Meditation: Die universelle Wissenschaft für innere Heilung

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Lesedauer 9 Minuten

Von Swami Rama

In jeder Gesellschaft werden den Menschen die Fähigkeiten beigebracht, die sie brauchen, um in ihrer Kultur zu überleben und zu funktionieren: wie man spricht, denkt, arbeitet und die Objekte und Erfahrungen der äußeren Welt erforscht. Wir lernen Wissenschaften wie Biologie, Ökologie und Chemie, um die Welt, in der wir leben, zu verstehen, doch wir werden nicht gelehrt, unsere eigenen inneren Dimensionen zu verstehen oder zu beachten. Wir lernen, uns die Ziele, Moden und Werte unserer Gesellschaft anzueignen, ohne uns vorher selbst zu kennen. Das macht uns unwissend über uns selbst und abhängig von den Ratschlägen und Vorschlägen anderer.

Deshalb ist Meditation so wichtig. Meditation ist eine subtile und präzise Technik, mit der wir lernen, auf die verschiedenen Ebenen von uns selbst – den Körper, den Atem und den Geist – zu achten und sie zu verstehen. Meditation ist keine Religion. Sie ist eine praktische, wissenschaftliche und systematische Technik, um uns auf allen Ebenen kennenzulernen. Meditation gehört keiner Kultur an, doch ist sie eine einfache Methode, um die inneren Dimensionen des Lebens zu erforschen und uns schließlich in unserer eigenen wesentlichen Natur zu verankern.

 

„Meditation ist keine Religion. Sie ist eine praktische, wissenschaftliche und systematische Methode, um uns selbst auf allen Ebenen zu erkennen.“

Die Wissenschaft der Meditation wurde im alten Indien während der Zeit der Upanishaden vor mehr als 3.000 Jahren systematisch entwickelt. Später wurde sie von dem Seher Patanjali weiterentwickelt, und die entwickelten Praktiken verbreiteten sich weit und breit. So gründeten indische Mönche um das dritte oder vierte Jahrhundert nach Christus eine Meditationsschule in Ägypten und um 525 nach Christus in China. Später gelangten die Lehren auch nach Japan. Das Wort Zen leitet sich von dem Sanskritwort dhyana ab, welches „Meditation“ bedeutet. In der christlichen Tradition wurde eine Meditationsschule vom Heiligen Antonius gegründet, und die Methoden der Meditation waren Heiligen wie dem Heiligen Franziskus bekannt. Doch aus Angst, dass sie zum Gegenstand religiöser Verfolgung werden könnte, blieb die Kunst der Meditation im Schoß einiger weiser Heiliger verborgen.

Im Laufe der Jahrhunderte haben die Yogis die Meditation zu einer hochentwickelten und systematischen Wissenschaft zur Erweiterung des Bewusstseins entwickelt, denn im Yoga wird von blindem Glauben immer abgeraten. Bestimmte Praktiken werden beschrieben, ebenso wie die Ergebnisse, die durch ihre Anwendung erzielt werden können, und von dem Suchenden wird erwartet, dass er sich durch Erfahrung von ihrer Gültigkeit überzeugt. Bei diesem empirischen Ansatz ist die eigene Erfahrung eines Bewusstseinszustandes der Beweis für seine Existenz. Ein anderer Beweis kann nicht erbracht werden; ein anderer Beweis ist nicht notwendig.

Die heilende Kraft der Meditation

Meditation ist von Anfang an therapeutisch. Sie hilft, das autonome Nervensystem zu entspannen und befreit so von muskulären Verspannungen und mentalem Stress. Wer meditiert, gelangt allmählich zu einem ruhigen Geist, und das hilft dem Immunsystem, indem es seine Reaktion auf Stress und Belastungen einschränkt. Du wirst feststellen, dass schon einige Wochen aufrichtiger Anstrengung dir helfen, deinen Appetit bis zu einem gewissen Grad zu kontrollieren und sogar deine emotionalen Reaktionen, wie zum Beispiel Wut.

In der modernen Welt haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erkannt, dass die meisten Krankheiten bis zu einem gewissen Grad als psychosomatisch eingestuft werden können und ihren Ursprung in Gedanken und Gefühlen haben – oder zumindest von ihnen beeinflusst werden. Und wenn Krankheiten ihren Ursprung in unserem Geist und unseren emotionalen Reaktionen haben, wie kann dann eine externe Therapie allein deine Gesundheit wiederherstellen? Du wirst von einem Therapeuten oder Arzt abhängig, wenn du nicht versuchst, deinen eigenen Geist und deine Gefühle zu verstehen. Im Gegensatz dazu macht dich die Meditation selbständig und hilft dir, die innere Stärke zu erlangen, die du brauchst, um mit allen Problemen des Lebens fertig zu werden.

Meditation verringert dein Schlafbedürfnis und versorgt deinen Körper und Geist mit Energie; sie ist ein systematisches Mittel, um deine angeborenen Talente zu fördern. Ich habe dieses Ergebnis bei Schülern aus allen Lebensbereichen beobachtet. Mit der Zeit wirst du feststellen, dass du die positiven Ergebnisse der Meditation – mehr Freude, Klarheit und Bewusstheit – ebenso genießt wie die Erleichterung, die du erfährst, wenn du die körperlichen, nervlichen und mentalen Stresssymptome loslässt. Du wirst auch feststellen, dass du in jeder Situation, egal ob du sie als gut oder schlecht einstufst, zentrierter und ungestörter bleiben kannst.

Der Beginn deiner inneren Erkundung

Die lateinische Wurzel des Wortes Meditation ist ähnlich wie die Wurzel für medizinisch oder medikamentös und bedeutet so viel wie „sich um etwas kümmern“ oder „auf etwas achten“. In der Meditation achtest du auf deine eigenen tiefsten, innersten Ebenen – Dimensionen von dir, die du nur selten kennst. Diese tieferen Ebenen sind tiefgründiger als die Prozesse des Denkens, Analysierens, Tagträumens oder des Erlebens von Emotionen oder Erinnerungen. Bei der Meditation geht es um eine Art innerer Aufmerksamkeit, die ruhig, konzentriert und gleichzeitig entspannt ist. Es ist nicht schwierig oder anstrengend, diese innere Aufmerksamkeit zu entwickeln; du wirst sogar feststellen, dass der Prozess der Meditation für deinen Geist erholsam ist. Am Anfang besteht die größte Schwierigkeit jedoch darin, dass unser Geist noch nicht darauf trainiert ist, diese innere Aufmerksamkeit zu entwickeln.

Um meditieren zu können, musst du lernen:

  • Wie man den Körper entspannt
  • Wie du in einer bequemen, ruhigen Position für die Meditation sitzen kannst
  • Wie du deine Atmung ruhig gestalten kannst
  • Wie du die Objekte, die in deinem Geist unterwegs sind, in aller Ruhe betrachten kannst
  • Wie du die Qualität deiner Gedanken überprüfst und lernst, diejenigen zu fördern, die positiv und hilfreich für dein Wachstum sind

Nachdem du die Stille mit Hilfe der meditativen Haltung erreicht hast, wirst du dir der Hindernisse bewusst, die durch Muskelzuckungen, Zittern in verschiedenen Körperteilen, Schütteln und Juckreiz entstehen. Diese Hindernisse entstehen, weil der Körper nie darauf trainiert wurde, still zu sein. Wir werden darauf trainiert, uns in der äußeren Welt immer schneller zu bewegen, doch niemand trainiert uns, still zu stehen. Um diese Stille zu lernen, solltest du dir eine regelmäßige Gewohnheit aneignen. Um diese Gewohnheit zu bilden, solltest du lernen, regelmäßig und pünktlich zu sein, indem du jeden Tag zur gleichen Zeit und am gleichen Ort die gleiche Haltung übst, bis der Körper aufhört, gegen die ihm auferlegte Disziplin zu rebellieren. Dieser Schritt ist zwar grundlegend, aber er ist wichtig und sollte nicht ignoriert werden. Andernfalls wirst du die Früchte der Meditation nicht ernten können und deine Bemühungen werden umsonst sein.

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Einen Fokus finden

In der Meditation versuchen wir, die vielen mentalen Ablenkungen, Sorgen, flüchtigen Gedanken und Assoziationen loszulassen, die wir normalerweise im Wachzustand erleben, und diese mentalen Aktivitäten durch eine ruhige, mühelose, einpünktig-fokussierte Aufmerksamkeit und Bewusstheit zu ersetzen. Wir tun dies nicht, indem wir versuchen, den Geist leer zu machen (was ohnehin unmöglich ist), doch wir erlauben dem Geist, sich auf ein subtiles Element oder Objekt zu konzentrieren. Dadurch wird die Aufmerksamkeit weiter nach innen gelenkt. Indem wir unsere Aufmerksamkeit auf ein einziges inneres Element richten, helfen wir dem Geist, andere stressige mentale Prozesse wie Sorgen, Planen, Denken und Überlegungen zu stoppen.

Meditationsschüler können einen Klang (Mantra) oder ein visuelles Bild (Yantra) verwenden, um den Geist zu konzentrieren. Ein Mantra kann ein Wort, eine Phrase, eine Reihe von Klängen oder einfach eine Silbe sein. Die Konzentration darauf hilft den Schüler, nutzlose, ablenkende mentale Prozesse loszulassen und ermöglicht es ihnen, tiefer in sich zu gehen. Alle großen spirituellen Traditionen, sowohl die alten als auch die modernen, haben ein System, um eine solche Silbe, einen Klang oder eine Reihe von Worten auszusprechen, die wie ein Mantra wirken. Om, Amen und Shalom sind Beispiele dafür. Mantras haben eine starke Wirkung auf der mentalen Ebene, und diejenigen, die diese große und tiefgründige innere Wissenschaft beherrschen, können Schüler auf den Weg führen. Die Präliminarien sind einfach und leicht und können ohne die Anleitung eines Lehrers geübt werden, doch wenn ein Suchender beginnt, sich mit dem Geist selbst zu beschäftigen, ist ein entsprechendes Mantra notwendig. Der Lehrer wählt das Mantra je nach dem Zustand des Geistes und dem Ausmaß des brennenden Wunsches, die innerste Wahrheit aufzudecken.

Die Verwendung eines Mantras, das von einem in der meditativen Tradition versierten Lehrer gegeben wird, kann kraftvolle und effektive Ergebnisse erzielen. Die Meditationstexte und -schriften sprechen ausführlich über dieses Thema. Patanjali, der Begründer der Yoga-Wissenschaft, sagt, dass ein Mantra die innerste Quelle des Bewusstseins repräsentiert und somit eine Brücke zwischen dem sterblichen und dem unsterblichen Teil des Lebens bildet. Wenn sich der Körper, der Atem und der bewusste Geist zum Zeitpunkt des Todes vom unbewussten Geist und der individuellen Seele trennen, erzeugt das Mantra, an das sich der Meditierende bewusst erinnert hat, weiterhin Eindrücke im unbewussten Geist. Das sind starke Motivatoren, die dem Suchenden in dieser Zeit des Übergangs helfen. Mit Hilfe des Mantras wird es leichter, die unbekannte Reise anzutreten.

Meditation

Valide Techniken

So wie es viele verschiedene Wege zum Gipfel eines Berges gibt, so gibt es auch viele scheinbar unterschiedliche Meditationstechniken. Doch alle haben das gleiche Ziel: einen Zustand der inneren Konzentration, Ruhe und Gelassenheit zu erreichen. Jede Übung, die dir hilft, dies zu erreichen, ist nützlich. Es gibt viele valide Meditationstechniken, so dass es eigentlich keinen Unterschied zwischen einer Art von authentischer Meditation und einer anderen gibt, solange sie das Ziel haben, dir zu innerer Stille und Konzentration zu verhelfen.

Doch manchmal verstricken sich Menschen darin, Meditationsmethoden zu vergleichen oder darüber zu streiten, welche Tradition oder welcher Lehrer „der Beste“ ist. Gute Meditationslehrer erkennen und respektieren die Universalität der Meditation und fördern keine eigennützigen oder kultischen Unterscheidungen über ihre eigenen Techniken. Meditation ist ein nützlicher und fruchtbarer Weg, um alle Ebenen des Lebens systematisch zu ergründen. Sie ist positiv und wertvoll, solange die Lehrer nicht egoistisch werden und versuchen, einen Meditationsstil als ihren eigenen zu beanspruchen oder darauf zu bestehen, dass ihre Technik anderen überlegen ist.

Um in der Meditation voranzukommen, musst du zuerst klar verstehen, was Meditation ist. Wähle dann eine Praxis aus, die für dich angenehm ist, und übe sie eine Zeit lang konsequent aus – wenn möglich jeden Tag und jeden Tag zur gleichen Zeit. Du wirst definitiv Fortschritte machen, wenn du regelmäßig meditierst – es ist nicht möglich, dass du keine Fortschritte machst, wenn du die Praxis ausübst. Wie glücklich können sich diejenigen schätzen, die sich dieser Tatsache bewusst werden und zu meditieren beginnen. Noch glücklicher sind diejenigen, die weiter meditieren. Am glücklichsten sind die wenigen, die Meditation zur obersten Priorität in ihrem Leben erklärt haben und sie regelmäßig praktizieren.

 

Dieser Artikel erschien zuerst im englischen Original im Yoga International Magazin. Deutsche Übersetzung von Michael Nickel und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Himalayan Institute.

 

Swami Rama
Swami Rama

Swami Rama (1925-1996) ist einer der großen Weisen, Lehrer, Autoren und Humanisten des 20. Jahrhunderts, sowie der Gründer des Himalayan Institutes (USA) und des Himalayan Institute Hospital Trusts (Indien). Geboren in Nordindien, wurde er von frühester Kindheit an von Bengali Baba, einem Meister aus dem Himalaya, aufgezogen. Unter der Leitung seines Meisters reiste er von Kloster zu Kloster und studierte bei einer Vielzahl von Heiligen und Weisen im Himalaya, einschließlich seines Großmeisters, der in einer abgelegenen Region Tibets lebte. Zusätzlich zu diesem intensiven spirituellen Training erhielt Swami Rama eine höhere Ausbildung in Indien und Europa. Von 1949 bis 1952 hatte er die angesehene Position des Shankaracharya von Karvirpitham in Südindien inne. Danach kehrte er zu seinem Meister zurück, um sich in seinem Höhlenkloster weiterzubilden, und schließlich kam er 1969 in die Vereinigten Staaten, wo er das Himalayan Institute gründete. Sein bekanntestes Werk, Mein Leben mit den Meistern des Himalayas, enthüllt die vielen Facetten dieses einzigartigen Adepten und zeigt seine Verkörperung der lebendigen Tradition des Ostens.

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