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Von Michael Nickel

Freust Du Dich auch so sehr über die Blüten, die uns die Natur im Frühjahr schenkt? – Das Frühjahr ist die Zeit des Aufblühens und des Neuanfangs, nachdem sich im Spätherbst und Winter der überwiegende Teil der Natur zurückgezogen hat und in die Ruhe gegangen ist. Bildlich gesprochen möchten wir Menschen wohl alle gerne das Gefühl des Aufblühens und des dauerhaften Blühens in unserem Leben haben. Doch nicht immer ist das der Fall. Nicht immer gelingt es uns, die Rahmenbedingungen dafür zu finden oder zu schaffen. Oft scheinen äußere Umstände dagegen zu stehen, die wir nicht beeinflussen können. Doch oft liegen jene Hindernisse, die unser Erblühen verhindern, in uns selbst, auch wenn dies nicht immer auf den ersten Blick sichtbar ist. Die Yoga-Philosophie spricht in diesem Zusammenhang von den Hindernissen oder Behinderungen auf unserem Yoga-Weg und Lebenspfad. Es ist als Konzept von Antaraya in Yoga Sutra 1.30 ausgeführt.

Antarayas nach Yoga Sutra
  • Krankheit
  • mentale Trägheit
  • Zweifel
  • Achtlosigkeit
  • Faulheit
  • Unfä­hig­keit, sich von Gelüsten der Sinne zurückzuziehen
  • Festhalten an falschem Verständnis
  • Unfähigkeit, Fortschritte zu erreichen
  • Unfähigkeit, den erreichten Fortschritt zu bewahren

Körperliche, mentale und emotionale Herausforderungen und Einschränkungen spielen in diesem Kontext wohl die herausragendste Rolle. Daher steht in Yoga Sutra 1.30 auch der Begriff der Krankheit oder des unausgewogenen Zustandes an erster Stelle. Dementsprechend ist das Beseitigen der Hindernisse, welche unserem Aufblühen im Wege stehen, oftmals – oder vielleicht sogar immer – ein Prozess der Heilung. Dies ist vielleicht nicht immer so offensichtlich, was vor allem daran liegt, wie wir im Deutschen heutzutage das Wort Heilung verwenden. Daher macht es unter Umständen mehr Sinn, in diesem Zusammenhang vom “heil werden” anstatt vom “heilen” zu sprechen, auch wenn es letztlich ein und dasselbe ist.

Was “Heilung” und “Heil sein” bedeutet

Das Wort Heilung steht stark im Spannungsfeld von “evidenzbasierter Medizin” und “alternativen Heilmethoden” und es existieren gar gesetzliche Vorgaben zum Umgang mit “Heilversprechen”. Kein Wunder, dass wir in diesem Kontext weitgehend vergessen haben, dass das Wort Heilung in seiner Abstammung vom germanischen haila nicht nur “gesund”, sondern auch “ganz” im Sinne von “komplett” oder “vollständig” bedeutet. In anderen Worten, “heil sein” ist ein Zustand, in dem nichts fehlt. Heilen oder heil werden bedeutet dementsprechend, einen Zustand zu erreichen, in dem wir uns auf allen Ebenen komplett fühlen. Weiterlesen

Von Swami Rama

Zitat aus seinem Buch
Die Kunst des freudvollen Lebens – Ein Handbuch des Glücks im Hier und Jetzt

Ein Schriftsteller sagte einmal treffend: »Wenn ein guter Gedanke nicht in die Tat umgesetzt wird, ist es entweder eine Art Verrat oder eine Abtreibung.« Es bedeutet, wir sollten zum Ausdruck bringen, was Gutes in uns ist. Aber was ist ein »guter Gedanke«? Ein guter Gedanke ist einer, der uns kreativ macht. Ein Gedanke, der keine Konflikte in uns erzeugt! Ein solch positiver Gedanke ist einer, der uns friedlich, ruhig, ausgeglichen, glücklich und fröhlich macht. Ein solcher Gedankengang sollte nicht unausgesprochen in uns sterben, noch sollte er in uns schlafen oder schlummern. Er sollte durch unser Denken, Handeln und Sprechen ausgedrückt werden.

 

Das Buch von Swami Rama “Die Kunst des freudvollen Lebens – Ein Handbuch des Glücks im Hier und Jetzt” erschien 2018 als deutsche Erstausgabe als bibliophiles Hardcover mit Leineneinband und Schutzumschlag im Agni Verlag. Du erhältst das Buch im Online-Shop des Agni Verlags, über unseren Amazon Verlagsshop oder im gutsortierten örtlichen Buchhandel. Die PDF Flipbook-Vorschau zu “Die Wissenschaft vom Atem” findest Du auf der Buchseite im Agni Verlag Webshop.

 

 

Von Swami Rama

Buchauszug aus seinem Buch
Die Wissenschaft vom Atem – Eine praktische Einführung in Atmung, Atemachtsamkeit und Pranayama

Der wichtigste Aspekt der Atemkontrolle ist die Zwerchfellatmung. Der Durchschnittsmensch benutzt beim Atmen seine Brustmuskeln eher als sein Zwerchfell, und diese Atmung ist normalerweise flach, schnell und unregelmäßig. Infolgedessen werden die unteren Lung­en­lappen, die eine reichliche Blutversorgung erhalten, nicht aus­reich­end belüftet, sodass der Gasaustausch zwischen der Luft in der Lunge und dem Blut unzureichend ist. Atemphysiologen bezeichnen dies als eine Anomalie der Atemwegsperfusion. Bei der Zwerch­fell­atmung werden solche Ungleichgewichte zwischen Beatmung und Perfusion minimiert. Es gibt auch Hinweise darauf, dass die Zwerch­fellatmung vorteilhaft ist, da sie den in der Brusthöhle erzeugten Saugdruck erhöht und den venösen Rückfluss von Blut verbessert, wodurch die Belastung des Herzens reduziert und die Durchblutung verbessert wird.

Obwohl die Brustatmung für die meisten von uns inzwischen natürlich und unwillkürlich geworden ist, ist sie wirklich ein Teil des Kampf- und Fluchtsyndroms, welches ausgelöst wird, wenn der Or­ga­nismus durch äußeren Stress oder Gefahr herausgefordert wird. Aufgrund der Wechselwirkung zwischen Atem und Geist führt die Brustatmung wiederum zu der mit der Kampf- und Fluchtreaktion verbundenen Spannung und Angst. Bei der Brustatmung ist der Atem flach, ruckartig und unsicher, was zu einer ähnlichen Un­sicherheit des Geistes führt. Alle Techniken, die auf die Entspannung von Körper, Nerven und Geist abzielen, sind wirkungslos, es sei denn, die Brustatmung wird durch eine tiefe, gleichmäßige und stetige Zwerchfellatmung ersetzt.

Gleichmäßige Zwerchfellatmung wiederherstellen

Obwohl die Zwerchfellatmung einfach, leicht und vorteilhaft ist, muss die Gewohnheit, sie anzuwenden, bewusst gepflegt werden, bevor sie automatisch erfolgen kann. Eine einfache Praxis, dies zu erreichen, ist, auf dem Rücken auf einer Matte oder einem Teppich zu liegen, wobei eine Handfläche auf der Mitte der Brust und die andere auf der Unterkante des Brustkorbes liegt, wo der Bauch beginnt. Beim Einatmen sollte sich die Unterkante des Brustkorbes ausdehnen und der Bauch anheben. Beim Ausatmen sollte das Gegenteil eintreten. Es sollte relativ wenig Bewegung in der oberen Brust geben. Durch das Praktizieren dieser Übung werden Sie zu gegebener Zeit feststellen, dass die Zwerchfellatmung zur Gewohn­heit und automatisch wird.

Als Nächstes sollten Sie die Gewohnheit der harmonischen, rhythmischen Atmung zusammen mit der Zwerchfellatmung pfle­gen. Die Beobachtung der Atemfrequenz pro Minute sowohl beim Ein- als auch beim Ausatmen ist sehr therapeutisch und keineswegs schwierig. Die Atmung zwischen sechzehn und zwanzig Atemzügen pro Minute gilt als durchschnittlich, aber wenn sowohl die Ein- als auch die Ausatmung immer langsamer und glatter werden, wird die Atmung einfacher.

Darüber hinaus sind sich moderne Wissenschaftler bewusst, dass beim Einatmen Plasma aus den Kapillaren in die Alveolen eindringt (es kehrt während der Ausatmung wieder in den Kreislauf zurück), sodass eine Verlängerung der Einatmung die verfügbare Zeit für diesen Transfer erhöht. Deshalb sollten Sie zuerst lernen, Ihre Einatmung zu verlangsamen. Die rhythmische Zwerchfellatmung bringt auch mehr Luft und Sauerstoff in die Bronchien der Lunge und in den Blutkreislauf. Es erhöht die Rückführung von venösem (sauerstoffarmem) Blut in die Lunge und führt zu einer erhöhten Durchblutung der Kapillaren der Alveolen.

Die Zwerchfellatmung kann in einer stabilen Standhaltung, einer stabilen Sitzhaltung oder durch Liegen auf dem Rücken mit den Händen an den Körperseiten, Handflächen nach oben und leicht auseinander liegenden Beinen praktiziert werden – letztere Position wird als Shavasana oder die Totenhaltung bezeichnet. Die Ausatmung sollte durch die Nasenlöcher erfolgen, und es sollte kein Geräusch in der Atmung sein. Nach dem vollständigen Ausatmen beginnt die Einatmung. Die Pause wird minimiert, man atmet wieder durch die Nasenlöcher und macht keine Geräusche.

Übung: Makarasana (Krokodilhaltung)

Wenn Sie die Zwerchfellatmung im Sitzen nicht hinbekommen oder aus irgendeinem Grund nicht üben können, dann beginnen Sie in der Krokodilhaltung. Legen Sie sich auf den Bauch, legen Sie die Beine in einem angenehmen Abstand voneinander und richten Sie die Zehen nach außen. Falten Sie die Arme vor dem Körper und legen Sie die Hände auf den Bizeps. Positionieren Sie die Arme so, dass die Brust den Boden nicht berührt, und legen Sie die Stirn auf die Arme.

Diese Haltung ist ein hervorragendes Lehrmittel, denn sie er­möglicht es Ihnen, das Gefühl zu erleben, mit dem Zwerchfell zu atmen. Denn wenn Sie einatmen, spüren Sie, dass der Bauch gegen den Boden drückt, und wenn Sie ausatmen, spüren Sie, wie sich die Bauchmuskeln entspannen. So ist es einfach, die Bewegung der Membran in dieser Haltung zu bemerken.

Übung: Sandsack-Atmung

Diese Praxis wird die Bauch- und Zwerchfellmuskulatur stärken. Es wird auch dazu beitragen, die Bewegung der Lunge in Zusammen­arbeit mit der Bewegung der Muskeln des Zwerchfells zu regulieren. Legen Sie sich in Shavasana auf den Rücken, schließen Sie sanft Ihre Lippen und entspannen Sie Ihren Körper von Kopf bis Fuß. Beruhigen Sie Ihren Atem. Legen Sie nun vorsichtig einen zwei bis drei Kilogramm schweren Sandsack auf Ihren Bauch. Wenn Sie Herz­probleme, Lungenprobleme oder Blutdruckanomalien haben, legen Sie den Sandsack auf die Muskeln unter dem Nabel, aber stellen Sie sicher, dass kein Teil des Sandsacks vom Beckengürtel gestützt wird.

Schließen Sie die Augen und atmen Sie. Spüren Sie, wie der Sandsack beim Einatmen aufsteigt und beim Ausatmen fällt. Sie müssen sich bemühen, einzuatmen, aber die Ausatmung sollte mühe­los sein. Nach drei bis fünf Minuten nehmen Sie den Sandsack weg und entspannen sich noch ein paar Minuten auf dem Rücken.
Wenn Sie regelmäßig praktizieren, können Sie das Gewicht des Sandsacks alle zwei Wochen erhöhen. Aber tun Sie dies allmählich, bleiben Sie innerhalb Ihrer komfortablen Kapazität, und über­schreiten Sie nicht mehr als sieben bis acht Kilogramm.

Vorteile der Zwerchfellatmung

Die Zwerchfellatmung senkt die Atemfrequenz erheblich. Es ist die Grundübung, die man praktiziert, um die höheren Praktiken zu erreichen, und Nutzen aus der Wissenschaft des Atems zu ziehen. Die Atmung von Luft in die tiefen Bereiche der Lunge ist in jeder Hinsicht gesund. Da der Herzbeutel am Zwerchfell befestigt ist, bewirkt der Prozess der tiefen Atmung, dass das Zwerchfell sich senkt und das Herz nach unten in Richtung Bauch gestreckt wird. Wenn die Lungen von unten nach oben mit Luft gefüllt sind, drücken sie sich zusammen und massieren das Herz sanft. Während sich das Zwerchfell zusammenzieht, und entspannt, massiert es auch Herz, Leber und Bauchspeicheldrüse und hilft, die Funktionen von Milz, Magen, Dünndarm und Bauch zu verbessern.

Wenn die Praxis der rhythmischen Zwerchfellatmung mindestens zwei Monate lang zehnmal täglich durchgeführt wird, mit all­mählicher und gleichmäßiger Verlängerung der Ein- und Ausatmung, erlebt der Körper ein Gefühl der tiefen Entspannung und Ruhe – erholsamer als der tiefste Schlaf. Man bleibt frei von dem Stress und der Anstrengung, die die Ursache für viele körperliche und psychosomatische Krankheiten ist. Die Nerven werden ruhig sein, und die Stimme und das Gesicht werden Gelassenheit ausstrahlen.

 

Das Buch von Swami Rama “Die Wissenschaft vom Atem – Eine praktische Einführung in Atmung, Atemachtsamkeit und Pranayama” erschien 2019 als deutsche Neuübersetzung als Softcover im Agni Verlag. Du erhältst das Buch im Online-Shop des Agni Verlags, über unseren Amazon Verlagsshop oder im gutsortierten örtlichen Buchhandel. Die PDF Flipbook-Vorschau zu “Die Wissenschaft vom Atem” findest Du auf der Buchseite im Agni Verlag Webshop.

 

 

Von Swami Rama

Bonuskapitel zum Buch
Liebe flüstert – Gedichte und Prosa eines Reisenden durch Zeit und Raum. Mystische Liebeserklärungen an die Göttliche Mutter

 

O kleiner Lebensstrom, zieh fort aus dieser Abgeschiedenheit.
All deinen Wassern entsage ich; fließe frei und geh deines Wegs.
Mit voller Hingabe möge dein Fließen gut sein;
Nach vielen Tagen werden meine Gefährten dich finden.

Einst saß ich auf dem Berg und schaute auf den Ganges. Die mondhelle Nacht ließ ihr Licht auf dem silbernen Sand ver­blassen, und mir kam ein schluchzender Gedanke in den Sinn aus längst vergessener Vergangenheit, der sagte: »Die Freude, die mit ihren Tränen auf dem roten Lotus des Schmerzes still­sitzt, wächst in meinem Herzen. Der sanfte Vogel meines Geistes reiste weit und jenseits der goldenen Winkel von Sonne, Mond und Sternen auf der Suche nach Dir, kehrte aber unerfüllt an seinen Wohnort zurück. Nach einer Weile wurde mir klar, dass die Freude, welche mich dazu zwang, auf der Bühne des Lebenstheaters zu tanzen, alles, was es hat, in den Staub wirft und kein Wort kennt: Schweigen, Schweigen, Schweigen. Der rhythmische Tanz der Vorsehung zwingt mich zu atmen – also atme ich. Seitdem sind Freude und Leid in meinem Leben zu einem einzigen Lied vermengt, das ich niemals singe. Von diesem Augenblick an habe ich schmerzvermengte Freude ohne jedes Maß erlebt. Eines Tages erhellte plötzlich ein Lichtstrahl mein Wesen, und Menschen, die mich kannten, fragten sich, wie sich mein Leben verändert hatte. Weiterlesen

Von Michael Nickel

Was assoziierst Du mit Winter? – Wenn wir diese Frage stellen, bekommen wir oft ganz gegensätzliche Reaktionen. Bei den einen glitzern die Augen, angesichts der Vorstellung, sich die Skier unter die Füße zu schnallen und die Piste hinab zu wedeln. Bei den anderen verzieht sich das Gesicht zu einer säuerlichen Miene, angesichts langer, dunkler Nächte und feucht-kaltem Schmuddelwetter. Doch ganz egal, welche Beziehung Du zum Winter hast, es ist ziemlich wahrscheinlich, dass dieser Winter “anders als sonst” sein wird und dass wir ihn alle als herausfordernd wahrnehmen werden, angesichts von Corona-Pandemie und persönlichen Einschränkungen durch Lockdown und Co, bis hin zum Verzicht des geliebten Ski-Urlaubs oder eines winterlichen Wellness-Retreats.

Doch nicht verzagen! Auch wenn Du Dir dessen vielleicht nicht so wirklich bewusst bist: Uns wurde etwas Großartiges geschenkt, bei unserer Geburt, das immerzu bei uns bleibt und allzeit das tut, was wir verlangen. Ein wunderbares Geschenk, das sich, solange wir leben, nicht aufbraucht und uns als treuster Freund begleitet. Ein Geschenk, das uns jederzeit aufmuntern kann und ein Freund, der uns in diesem Pandemie-Winter der Einschränkungen nie verlässt und auf seine Weise uneingeschränkt zur Seite steht: unser Atem!

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Vollmondtexte Meditation

Liebe Freunde,

im Namen meiner Lehrer Swami Rama und Swami Veda Bharati lade ich Euch zusammen mit dem Team von Agni-Magazin und Agni Verlag herzlich ein, der weltweiten Vollmond-Meditation, wo immer ihr seid, beizuwohnen. Zu jedem Vollmond versammeln sich alle spirituellen Freunde, um eine Stunde oder solange wie es euch möglich ist, in stiller Kontemplation und Konzentration auf das persönliche Mantra oder das universelle Mantra SO in der Einatmung und HAM in der Ausatmung zu verweilen. Auf diese Weise vereinen wir uns als spirituelle Freunde und ermutigen uns gegenseitig, wo immer wir sind, spirituelle Freundeskreise mit dem Ziel der gegenseitigen Würdigung, des gegenseitigen Zuhörens und des gemeinsamen Lernens zu bilden. Die gemeinsame Stille der Vollmondnacht – jeweils zwischen 21 und 22 Uhr – wird uns dabei auf wundersame Weise vereinigen. In liebevoller Verbundenheit wünsche ich Euch eine erbauende stille Stunde, Mut und Inspiration.

Euer
Wolfgang Bischoff

Von Michael Nickel

Diese Woche wurde ich gefragt, welche Philosophie für mich den “besten Weg zur Freude” verkörpert. Ich musste wirklich etwas darüber nachdenken. Es gibt sicher viele Wege zur Freude – doch gibt es unfehlbare Wege? Bei aller yoga-philosophischen Prägung, die ich in den letzten Jahren erfahren habe, ging es dann doch “back to the roots” und ich kam bei der Bibel an, bei einem Prinzip, das unsere westliche demokratische Gesellschaft in den Grundfesten mitgeprägt hat: Die Philosophie hinter dem Gebot der Nächstenliebe, Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Als Kind dachte ich, dass Nächstenliebe bedeutet, anderen bedingungslos etwas Gutes zu tun. Das mag so gelten, aber letztlich ist es erst der zweite Schritt oder anders gesagt, die Konsequenz der Nächstenliebe. Denn, um jemandem bedingungslos etwas Gutes zu tun, müssen wir erst einmal bereit sein, das innere Bewerten sein zu lassen. Wir müssen jemanden so akzeptieren, wie sie oder er ist, damit wir überhaupt auch nur bereit sind, diesem jemand etwas Gutes zu tun. Dabei vergessen wir oft den zweiten Halbsatz: wie Dich selbst!

Das Ausrufezeichen hinter diesem Halbsatz kann gar nicht fett genug sein. Denn der zweite Halbsatz drückt gleich Zweierlei aus. Erstens: Akzeptiere Dich selbst, so wie Du bist und tu Dir selbst Gutes. Zweitens: Andere zu akzeptieren und ihnen Gutes zu tun, geht nur, wenn wir dieses Prinzip zunächst auf uns selber anwenden. Es ist eine Art Vorbedingung. Wie könnte man erwarten, anderen in Reinheit etwas Gutes tun zu können, wenn man sich im Herzen nicht selbst achtet und liebt?

Interessanterweise finden wir genau dieses Prinzip auch in der Yoga-Philosophie wieder, allerdings in einer Weise, die selbst für viele Yogis im Westen eine unorthodoxe Sichtweise darstellt, denn es geht dabei um den Begriff “Vairagya” oder “Nicht-Anhaftung”. Der Weise Bengali Baba brachte gegenüber seinem Schüler Swami Rama Folgendes zum Ausdruck:

»Viele Menschen verwechseln Anhaftung mit Liebe. Doch in der Anhaftung werden wir egoistisch, fokussiert auf die eigene Freude – und wir missbrauchen dann die Liebe. Wir werden besitzergreifend und versuchen alle Objekte unserer Sehnsüchte zu erlangen. Anhaftung erzeugt Fesseln, während Liebe Freiheit schenkt. Wenn Yogis von Nicht-Anhaftung sprechen, lehren sie nicht Gleichgültigkeit, sondern sie lehren, wie man andere wahrhaftig und selbstlos lieben kann. Nicht-Anhaftung oder Liebe kann gleichermaßen von denen praktiziert werden, die in der Welt leben, wie auch von denen, die der Welt entsagt haben.«

Aus: Swami Rama – Mein Leben mit den Meistern des Himalayas

Jeder kann also Nicht-Anhaftung praktizieren! Jeder kann lieben! Das Zitat führt uns gleich mehrfach zurück zum Anfang meiner Überlegung: Zur Frage nach “dem besten Weg in die Freude”. Es geht nicht darum, in eine oberflächliche Freude zu gelangen. Genausowenig wie es in der Nächstenliebe oder der Selbstliebe um eine oberflächliche Liebe geht. Um wahrhaftige Liebe oder Nicht-Anhaftung, um in den Worten von Bengali Baba zu bleiben, wie auch unsere tiefgründige Freude zu erfahren, müssen wir nichts “tun”. Beides ist eine Frage des Annehmens, des Geschehenlassens, das sich nur in einer Grundentspannung unseres Wesens entfalten kann, die man wiederum nicht “erzeugen” kann. Ganz so wie ein Baum, der das Geschenk des Sonnenlichtes und des CO2 annimmt und basierend darauf durch die Photosynthese in Zucker (oder Selbstliebe) und Sauerstoff (oder Nächstenliebe) produziert. Unsere Nächstenliebe und unsere Nicht-Anhaftung manifestieren sich dementsprechend als Geschenk aus dem entspannten Gleichmut oder einer entsprechenden Gelassenheit heraus – und dieser ist die Folge oder das Geschenk unseres Übens von Yoga im Sinne des Yoga Sutra.

Oder wie Pathabi Jois, der Gründer des Ashtanga Yoga-Stils, es ausdrückte: “Übe – und alles wird kommen.” Jeder Tag gibt uns die Gelegenheit dazu. Und zugleich ist das Üben ein positiver Akt der Selbstliebe. Hört sich das nicht nach einer positiven Feedback-Schleife an? – Um so besser, denn den Ausdruck negativer mentaler Teufelskreise finden wir in unseren herausfordernden Zeiten ja eh schon oft genug. Zeit also, dem etwas entgegenzusetzen: Selbstliebe, Nächstenliebe, Nicht-Anhaftung – und üben, üben, üben!

 


Von Michael Nickel

Die Yoga-Philosophie bringt immer und immer wieder zum Ausdruck, dass wir – so schwierig uns das manchmal auch scheinen mag – die Meister unseres Geistes und damit unseres direkten “Schicksals” sind. Es ist also nicht anders herum, auch wenn wir im Leben oft handeln, als sei der Geist unser Meister und das “Schicksal” vollkommen von außen bestimmt. Wir brauchen wieder und wieder die Erinnerung, dass wir die Wahl haben, was wir von außen annehmen – ja sogar die Wahl, was wir von dem Annehmen, was unser Geist täglich “ersinnt und erspinnt”. Swami Rama gießt dies in eines meiner liebsten Bilder, das zutiefst bedeutungsvolle vedische Symbol des Schwans:

Dem Schwan wird die Fähigkeit zugeschrieben, aus einer Mischung von Milch und Wasser nur die Milch herauszutrennen und nur diese zu trinken. In ähnlicher Weise ist diese Welt eine Mischung aus zwei Dingen: dem Positiven und dem Negativen. Der weise Mensch wählt und nimmt das Positive und lässt das Negative zurück.

Swami Rama
(aus Mein Leben mit den Meistern des Himalayas)

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Von Michael Nickel

Wie wird uns wohl der Herbst 2020 in Erinnerung bleiben? – Wie unterschiedlich dies auch sein mag, wir werden uns wohl noch lange an die Herausforderungen erinnern, vor welche uns die Corona-Pandemie persönlich, gesellschaftlich und politisch derzeit stellen. Auch wir im Agni Verlag sind nicht davon verschont geblieben: die Buchverkäufe sind über das Jahr hinweg drastisch reduziert und sie brechen bei jedem Lockdown von Neuem radikal ein. Und das, obwohl unsere Bücher durchweg genau das vermitteln, was wir in herausfordernden Zeiten am dringendsten brauchen: eine positive Weltsicht und vor allem praktische Hinweise, wie wir in die innere Ruhe finden und dann die Welt aus dieser Perspektive mit “neuen uralten” Augen betrachten. Denn die Perspektive aus unserer inneren Ruhe heraus ist die ursprünglichste Perspektive, die wir einnehmen können.

Dazu fällt mir ein Zitat meines “Lehrer-Großvaters” ein, an das ich mich in herausfordernden Zeiten trotz aller Widrigkeiten gerne halte:

Das Leben ist ein wunderbares Lied.
Öffne dein Herz und erfreue dich an seiner Melodie.
Wenn du dich auf dieses Lied eingestimmt hast,
wirst du erkennen, dass dessen Komponist
auf der Lotusblüte deines Herzens thront.

Swami Rama
(1925 – 1996)

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Von Swami Rama

In allen spirituellen Traditionen wird dieser Tag als besonders heilig angesehen. Denn an diesem Tag wird den Schülern bewusst, dass man das Leben nicht nur in der äußeren Welt leben sollte – vielmehr gibt es etwas Höheres, Tieferes, als das, was man bisher getan hat. Ihnen werden ihre inneren Zustände bewusst. Aber um dieses Etwas zu finden, braucht man einen spirituellen Führer oder Meister. Dann wird es einfach. Dein Meister teilt seine Erfahrungen, die ihm von seinem Meister vermittelt wurden. So existiert eine lange Kette von Weisen und Traditionen, und diese vermitteln ihr Wissen liebevoll und selbstlos an ihre Schüler. Weiterlesen