind seit tausenden von Jahren die selben, wenn man sich auf diesen Weg begibt, man muss sich den Themen jedoch öffnen – dann findet man Frieden, nachdem man sich mit ihnen auseinandergesetzt hat. Das ist es, was die Yoga-Schriften als Befreiung von Samskaras bezeichnen, den tief sitzenden Eindrücken, die unser Unterbewusstsein zu jeder Millisekunde unentwegt sammelt.

Die richtigen Mittel im Leben haben: Artha

Die zweite Kategorie von Bedürfnissen, mit denen man sich auseinandersetzt ist Artha, das Bedürfnis nach den materiellen und ideellen Grundlagen unseres Lebens. Das fängt ganz konkret bei den Rahmenbedingungen eines solchen Retreats an – an denen man zunächst arbeiten muss, bis es passt. Dann geht es weiter und auch hier spült im Prozess der intensiven Meditationszyklen und der Zeit dazwischen das Unterbewusstsein alles hoch, was mit Existenzängsten, materiellen Begierden und Aspekten wie partnerschaftliche und freundschaftliche Unterstützung zu tun hat. In diesem Prozess relativieren sich oft viele Aspekte, wenn die Ruhe für Klarheit und Weitsicht sorgt und plötzlich klar wird, welche Aspekte von Artha wirklich wichtig sind für ein glückliches Leben. Denn der Sinn des Lebens besteht entsprechend der Lehren der Yoga-Traditionen darin, ein angstfreies und glückliches Leben zu führen. Dies ist sozusagen das Geburtsrecht eines jeden Menschen. Unweigerlich benötigt man dafür etwas von Artha, egal ob man die eigene Mala für die Japa-Meditation darin sehen möchte, oder das Geld, um sein Leben in einer westlichen Konsumgesellschaft in den selbstgewählten Maßen zu finanzieren.

Kama – Lebensfreude auf allen Ebenen – gehört ebenfalls dazu!

Die dritte und in Yoga-Kreisen oft missverstandene Kategorie von tiefen Sehnsüchten unseres Selbst ist Kama – Sinnes-Freude. Weil das Wort jeder aus dem Kontext des Kama Sutras kennt, denken die meisten sofort an Sexualität. Doch das ist nur ein Teil dieses Aspektes und dazu noch ein kleiner. Kama drückt sich jeden Tag in jeder noch so kleinen Freude aus. Und selbst wenn man der Welt entsagt, so ist das nach Innen gehen in Ananda, die tiefste innere Wonne, ein Aspekt von Kama! Das interessante an einem Meditations-Retreat ist, dass man unter Umständen immer mehr in diesen Aspekt eintaucht. So ging es mir in diesem Jahr. Am Ende war fast jede Sekunde erfüllt von der Freude über den unendlichen Reichtum an inspirierenden Eindrücken, an Schönheit der Natur und die darunterliegende Kreativität. Das ist Kama, wie sie in der Schrift Saundaryalahari/Anandalahari – Die Welle von Schönheit/Die Welle der Wonne, zum Ausdruck gebracht wird. Diese Schrift ist über tausend Jahre alt und geht auf Shankara zurück. Sie ist eine der wichtigen Textquellen der Sri Vidya-Tradition, in der ich durch meine Lehrer eingeführt wurde. In dieser tantrischen Tradition, die die zugegebenermaßen komplexe Samkhya-Philosophie lebenspraktisch erfahrbar macht, wird das gesamte materielle Universum (Prakriti) als mütterlich-führsorglicher Ausdruck des Seins (Sri) angesehen, das im Herzen höchst geschätzt und in Dankbarkeit verehrt wird. Eine mystische persönliche Erfahrungswelt, die den Sufismus ebenso inspirierte wie sie der christlichen Mystik, beispielsweise bei Meister Eckhart, nahesteht. Wer diesen Aspekt durchdrungen hat und in der Lage ist, ihn in den Alltag zu transportieren, der weiß auch, wie er für sich persönlich mit Unruhestiftern im Alltag wie in der Weltpolitik liebevoll und doch konsequent umgehen muss. Dies ist keine Lebensphilosophie nach dem Motto Friede, Freude, Eierkuchen! Es ist vielmehr ein differenziertes Verständnis des kreativen Ausdrucks des Seins, mag es im Gleichschritt mit den höchsten Prinzipien gehen oder völlig konträr. Prakriti, Sri, Kundalini oder Shakti, wie auch immer man die zu Grunde liegende Kraft nennen möchte, sie steht jedem zur Verfügung, der sich mit ihr zu verbinden weiß, zu welchem Zweck auch immer. Wer es nicht glauben mag, nehme die Ramayana als Beispiel und betrachte die beiden konträren Mächtigen dieser Geschichte: Rama vs. Ravana. Was sie verbindet ist der Zugang zu Shakti, was sie trennt ist der Zweck, ihr Ethos. Die Geschichten wiederholen sich, auch heute noch. Und so werden Dämonen-gleiche Gestalten Drahtzieher der Weltpolitik …

Und was ist mit Transzendenz? – Moksha macht’s möglich

Der letzte der vier Aspekte ist Moksha, unsere Sehnsucht nach Befreiung, nach der tiefstmöglichen Erkenntnis unseres Seins. Wer oder was bin ich? Warum bin ich? Wohin gehe ich? Mit diesen Fragen wird man unweigerlich konfrontiert, wenn man in der Meditation in die inneren Tiefen eintaucht. Sei es in Form der dunklen Seite, die einen herausfordert oder in Form des in sich Ruhens, das manche als Licht erfahren. Man muss dabei jedoch achtsam sein, nicht den Vorspielungen seiner Gunnas und Vayus, den mentalen und energetischen Aspekten unseres Daseins, auf den Leim zu gehen. Swami Rama drückte es ungefähr so aus: Warum suchen die Menschen in der Meditation nach Licht? Das Licht in seinen inneren Farben ist lediglich ein Ausdruck der energetischen und mentalen Zustände, die vorherrschen. In der Meditation sollte man die Dunkelheit von Chittikasha, der inneren Leinwand bewusst erfahren. Erst dann wird das subtile Leuchten unseres Selbst als feinster Punkt wahrnehmbar. Es ist ein Prozess, der nach und nach in dieses Leuchten führt. Für viele Meister war dies ein jahrzehntelanger Prozess. Warum sollte es ausgerechnet für uns schneller gehen? Doch es geht gar nicht darum, heute dort anzukommen. Der Weg ist das Ziel und das konstante Üben oder Bemühen (Abhyasa), Nicht-Anhaftung (Vairagya) und Vertrauen (Shraddha) in uns und die Kräfte des Universums (Sri) werden uns eines Tages dort hinführen. Für mich wurde in diesem Retreat mein persönlicher Weg hinsichtlich Moksha glasklar, doch das ist ein innerer Schatz, der unteilbar in meinem Herzen ruht. Für eine solche Erkenntnis braucht man Lehrer, die einem Türen öffnen, damit man weitergehen kann. Ich bin dankbar für die Tradition und lange folge von Lehrern (Parampara), die alles dazu nötige zu mir gebracht hat, nicht zuletzt durch Rod Stryker, Pandit Rajmani Tigunait und Swami Rama. Im Sinne dieser Tradition trage ich nun das Licht dieses Wissens in bescheidener Weise weiter, so dass einen kleinen Zugang dazu finden möge, wer auch immer dafür offen ist. Ein Zugang, der unweigerlich zu den Lehren und Lehrern führt, die wir für unser Wachstum in diesem Leben brauchen.

Bye bye, liebe Ashram-Blase – bis bald!

Und so komme ich nun zuhause und im Alltag an, außerhalb der „Ashram-Blase“, wie es eine liebe Person in meinem Leben bezeichnet. Doch die innere Ruhe, die tiefe Freude und Zufriedenheit ist völlig unabhängig von einer solchen Blase. Die Blase ist nur temporär nötig, um das Innenleben zu ordnen und die Aspekte unseres Lebens zu relativieren. Dann ist es möglich, im Sinn dieser Ruhe, Freude und Zufriedenheit seine Aufgaben im Leben zu erfüllen. Das betrifft sowohl meinen Beruf als Wissenschaftler und Berater als auch meine Berufung, Yoga, Meditation und Kontemplation im Sinne meiner Lehrer weiterzutragen. Darum gehe ich jedes Jahr für vier Wochen in mein persönliches Retreat in all seinen Herausforderungen. Dies ist für mich nötig, damit ich Euch in all meinen Yoga-Stunden, Einzel-Sitzungen und Workshops etwas authentisches aus dem Schatz der Traditionen der Selbstfindung und Selbstverwirklichung mitgeben kann. Ob Du es bemerkst oder nicht, es steckt in jeder Stunde, selbst wenn sie vordergründig “nur” auf Muskel- und Atemebene arbeitet …

 

 

Von Michael Nickel

Lass uns ein wenig mit Zahlen und Zuständen weiterspielen. Letzte Woche haben wir uns mit den 18 Kategorien des Friedens aus dem Sri Vidyarnava Tantra beschäftigt. Wenn es so viele Arten oder Aspekte des Friedens gibt, muss es dann nicht auch etliche verschiedene Aspekte geben, die uns den Frieden rauben? – So ist es! Klingt logisch und wenn sich Yogis über das unterhalten, was uns den Frieden raubt, werden dabei regelmäßig die fünf Kleshas aus Yoga Sutra 2.3 – 2.9 zitiert:

  • Avidya – die Unwissenheit über unser wahres Selbst.
  • Asmita – die Identifikation mit etwas, bzw. unsere Selbstidentifikation im Bezug auf Äußeres und Inneres.
  • Raga – Vorliebe, Zuneigung zu etwas.
  • Dvesha – Abneigung gegen etwas.
  • Abhinivesha – Die Angst vor der Vergänglichkeit und dem Sterben.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich jetzt stundenlang über den letzten Punkt – Abhinivesha – sinnieren und philosophieren könnte. Aber darum soll es gar nicht gehen. Wie so oft im Yoga Sutra handelt es sich bei den Kleshas um übergeordnete Konzepte, die auf den ersten Blick abstrakt erscheinen, weil sie im größtmöglichen Zusammenhang des menschlichen Geistes philosophisch betrachtet werden. Doch konkreter wird es wieder einmal, wenn wir im Zusammenhang mit den Kleshas in die tantrische Philosophie schauen. Das Netra Tantra etwa listet 14 psychische Zustände auf, die uns den Frieden rauben, weil sie eher dysfunktional sind. Diese wollen wir heute einmal näher betrachten. Ganz im Sinne von: “Kenne Deinen Feind” … Selbst wenn er im Innern lauert und viel mit Punkt 1 von oben zu tun hat: Avidya, der Ignoranz uns selber gegenüber. Doch der Reihe nach …

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