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Von Michael Nickel

„Mein Haus, mein Auto, meine Yacht, meine Freundin!“ … vielleicht erinnerst Du Dich an eine Versicherungswerbung in der grauen Vorzeit des Fernsehens, die mit dem Thema Selbstidentifikation über Besitztümer gespielt hat, indem sie einen dezent grauharigen Mitlife-Mann – sprich: ein Grufti – die Fotosammlung seiner Errungenschaften auf den Tisch knallen ließ. Aber vielleicht erinnerst Du Dich auch nicht daran … schließlich würden mich viele jungen Leute heutzutage selber schon als „Grufti“ bezeichnen – und vermutlich bin ich das auch, denn erstens bin ich über 50, zweitens weiß ich, was ein Telefonhörer ist und wie man eine Wählscheibe bedient und drittens kenne ich noch nicht einmal die Begriffe, mit denen heute das bezeichnet wird, was man in meiner Jugend als „Grufti“ bezeichnet hat… Nun ja, egal! Zurück zur Sache! Es geht zum Einstieg ins heutige Gedankenfutter über die Tendenz von uns Menschen, eine Menge Stolz zu entwickeln, wenn wir etwas erlangt haben – sei dieses Etwas materiell oder immateriell.

Beim letzten Teilsatz müssen wir dann alle vielleicht nochmal genauer hinhören: ja, richtig, wir entwickeln denselben Stolz auf Immaterielles wie auf Materielles. Viele von uns, die sich über bewusstes Leben Gedanken machen und versuchen, etwas moderater zu leben, lachen vielleicht insgeheim über die Vorstellung des Midlife-Crisis-Mannes, der von einer materiellen Errungenschaft zur nächsten hechelt … Aber seien wir doch mal ehrlich. Diesen Stolz findet man bei so gut wie allen Menschen, auch denen, die auf dem spirituellen Pfad sind. Die einen sind Stolz auf ihren Handstand, die anderen sind stolz, wie schön sie Kirtan singen können, die nächsten sind stolz, wie lange sie die Luft anhalten können, wieder andere, wie lange sie in der Meditation sitzen können, dann nochmal andere darauf, welchem „Guru“ sie folgen und nicht wenige Swamis sind stolz darauf, Swamis zu sein, und so weiter und so fort.

Zugegebenermaßen eine Überspitzung, Ich weiß! Und sicher riskiere ich gerade damit, 90 Prozent der Leserschaft auf einen Schlag zu verlieren! Doch es führt nun mal kein Weg an diesem Spiegel vorbei: wir alle identifizieren uns mit etwas und aus dieser Identifikation entsteht ein innerer Stolz, den wir manchmal auch nach außen tragen. Selbst wenn wir denken, dass unsere Selbstidentifikation oder unser Asmita – um mal wieder schlauisch, yogisch und sanskritisch zu reden – sich im Rahmen hält. unsere Sprache verrät dann doch immer wieder, wie es wirklich um unsere Selbstidentifikation steht. Weiterlesen

Von Michael Nickel

„Die Welt ist zum verrückt werden!“ – Oder nicht? – Ohne Zweifel leben wir in einer Zeit, in der die Meisten von uns täglich mit mehr Herausforderungen konfrontiert werden, als uns gut tut. Aber sollen wir deswegen wirklich gleich verrückt werden? – Zum Glück muss es soweit nicht kommen. Die Yoga-Philosophie mit ihrer grundlegend konstruktiven Sichweise auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest bringt es ja in Yoga Sutra 2.16 schön auf Sanskrit zum Ausdruck: „heyam dukham anagatam“ – oder zu gut Deutsch: „Zukünftiges Leid ist vermeidbar“. Und zwar vermeidbar im Sinne von: es muss sich für uns nicht manifestieren. Es heißt jedoch nicht, dass wir den Kopf in den Sand stecken und die Dinge an uns vorbei ziehen lassen oder dass wir vor den Herausforderungen der Welt davonlaufen. Diese Sichtweise auf unsere Handlungsspielräume als Mensch sagt lediglich: wir können die Dinge so tun, dass das Leid ausbleibt.

„Potentielles zukünftiges Leid kann vermieden werden!“

Man könnte nun natürlich einwenden: „Ich hab doch keinen Einfluss auf das große Weltgeschenen, wie soll ich also das Leid vermeiden, das durch Krieg, Hunger, Energiekrise, Inflation, Materialmangel und was noch alles in der Welt entsteht?“ – Na, ist beim Lesen dieser Begriffe der Blutdruck schon hochgegangen? Der Puls schneller geworden? Die Laune in den Keller gegangen? – Sorry, aber da sind wir dann schon wieder beim persönlichen Leid! Doch nicht wegklicken jetzt, es kommt ja besser! Was in Yoga Sutra 2.16 angesprochen wird, hat wirklich Hand und Fuß: wir müssen nicht an potentiellen Dingen leiden, die noch nicht eingetreten sind. Die Yoga-Traditionen geben uns die Werkzeuge dazu in die Hand, um vor Leid geschützt zu sein. Weiterlesen

Von Michael Nickel

Wenn ich derzeit mit Familie, Freunden und Bekannten spreche, kommt immer wieder ein Thema hoch: Der ungeheure, menschenverachtende Krieg in der Ukraine und die daraus resultierenden Gefühle von Ohnmacht, Wut und Trauer, mit denen viele derzeit kaum zurecht kommen. Das in unseren Medien nahezu in Echtzeit übertragene grausame Kriegsgeschehen und vor allem das unermessliche Leid der vielen Menschen, die weltweit direkt oder indirekt von diesem Krieg betroffen sind, macht uns anscheinend kollektiv fertig. Das Schicksal und Leid der unzähligen traumatisierten Flüchtenden rührt unser Herz an und hat eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. Doch gleichzeitig bringen viele zum Ausdruck, dass es ihnen nahezu unmöglich ist, eine innere Distanz zu diesem Geschehen zu bekommen.

Es mag zunächst seltsam klingen, sich innerlich von den Geschehnissen der Wellt zu distanzieren. Das klingt nach Kaltherzigkeit, nach Kopf in den Sand stecken, nach Rückzug von der Realität. Doch ist es das wirklich, wenn wir innerlich einen Schritt zurücktreten? – Nicht unbedingt, zumindest nicht, wenn wir dies im konstruktiven Sinne betreiben. Sind wir doch mal ehrlich zu uns selbst: Was viele von uns momentan fühlen ist Mitleid im wörtlichsten Sinne – wir leiden selber, weil wir nicht aushalten können, zu sehen, dass andere Menschen leiden. Wir leiden, weil wir nicht aushalten können, zu sehen, wozu andere Menschen in der Lage sind. Wir leiden kollektiv so stark, dass der Schmerz schon beinahe greifbar ist.

Was entsteht aus Schmerz?

Aus Schmerz entstehen Angst und Wut, wenn wir den Schmerz nicht heilen können. Aus Angst und Wut entsteht eine tiefe Aggression, die nur weitere Aggressionen nach sich zieht. Aufrüstung, mehr Waffen, mehr Mauern, mehr Konflikte, mehr leidende Menschen, mehr Mitleiden … Wir drehen uns dabei im Kreis, im Großen, wie im Kleinen. Was ist also der Ausweg? Weiterlesen

Von Michael Nickel

Wie kommt eigentlich Fülle in unser Leben? Diese Frage hört sich einfach an, ist aber bei genauerer Betrachtung gar nicht so einfach zu beantworten. Dafür gibt es viele Gründe. Es beginnt schon damit, dass wir vielleicht gar nicht so genau wissen, was wir eigentlich als Fülle in unserem Leben ansehen und was als Mangel. Es ist immer einfach, die momentane Situation zu betrachten. Spontan fällt den meisten dann so einiges ein, was im Leben fehlt. Geht es Dir auch so? – Doch was ist eigentlich mit dem, was bereits da ist? Sind wir uns der Fülle und dem erfüllenden Gefühl dessen bewusst, was gerade im Augenblick vorhanden ist? Ist es nicht so, dass wir in unserem Streben nach dem, was wir als fehlend empfinden, völlig vergessen, das zu sehen, was bereits da ist? Weiterlesen

Von Michael Nickel

Im letzten Gedankenfutter habe ich etwas vom „wunscherfüllenden Baum“ angedeutet. In der vedischen Mythologie und in der Yoga-Psychologie und Yoga-Philosophie wird dieser mythische Baum, der unsere Wünsche erfüllt, Kalpavriksha genannt. Vriksha ist das Sanskrit-Wort für Baum. Die Haltung des Baumes wird dementsprechend im Yoga als Vrikshasana bezeichnet. Das so nebenbei. Kalpa ist ein „mentales Konzept“. Man könnte auch sagen eine Idee oder ein Gedanke. Vielleicht kennst Du das Wort Sankalpa. Darin steckt genau dieses „mentale Konzept“. San ist ein Präfix, das „zusammen“ oder „auf gute Weise“ bedeutet. Ein Sankalpa ist also ein „konstruktives mentales Konzept“ – einfach gesagt: ein guter Vorsatz, dem unser Geist folgen soll.

Es gibt aber auch das Wort Vikalpa in der Yoga-Psychologie. Kurz gesagt ist es das genaue Gegenteil von Sankalpa. Vi ist ein Präfix, das „auseinander“, „hin- und her“ oder „zerteilen“ bedeutet. Dementsprechend ist Vikalpa ein „nicht-konstruktives mentales Konzept“. Auch die moderne Psychologie kennt dies: es wird dort „nichtkonstruktiver Glaubenssatz“ genannt. Und davon trägt jeder von uns eine Menge in sich …

Unsere Gedankenkonstrukte sind die Blüten auf unserem Baum des Lebens

Was hat das alles nun mit Kalpavriksha, dem wunscherfüllenden Baum zu tun? – Bildlich gesprochen geht es um den Baum der all unsere Kalpas – also unsere mentalen Konzepte oder schlicht Gedanken – als Blüten trägt. Wenn man so will ist es der Baum des Lebens in uns, der sich in vielfältiger Weise ausdrückt. Jede seiner Blüten hat wie im letzten Beitrag ausgedruckt seinen Raum (also seine „Eigenschaften“, wenn man so will), seine Zeit der Ausprägung und seine Ursache und Wirkumg also Karma). Das gilt sowohl für die offensichtlichen konstruktiven Sankalpa-Blüten als auch die nicht-konstruktiven Vikalpa-Blüten  und all die schwer einzuordnenden Blüten oder mentale Konstrukte, die irgendwo auf der Skala zwischen konstruktiv und nicht-konstruktiv stehen.

Ich vermeide hier bewusst die Worte „gut“ und „schlecht“. Zwar ist auch „konstruktiv“ und „nicht-konstruktiv“ wertend, doch eben nicht so stark. Um aktiv durch das Leben zu navigieren, bleibt uns letztenendes jedoch nichts anderes übrig, als unser eigenes Denken und Handeln auf der Skala zwischen konstruktiv und nicht-konstruktiv einzuordnen, um unsere Entscheidungen basierend auf dem aktuellen Stand unseres Bewusstseins zu treffen.

Warum heißt nun dieser Baum „wunscherfüllend“, wenn er doch konstruktive wie auch nicht-konstruktive Blüten treibt. Hier kommt eine Eigenschaft unseres Geistes zum tragen, die etwas schockierend klingt: Unser Geist „schenkt“ uns, worum auch immer wir ihn bitten! – „Moment mal!“, kannst Du hier sagen, „Ich bitte meinen Geist doch nicht um Vikalpas!“ – Die Antwort darauf lautet: „Das ist korrekt und zugleich auch nicht.“ – Es gilt also wieder mal ganz tantrisch: „Es kommt drauf an!“ – Auf was kommt es an? – Auf die Perspektive.

Die Krux der konstruktiven und nicht-konstruktiven Gedankenkonzepte in uns

Leider ist die Geschichte nicht ganz so einfach, wie es zunächst klingt. Oft wird es ja so dargestellt, dass wir uns nur genügend gute Vorsätze nehmen müssen und alles wird gut. Aber das stimmt eben nicht. Denn historisch gesehen hat jeder Mensch auch Vikalpas entwickeln, welche sehr tief sitzen. Jedes noch so konstruktive Gedankenkonzept findet so in uns eine „mentalen Gegenspieler“. Jegliche bewusst gewählten Sankalpas und unbewusst entwickelte Vikalpas arbeiten wie ein komplexes mechanisches Uhrwerk aus Zahnrädern miteinander und sie greifen ineinander. Dabei gilt: Je mehr Vikalpas aus unserer Vergangenheit vorhanden sind, desto öfter formen wir unbewusst noch mehr Vikalpas. Krass ausgedrückt: in dieser Situation geben wir unserem Geist die Freiheit, sich weitere nicht-konstruktive Gedanken zu wünschen und sich diesen Wunsch selber zu erfüllen … Wichtig dabei ist: Es gibt hierbei keine „Schuld“ für unsere Vikalpas. Dennoch können wir Verantwortung übernehmen und den Fokus darauf setzen Sankalpas zu pflegen.

Allerdings wird aus dem Baum des Lebens nicht von heute auf morgen jener wunscherfüllende Baum, der nur noch konstruktive Blüten trägt. Doch er hat das Potential dazu! Und hier fließt wieder die Analogie zum Gärtnern ein. Es existieren yogische Möglichkeiten, diesen Baum des Lebens im Garten unseres Geistes so zu hegen und zu pflegen, dass er immer mehr „herrliche Blüten“ – also konstruktive Kalpas, eben Sankalpas – trägt. Diese yogischen Techniken sind die Kontemplation (Vichara) und die Meditation im weitesten Sinne: von Atemachtsamkeit und Atemlenkung (Pranayama) über Sinnesrückzug (Pratyahara) und Konzentration (Dharana) zur eigentlichen völligen Absorption (Dhyana und Samadhi). Und auch Yoga Nidra fällt in diese Kategorie der Pflegemaßnahmen des Baumes des Lebens.

Zeit in „yogische Baumpflege-Maßnahmen“ investieren

So wie Obstbäume geschnitten werden, damit sie den angestrebten Fruchtertrag bringen – nicht zu viel, nicht zu wenig, nicht zu groß, nicht zu klein – so beschneiden die oben genannten yogischen „Pflegemaßnahmen“ oder Techniken kunstvoll den Baum des Lebens im Garten unseres Geistes, so dass immer mehr herrliche Sankalpas als Blütenpracht und Konsequenz daraus auftauchen – und immer weniger Vikalpas. Oder um es in der Analogie des Uhrwerks auszudrücken: wir wechseln die „Vikalpa-Zahnräder“ aus und ersetzen sie durch „Sankalpa-Zahnräder“. Dann läuft die Uhr nach und nach „konstruktiver“, um nicht zu sagen „besser“.

Lange Rede, kurzer Sinn: es lohnt sich, den Garten unseres Geistes zu hegen, zu pflegen und zu wässern. Darum nutze immer wieder das reichhaltige Angebot weit und breit, in den „Gärtnerclub“ eine der vielen Yoga– Stunden zu gehen, die überall auf der Welt für Dich da sind – für „Grundpflegemaßnahmen“ für den Garten Deines Geistes – und der Weg dahin führt über den Körper und die Energie in uns. Wenn das mal kein Grund ist, auf die Matte und das Meditationskissen zu gehen …

In diesem Sinne: weiter geht es im Club der mentalen Gärtner, lass Deinen Geist ergrünen und finde den wunscherfüllenden Baum in Dir.

Herzlichst,
Euer Michael

 


Von Michael Nickel

Der Sommer ist da! Hurra! – wie jede Jahreszeit hat der Sommer seinen eigenen Charme und er bietet vielen verschiedenen Vorlieben etwas. Sei es für alle Frühaufstehenden ein herrlich kühler, lichter Morgen für einen Spaziergang im Morgentau oder eine Yoga- und Meditationspraxis auf der Terrasse oder im Garten – ein bruzzel-heißer, sonniger Nachmittag im Liegestuhl oder auf dem Strandtuch für alle Sonnenanbetenden – oder für alle Lang-Tschillenden eine laue, lang andauernde blaue Stunde in der Hängematte mit gutem Lesestoff oder auf Terrasse, Balkon, auf dem Rooftop oder im Park mit guten Freunden bei einem geselligen Gespräch.

Diese Vielfalt an Situationen und Anknüpfungspunkten ist es wohl, dass die überwiegende Mehrzahl von uns den Sommer liebt. Wir alle finden etwas, woran wir uns laben können. Ein Gefühl des „richtigen Seins“ mag sich in uns ausbreiten. In anderen Worten: Die Welt entspricht (weitgehend) unseren Vorstellungen. Das Interessante dabei ist, dass dies nicht mal den ganzen Tag so sein muss, es reichen uns diese paar Stunden am Tag, in denen alles seinen Platz findet und sich zu einem Puzzle zusammensetzt, dessen Gesamtheit unserer Weltsicht entspricht – ohne Reibungen, ohne Ecken und Kanten, alles im Fluss. Weiterlesen

Von Michael Nickel

vielleicht kennst Du das: je interessanter die Welt ist, umso weniger Zeit scheinen wir zu haben. Wenn wir uns für viele Dinge in der Welt begeistern und interessieren und vielfältig aktiv sind, fallen immer wieder einzelne Aspekte durch das Raster, obwohl sie uns wichtig sind. So geht es mir zur Zeit immer wieder, da ich intensiv am nächsten Buch im Agni Verlag arbeite (-Zur elften Stunde: Swami Rama-) und mich intensiv mit dem Thema Klimapositivität in kleinen und mittleren Unternehmen auseinandergesetzt habe. So kam es, dass die Gedankenfutter-Rubrik in den letzten Wochen etwas zu kurz kam..

Trotzdem ist genau diese Feststellung mal wieder Anlass, um wenigstens hier ein klein wenig über die Weltsicht zu philosophieren, die dem Yoga zu Grunde liegt. Und es hat auch mit zwei Themen zu tun, die ich eigentlich schon lange für meine Gedankenfutter aufgreifen wollte. Das eine ist der metaphorische Vergleich unseres Geistes mit einem Garten – vielmehr einem sehr speziellen Garten, nämlich einer, in dem ein wunscherfüllender Baum wächst … Das andere ist das Thema „Reichtum“ und „Wohlstand“ … Und noch ein drittes kommt hinzu, nämlich die Frage wo eigentlich dieses berühmt-berüchtigte „Karma“ herkommt, wo es wirkt und wo es „abgespeichert“ wird. Alle drei Themen an sich können Bücher füllen, doch man kann sie auch ganz knackig-kurz betrachten, nämlich hinsichtlich dieses Empfindens „zu wenig Zeit zu haben“.

Dieses Empfinden an sich ist ein direktes Resultat des „Gesetzes von Karma“. Was sich so hochtrabend anhört besagt nichts anderes, das alles was in uns und um uns geschieht, Ursache und Wirkung HAT – aber zugleich auch Ursache und Wirkung IST. Hört sich ähnlich an, bedeutet aber eines: es gibt nichts auf dieser Welt und in unseren Gedanken, dass nicht aus einer bestimmten Historie heraus – also wegen einer Ursache entsteht. Und zugleich ist das, was da entstanden ist wieder die Ursache für etwas, was in der Zukunft liegt. Sei es, einen Augenblick später oder auch ganz weit in der Zukunft.

Die Weltsicht des Yoga sagt auch eines klar: Es gibt drei fundamentale Bausteine unseres Geistes – eben jenes Gesetz der Kausalität oder Karma und dazu noch Raum und Zeit. Was sich so Komplex und theoretisch anhört – und zugleich die Schnittstelle zu modernen Wissenschaften wie der Quantenphysik darstellt – lässt sich eben mit dem Bild eines Gartens vergleichen. Denn wer schon einmal in einem Garten auch nur ein wenig gewerkelt hat, weiß eines: Ein Garten IST das Resultat von Raum, Zeit und Kausalität.

Vom physischen Garten zum mentalen Garten

Ein Beispiel gefällig? Letzten Herbst haben wir ein paar hundert Blumenzwiebeln in der Erde versenkt. Teilweise in Töpfen für die Terrasse, teilweise an ausgewählten Stellen im Garten. Der Hintergedanke dabei war – Achtung, hier kommt die Ursache unseres Tuns – dass wir etwas buntes, schönes und aufbauendes für das Frühjahr haben wollten, weil wir schon damals „befürchtet“ haben, dass uns im Frühjahr wieder eine herausfordernde Zeit durch die Pandemie ins Haus stehen würde. Die Konsequenz und damit der Ausdruck des Karmas unseres Handelns im Herbst ist, dass wir nun seit Wochen und Wochen immer wieder neue bunte Blütenorgien im Garten und auf der Terrasse haben – das Resultat von Zeit und Raum.

Interessant dabei ist, dass der Raum die Zeit beeinflusst. Wie das? – Im Falle unserer Blumenzwiebeln ist es so, dass die dieselben Arten an unterschiedlichen Standorten andere Zeitverläufe haben. Während an den sonnigen Stellen die gelbe Narzissen-Sorte seit Wochen schon verblüht ist, stehen dieselben im Schatten noch munter, weil sie schon mal später aufgegangen sind. Es gibt aber auch Blumenzwiebeln, die Erfroren sind, weil sie in zu kleinen Töpfen ungeschützt waren oder Zwiebeln, die am einen Standort in der Sonne blühen, aber im Schatten nur einzelne Blätter ausbilden. Es gilt also: „Es kommt drauf an“.

Und so ist es auch mit unserem Geist, mit dem was sich in unserem Kopf abspielt – und was sich daraus in uns und um uns herum entwickelt. Wenn wir uns nun unseren eigenen Geist als Garten vorstellen, dann ist jeder Gedanke den wir haben – und sei er noch so unbedeutend – wie eine Blumenzwiebel. Jeder einzelne Gedanke, alle unserer mentalen Themen, können wie Blumenzwiebeln aufkeimen oder auch nicht, können blühen oder auch nicht. Unser Geist ist also so ein Garten, den wir gärtnerisch Gestalten. Wir müssen mit dem Resultat leben, das unser eher bewusstes oder unbewusstes Gärtnern im Garten unseres Geistes hervorruft. Unser Garten kann blühen oder verdorren. Unser Garten kann monoton oder vielfältig sein. Unser Garten kann wild und undurchdringlich sein oder höchst kontrolliert und geordnet. Und eben alle Zustände dazwischen, was am ehesten der Realität in den meisten inneren und äußeren gärten entspricht.

Wie soll der „Garten Deines Geistes“ aussehen?

Es gibt kein Richtig oder falsch dabei. Die Frage dabei lautet hingegen: entspricht dieser „Garten unseres Geistes“ in seiner Ausprägung dem, was zu uns in unserer Lebenssituation passt. An dieser Stelle kommt das Thema „Reichtum“ und „Wohlstand“ hinzu. Die Weltsicht verschiedener Zweige des Yoga haben dazu ihre eigene Ansicht: Reichtum und Wohlstand sind, wenn wir aus der Vielfalt des Gartens des Geistes all das schöpfen können, was wir für ein erfülltes und glückliches Leben brauchen. Das umfasst auch das, was wir im Westen gemeinhin als „Wohlstand und Reichtum“ – im Außen – betrachten, aber eben nicht nur. Denn nach all dem, was wir bisher betrachtet haben, wird klar, dass das Außen nur eine Erweiterung des Innens darstellt. Denn alles was für uns im Außen existent ist, wird von unserem Geist verarbeitet und damit in gefilterter Weise zu einem Teil des Innens gemacht.

Es ist also ganz einfach so: Alles, womit wir uns beschäftigen, egal ob im Außen oder Innen ist Teil des Gartens unseres Geistes. Wie im äußeren Garten gilt: Wir können diesen Garten gestalten. Mit jedem einzelnen Gedanken und jeder Handlung pflanzen, säen, jäten, wässern, ernten wir etwas in unserem mentalen Garten. Vieles davon ist in Raum und Zeit getrennt von der eigentlichen Handlung. So wie im Herbst Blumenzwiebel zu pflanzen und im Frühjahr deren Blüte zu genießen.

Womit wir unseren „Garten des Geistes“ pflegen und hegen

Was hat das nun mit Yoga zu tun – na wenn schon solche philosophischen Konzepte im Yoga vorhanden sind, dann nicht ohne Grund. Yoga in all seinen Facetten, wie wir es üben, ist ein Akt des „bewussten, konstruktiven Gärtnerns“ in diesem Garten. Unsere persönliche Hatha-Yoga-Praxis, egal ob für uns oder in geführten Yogastunden, kann man wohl am Besten als „Grunderhaltungsmaßnahme“ des Gartens ansehen. Dann gibt es speziellere Maßnahmen, so wie Meditation oder Yoga Nidra. Letzeres würde ich in diesem Bild des Gärtnerns im Garten des Geistes als ein ausgiebiges, tiefgründiges Wässern in einer Trockenzeit ansehen. Etwas, das über die Grunderhaltungsmaßnahme weit hinaus geht …

Die ganz hohe Kunst des Gärtnerns im Garten des Geistes  ist es, den „wunscherfüllenden Baum des Lebens“ in unserem Garten zu erkennen, zu hegen und zu pflegen und vor allem dessen Blüten zu genießen. All die eben genannten Maßnahmen helfen dabei, den Weg dorthin zu finden. Doch dieser wunscherfüllende Baum in diesem Garten ist ein eigenes Thema und führt heute zu weit … Nur so viel dazu, das Thema hat sehr viel mit Meditation zu tun, insbesondere damit, einen Zustand zu erreichen, in dem man klar und ruhig nach Innen sehen kann. Dies ist der Zustand von Vishoka.

Tritt auch Du bewusst dem „mentalen Gärtnerclub“ bei – es tut gut!

Was mir hier noch bleibt, ist Dich zum bewussten Gärtnern in Deinem Garten des Geistes einzuladen. Möglich ist es in jedem Moment und ganz ohne Unterstützung von außen. Aber manchmal ist es eben auch gut und nötig, Unterstützung von außen dabei zu bekommen und genau dafür sind die geführten Yogastunden da, die Du bei so vielen kompetenten Lehrern bekommen kannst – jeden Mittwoch auch bei mir online via Zoom. Fühl Dich also eingeladen in den „mentalen Gärtnerclub“ den all die Praktizierenden auf dieser Welt gemeinsam bilden  … Und wenn Dein mentaler Garten derzeit durch die Herausforderungen unserer Zeit besonders „ausgetrocknet“ ist, dann kannst Du Dich bei mir einmal im Monat an die „Wasserleitung“ von Yoga Nidra in der in dieser Hinsicht besonders wirksamen Variante aus der Himalaya-Tradition nach Swami Rama anschließen. Ich freu mich schon jetzt darauf, demnächst wieder den „Wasserhahn der tiefgründigen Wässerung des Geistes durch Entspannung“ für Dich zu öffnen! Auch zur hohen Kunst des mentalen Gärtnerns, biete ich Dir einmal im Monat am Freitag eine offene Stunde „Hatha Yoga und Meditation“ an, in der wir Techniken aus dem Repertoire der Vishoka-Meditation nutzen, um in Kontakt mit dem wunscherfüllenden Baum im Garten unseres Geistes zu kommen.

In diesem Sinne: nimm Dir regelmäßig die Zeit, den Deines Geistes zu hegen und zu pflegen und gut zu wässern. Es lohnt sich!

Herzlichst, Euer
Michael

 


Von Michael Nickel

Das Herz spielt in sehr vielen, wenn nicht allen spirituellen Traditionen der Welt eine Rolle. Universell wird es als Sitz unserer Seele, unseres persönlichen Kerns gesehen. Das drückt sich schon in der Geste aus, die wir nutzen, wenn wir klarmachen wollen, dass es um uns selbst geht: Wir richten intuitiv den Zeigefinger zu unserer Brustmitte – zu unsrem Herzen.  Welchen Status das Herz als Sitz unseres Wesenskerns in den östlichen Traditionen hat, habe ich vor einiger Zeit im Gedankenfutter „Herzenssache Ganesha“ zum Ausdruck gebracht. Doch auch im Westen wird dem Herzen – und damit der angeborenen Weisheit unserer Intuition – eine dem Geist übergeordnete Stellung zugeordnet. Wenngleich es dazu unzählige Aussprüche und Zitate gibt, ist eines der berühmtesten jenes von Antoine de Saint-Exupéry aus seinem herrlichen Werk „Der kleine Prinz“:

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Antoine de Saint-Exupéry
in: „Der Kleine Prinz“

„Die Augen“ stehen hier sinnbildlich für die intellektuelle Verarbeitung unserer Sinneseindrücke aus der Außenwelt – und damit  für unseren Intellekt als Ganzes, unseren Geist. Vielleicht hat dieses Zitat zur Popularität von Herz-zentrierten Meditationen bei uns im Westen beigetragen. Es existieren eine Menge davon – klassische ebenso, wie „neu erfundene“. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie zur Wahrnehmung des Wesentlichen führen, wie Saint-Exupéry es ausdrückt. Doch man könnte in diesem Zusammenhang auch sagen: „Das Herz hat seine Tücken“ – oder viel mehr „Das Herz und der Geist haben im Zusammenspiel ihre Tücken“.

Der Grund ist ziemlich schnell gefunden. Das Herz trägt oftmals eine Vielzahl an emotionalen Verletzungen in sich und zugleich mag der Geist gerne alles andere sein als still. Schon einer der beiden Zustände – verletztes Herz oder unruhiger Geist – macht es uns extrem schwer überhaupt zu meditieren, geschweige denn auf’s oder im Herzzentrum. Als Yoga– und Meditationslehrer leite ich auch immer wieder Herz-zentrierte Übungen und Praktiken an – und erlebe dann die Reaktion der Teilnehmer*innen direkt – oder höre in Zeiten von online-Stunden hinterher davon. Was mir dabei über die Jahre klar geworden ist: es gibt zwei grobe Kategorien von Herz-zentrierten Meditationspraktiken, wenn man die Wirkung zugrunde legt. Weiterlesen

Von Michael Nickel

Freust Du Dich auch so sehr über die Blüten, die uns die Natur im Frühjahr schenkt? – Das Frühjahr ist die Zeit des Aufblühens und des Neuanfangs, nachdem sich im Spätherbst und Winter der überwiegende Teil der Natur zurückgezogen hat und in die Ruhe gegangen ist. Bildlich gesprochen möchten wir Menschen wohl alle gerne das Gefühl des Aufblühens und des dauerhaften Blühens in unserem Leben haben. Doch nicht immer ist das der Fall. Nicht immer gelingt es uns, die Rahmenbedingungen dafür zu finden oder zu schaffen. Oft scheinen äußere Umstände dagegen zu stehen, die wir nicht beeinflussen können. Doch oft liegen jene Hindernisse, die unser Erblühen verhindern, in uns selbst, auch wenn dies nicht immer auf den ersten Blick sichtbar ist. Die Yoga-Philosophie spricht in diesem Zusammenhang von den Hindernissen oder Behinderungen auf unserem Yoga-Weg und Lebenspfad. Es ist als Konzept von Antaraya in Yoga Sutra 1.30 ausgeführt.

Antarayas nach Yoga Sutra
  • Krankheit
  • mentale Trägheit
  • Zweifel
  • Achtlosigkeit
  • Faulheit
  • Unfä­hig­keit, sich von Gelüsten der Sinne zurückzuziehen
  • Festhalten an falschem Verständnis
  • Unfähigkeit, Fortschritte zu erreichen
  • Unfähigkeit, den erreichten Fortschritt zu bewahren

Körperliche, mentale und emotionale Herausforderungen und Einschränkungen spielen in diesem Kontext wohl die herausragendste Rolle. Daher steht in Yoga Sutra 1.30 auch der Begriff der Krankheit oder des unausgewogenen Zustandes an erster Stelle. Dementsprechend ist das Beseitigen der Hindernisse, welche unserem Aufblühen im Wege stehen, oftmals – oder vielleicht sogar immer – ein Prozess der Heilung. Dies ist vielleicht nicht immer so offensichtlich, was vor allem daran liegt, wie wir im Deutschen heutzutage das Wort Heilung verwenden. Daher macht es unter Umständen mehr Sinn, in diesem Zusammenhang vom „heil werden“ anstatt vom „heilen“ zu sprechen, auch wenn es letztlich ein und dasselbe ist.

Was „Heilung“ und „Heil sein“ bedeutet

Das Wort Heilung steht stark im Spannungsfeld von „evidenzbasierter Medizin“ und „alternativen Heilmethoden“ und es existieren gar gesetzliche Vorgaben zum Umgang mit „Heilversprechen“. Kein Wunder, dass wir in diesem Kontext weitgehend vergessen haben, dass das Wort Heilung in seiner Abstammung vom germanischen haila nicht nur „gesund“, sondern auch „ganz“ im Sinne von „komplett“ oder „vollständig“ bedeutet. In anderen Worten, „heil sein“ ist ein Zustand, in dem nichts fehlt. Heilen oder heil werden bedeutet dementsprechend, einen Zustand zu erreichen, in dem wir uns auf allen Ebenen komplett fühlen. Weiterlesen

Von Michael Nickel

„Tempus fugit“, sagen die Lateiner, „die Zeit flieht“. Dieses Gefühl mag so manchen beschleichen, angesichts der sich jährenden Coronapandemie-Bedingungen, unter denen wir unser Leben gestalten. Der Aspekt der Zeit wird uns immer dann bewusst, wenn etwas nicht schnell genug kommt oder geht oder wenn die Wahrnehmung umgekehrt ist und etwas zu schnell da ist oder nicht lange genug präsent bleibt.

Zeit ist physikalisch

Auch wenn de meisten von uns ein ambivalentes Verhältnis zur Zeit haben, ist es ein spannendes Phänomen, denn es lässt sich aus diametral entgegengesetzten Blickwinkeln betrachten. Man kann Zeit rein naturwissenschaftlich als Naturgesetz der vierten Dimension betrachten, so wie es die Physik tut, und dabei ihr Zusammenspiel mit dem physischen Raum beobachten. Das hat zunächst mal wenig mit unserem umgangssprachlichen Zeitbegriff zu tun. Denn man kann Zeit auch über all die zyklischen Phänomene in der Natur betrachten, den Tages- und Jahresverlauf der Sonne, die Mondphasen, die Gezeiten, die Jahreszeiten, der Menstruationszyklus, unsere Wach-Schlaf-Zyklen, die Traum-Tiefschlaf-Zyklen, all die physiologischen Zyklen in unserem Körper und unseren Zellen, bis hin zu den kleinsten molekularen Zeitgeber-Mechanismen, die unsere internen „biologischen Uhren“ steuern.

Zeit ist zyklisch

Von genau dieser Zeitbetrachtung leitet sich unser modernes allgemeines Verständnis von Zeit ab: die zyklische Uhrzeit, abhängig von der Tageslänge, die für die Definition unserer Zeiteinheiten wiederum von einem zyklischen Jahresumlauf der Erde um die Sonne abhängt. Diese Zeitbetrachtung dominiert unsere westliche Weltsicht seit langem. Das Resultat dieser Betrachtung ist letztlich die Uhrzeit, die wir vom Ziffernblatt ablesen – und für viele Menschen ist dies auch die bestimmende, von außen vorgegebene Wahrnehmung von Zeit. Genau darum können wir derzeit sagen: „Schon ein Jahr in der Pandemie“.

Zeit ist subjektiv

Die dritte und für uns Menschen wichtigste Betrachtung der Zeit ist jedoch eine sehr persönliche: unser ureigenes subjektives Zeitempfinden. Denn ganz gleich was die äußere Uhrzeit oder der Kalender sagen, wer kennt nicht dieses Gefühl der Diskrepanz der eigenen Wahrnehmung der Zeit. Diese Betrachtung ist eine psychologische und zugleich eine, die tief im Zeitbegriff der östlichen Philosophien verankert ist. Dies gilt besonders für die Samkhya-Philosophie, die dem Yoga zu Grunde liegt. Sie betrachtet Zeit als etwas höchst subjektives, wie wir gleich sehen werden. Weiterlesen