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Schlagwortarchiv für: Svadhyaya

Wolfgang Bischoff

Vollmondtext Januar 2025: Vergessen wir nie, dass ein Heiliger ein Sünder ist, der am Ball bleibt

Vollmondtexte
Lesedauer 3 Minuten

Von Wolfgang Bischoff

Ihr Lieben,

am 13. Januar ist es wieder soweit. Der Januar-Vollmond steht am klaren, kalten Nachthimmel. Lasst uns gemeinsam von 21 bis 22 Uhr still werden und über das Phänomen des Selbststudiums kontemplieren, das immer wichtiger in dieser immer chaotischer werdenden Welt wird.

Es ist eine bedeutende Möglichkeit, das Unterscheidungsvermögen zu schärfen, das die einzige menschliche Fähigkeit ist, die uns in die Freiheit führen kann. Alle anderen Fähigkeiten binden uns an die Welt. Die Beseitigung des Unterscheidungsvermögens mit der Begründung der Erhaltung der Meinungsfreiheit in den Medien kann uns nur in ein verheerendes Chaos führen.

So lasst uns die bedeutenden Worte von Nelson Mandela kontemplieren, die er im Gefängnis geschrieben hat, bevor er der Präsident von Süd-Afrika wurde:

Die Zelle ist der ideale Ort, um sich selbst kennenzulernen, realistisch und regelmäßig die Entwicklung der eigenen Gedanken und Gefühle zu erforschen. Wenn wir unser Fortkommen als Individuen beurteilen, konzentrieren wir uns gern auf äußere Faktoren wie gesellschaftliche Stellung und Beliebtheit, Reichtum und Bildungsstand. Sie sind selbstverständlich wichtig, um den materiellen Erfolg zu messen, und es ist völlig verständlich, wenn viele Menschen sich anstrengen, um all das zu erreichen.

Aber innere Faktoren sind für die Beurteilung unserer Entwicklung als Menschen wohl noch entscheidender. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Einfachheit, Bescheidenheit, echte Großzügigkeit, das Fehlen von Eitelkeit, die Bereitschaft, anderen zu dienen – Eigenschaften, die für jede Seele leicht zu erreichen sind -, bilden die Grundlage unseres geistigen Lebens. Eine Fortentwicklung in diesen Bereichen ist nur zu bewerkstelligen, wenn man ernsthafte Introspektion betreibt, sich selbst kennenlernt, seine Schwächen und Fehler. Zumindest gibt einem die Gefängniszelle die Gelegenheit, täglich sein gesamtes Verhalten zu prüfen, Schlechtes zu überwinden und zu entwickeln, was gut ist. Regelmäßige Meditation, sagen wir, 15 Minuten am Tag vor dem Zubettgehen, kann in dieser Hinsicht sehr fruchtbar sein.  Am Anfang fällt es vielleicht schwer, die negativen Bestandteile seines Lebens zu erkennen, doch der zehnte Versuch bringt womöglich reichen Lohn. Vergessen wir nie, dass ein Heiliger ein Sünder ist, der am Ball bleibt.

In diesem Sinne wünsche ich euch eine kontemplative Auseinandersetzung mit den inneren Faktoren des wahren Menschseins. Das nennt man eine kreative Gestaltung von Swadyaya, dem Selbststudium.

In liebevoller Verbundenheit

Wolfgang


P.S.:

Am jeweils letzten Freitag des Monats (außer Juli und Dezember) trifft sich mein Online-Jahreskurs zum „Inspiration- und Meditation-Abend“. Siehe die Kursseite auf Agni Online unter folgendem Link: Meditationsabende mit Wolfgang Bischoff


Input von Wolfgang kannst Du über diese Online-Veranstaltungen auf unserem Agni Online Portal bekommen:

  • Agni Satsang der Himalaya-Tradition – Satsang-Aufzeichnungen mit Lehrern der Tradition, u.a. Wolfgang Bischoff, mehrmals pro Jahr
  • Jahresgruppe von Wolfgang Bischoff mit monatlichen Inspirations- und Meditationsabenden

13. Januar 2025/von Wolfgang Bischoff
https://agni-magazin.de/wp-content/uploads/sites/4/2025/01/847139_View-from-inside-a-dark-prison-cell-through-the-ba_xl-1024-v1-0.png 768 1344 Wolfgang Bischoff https://agni-magazin.de/wp-content/uploads/sites/4/2023/05/Agni-Magazin-Logo-Schrift-017309ff.png Wolfgang Bischoff2025-01-13 11:59:192026-05-04 11:01:06Vollmondtext Januar 2025: Vergessen wir nie, dass ein Heiliger ein Sünder ist, der am Ball bleibt
Rolf Sovik

Gründe eine Yoga-Studiengruppe! – Gute Gründe, die dafürsprechen und wie man vorgeht

Edition 11, Praxistipp, Weisheit der Tradition
Lesedauer 10 Minuten

Von Rolf Sovik

Unsere Yoga-Praxis ist von Natur aus eine fortwährende Angelegenheit. Die Vorwärtsbeuge von heute weckt eine Vorstellung davon, wie wir die Haltung morgen angehen, und die Stille, die wir in der Meditation von morgen suchen, wird durch die Art und Weise, wie wir unser Leben heute leben, vorbereitet. Und während unsere Fähigkeiten im Yoga allmählich reifen, wächst auch unser allgemeines Verständnis davon, was Yoga ist – zumindest diese Hoffnung inspiriert uns. Weiterlesen

21. April 2023/von Rolf Sovik
https://agni-magazin.de/wp-content/uploads/sites/4/2023/04/chang-duong-Sj0iMtq_Z4w-unsplash.jpg 1280 1920 Rolf Sovik https://agni-magazin.de/wp-content/uploads/sites/4/2023/05/Agni-Magazin-Logo-Schrift-017309ff.png Rolf Sovik2023-04-21 13:00:522026-05-04 11:10:20Gründe eine Yoga-Studiengruppe! – Gute Gründe, die dafürsprechen und wie man vorgeht
Pandit Rajmani Tigunait

Purashcharana: Unsere selbstschädigenden Tendenzen erkennen

2022 Sommer, Hilfreiche Übungen & Tipps, Weisheit der Tradition
Lesedauer 12 Minuten

Von Pandit Rajmani Tigunait

Das traditionelle Meditationssystem legt den Schwerpunkt auf jene technikgetriebenen Komponenten und Praktiken, die es uns ermöglichen, jene geistigen Tendenzen zu erkennen und zu überwinden, welche unsere Suche behindern. Wenn diese zweifache Dimension der Meditation in einer gut struk­turierten, zeitlich begrenzten Weise in die Praxis umgesetzt wird, ist diese technisch als Purashcharana bekannt. Aufgrund ihres besonderen Aufbaus zwingt uns eine solche gut strukturierte, zeitlich begrenzte Meditation dazu, unsere Grenzen zu überschreiten und einen Schritt (charana) vorwärtszugehen (purash) und sich weiter vorwärts zu bewegen, bis die Praxis abgeschlossen ist.

Oftmals praktizieren wir unsere tägliche Meditation routine­mäßig. Wir setzen uns hin, machen einige vorbereitende Übungen und beginnen zu meditieren. Während unserer Meditation er­scheinen und verschwinden ständig zufällige Gedanken. Solange diese zufälligen Gedanken den Fluss der Meditation nicht vollständig blockieren, sagen wir uns, dass wir meditieren. Da die Zeit, die wir für die Meditation einplanen, recht kurz und mit vorbereitenden und begleitenden Übungen gefüllt ist, erreichen wir keinen Ort, an dem unsere Meditation von den verborgenen Inhalten des Geistes gekapert wird. Das erfüllt uns mit der Pseudozufriedenheit, unsere tägliche 30-minütige Meditation zu vollenden. Aber diese Art der täglichen Meditation zeigt uns nicht die wahre Natur unseres Geistes und seine verborgenen Inhalte. Sie hat eine beruhigende Wirkung auf unseren Körper und unser Nervensystem, trägt aber wenig zu unserer Selbstverwirklichung bei. Nur wenn wir uns auf eine gut strukturierte, zeitgebundene Praxis mit integrierten kontemplativen Werkzeugen festlegen, erhalten wir die Chance, die verborgenen Inhalte unseres Geistes zu sehen, uns ihnen zu stellen und sie zu überwinden. Dadurch kann die Meditation optimale Früchte tragen. Weiterlesen

11. Juli 2022/von Pandit Rajmani Tigunait
https://agni-magazin.de/wp-content/uploads/sites/4/2022/07/nicolas-hans-u2LV_WJdBfQ-unsplash.jpg 1280 1920 Pandit Rajmani Tigunait https://agni-magazin.de/wp-content/uploads/sites/4/2023/05/Agni-Magazin-Logo-Schrift-017309ff.png Pandit Rajmani Tigunait2022-07-11 15:09:292026-05-04 11:29:24Purashcharana: Unsere selbstschädigenden Tendenzen erkennen
Swami Rama

Raja Yoga: Achtfacher Pfad zur Heilung und nährender Stärkung (Teil 2 von 3)

Weisheit der Tradition
Kopf in WurzelnJavier Graterol / Unsplash CC0
Lesedauer 9 Minuten

Von Swami Rama

 

Im vorigen Teil des Beitrags findest Du eine Einleitung zu Raja Yoga von Patanjali.

Der Achtfache Pfad zum freudvollen Leben

Der größte Fehler, den Menschen auf der Suche nach Frieden und Glück machen, ist das Ignorieren der goldenen Gesetze eines gesunden Lebens: richtig essen, richtig atmen, richtig schlafen, richtig denken, Sinnesfreuden richtig genießen, richtig mit anderen interagieren und auf den höheren Zweck des Lebens konzentriert bleiben. Wenn du dich nicht an diese goldenen Gesetze eines gesunden und glücklichen Lebens hältst, wirst du weiterhin mit deinem persönlichen, familiären, beruflichen und sozialen Leben zu kämpfen haben. Egal wie intelligent du bist, du wirst ein Opfer von Faulheit und Trägheit bleiben. Trotz deiner Absichten, ein produktives Leben zu führen, wirst du unter einem Mangel an Ausdauer leiden. Du wirst mit einem schwachen Körper und einem zerstreuten Geist enden. Du wirst so viel Zeit und Energie damit verschwenden, mit einer langen Kette von Hindernissen zu kämpfen, die aus dem ungesunden Körper und dem unruhigen Geist entstehen, dass nur sehr wenig für die Arbeit an deinem Hauptziel übrig bleibt, sei es weltlich oder spirituell. Die Beseitigung von Hindernissen ist ein wichtiger Teil der Arbeit an deinem Hauptziel, weshalb die Einhaltung dieser goldenen Gesetze dir hilft, die Grundlage für ein freudvolles Leben zu schaffen. Weiterlesen

2. Juli 2021/von Swami Rama
https://agni-magazin.de/wp-content/uploads/sites/4/2021/07/Kopf-in-Wurzeln-javier-graterol-RNX2VfdtpdE-unsplash.jpg 1800 2400 Swami Rama https://agni-magazin.de/wp-content/uploads/sites/4/2023/05/Agni-Magazin-Logo-Schrift-017309ff.png Swami Rama2021-07-02 17:54:262026-05-04 11:40:01Raja Yoga: Achtfacher Pfad zur Heilung und nährender Stärkung (Teil 2 von 3)
Rolf Sovik

Die Niyamas: Schlüssel zum spirituellen Fortschritt

Hilfreiche Übungen & Tipps, Weisheit der Tradition
Rituelles Bad zur Reinigung von Körper und SeeleSachin Singh / Unsplash CC0
Lesedauer 9 Minuten

Von Rolf Sovik

Die Yamas und Niyamas zusammen stellen die 10 kraftvollen Richtlinien dar, welche die ersten beiden Sprossen des Raja Yoga (königlicher Yoga, der achtgliedriger Pfad) bilden. Wenn die Yamas (die Beschränkungen) wie die Ufer eines Flusses sind, die den willkürlichen Fluss der inneren Energien eindämmen, dann sind die Niyamas (die Verhaltensweisen) die Disziplinen und Beobachtungen, die diesen Strom vorwärts in Richtung seines Ziels treiben. Die fünf Niyamas sind konstruktive Werkzeuge, um Glück und Selbstvertrauen zu kultivieren – die Gelegenheiten, sie zu praktizieren, ergeben sich, wo auch immer du dich befindest.

Selbst-Reinigung (Shaucha)

Shaucha bedeutet “ Reinigung; Sauberkeit“. Es beinhaltet eine Reihe von Techniken zur Reinigung des Körpers und des Geistes und wird sogar als das Ziel des gesamten Yoga-Systems bezeichnet. Warum hat es eine solche Bedeutung? Die Weisen sagen, dass Shaucha nicht nur die Grundlage für körperliche Gesundheit ist, sondern auch das Tor zu tieferen und ruhigeren Zuständen der Meditation ist. Weiterlesen

2. Juli 2021/von Rolf Sovik
https://agni-magazin.de/wp-content/uploads/sites/4/2021/07/Waschung-sachin-singh-xBj61v5PiHU-unsplash.jpg 1600 2400 Rolf Sovik https://agni-magazin.de/wp-content/uploads/sites/4/2023/05/Agni-Magazin-Logo-Schrift-017309ff.png Rolf Sovik2021-07-02 14:17:332026-05-04 11:40:55Die Niyamas: Schlüssel zum spirituellen Fortschritt
Pandit Rajmani Tigunait

Svadhyaya: Die Kraft des Selbststudiums

2022 Sommer, Frage & Antwort
Mala, Meditation, Mantra, JapaMichael Walk / Unsplash CC0
Lesedauer 5 Minuten

Antworten von Pandit Rajmani Tigunait

 

Frage Agni-Magazin: Das Yoga Sutra unterstreicht Svadhyaya – das Selbststudium – als eine Schlüsselkomponente der spirituellen Praxis. Wie kann Svadhyaya mir helfen, Hindernisse hinsichtlich meines spirituellen Wachstums zu beseitigen?

 

Pandit Rajmani Tigunait : Das Wort Svadhyaya bedeutet „Studium des Selbst durch einen selbst oder durch Nachsinnen über die Schriften“. Praktisch gesprochen bedeutet es, Japa (mentale Wiederholung) der offenbarten Mantras zu praktizieren, die wir von einem Lehrer durch Einweihung erhalten, und über die Anleitung zu kontemplieren, die wir von unserem Lehrer oder von den Lehren in den authentischen Schriften erhalten.

Oft verpflichten wir uns zu einer spirituellen Disziplin, ohne genügend Wissen über uns selbst, unsere Ziele und die Mittel zu haben, mit denen wir versuchen, unsere Ziele zu erreichen. Aus diesem Grund werden wir entmutigt, wenn während unserer Praxis Hindernisse auftauchen. Weil wir nicht genügend Wissen haben, können wir die Hindernisse oft nicht einmal erkennen.

Selbst wenn wir sie einmal erkannt haben, wissen wir nicht, wie wir sie überwinden können, weil wir ihre Ursache nicht kennen. Wir werden frustriert und entmutigt und geben der Praxis, dem Lehrer und uns selbst die Schuld. Indem wir Svadhyaya in unsere tägliche Praxis einbauen, erwerben wir die Fähigkeit, die Hindernisse zu erkennen, bevor sie auftauchen. Weiterlesen

26. Juni 2021/von Pandit Rajmani Tigunait
https://agni-magazin.de/wp-content/uploads/sites/4/2021/06/Mala-Meditation-michael-walk-HmTY-O0Z2oU-unsplash-scaled.jpg 3444 5167 Pandit Rajmani Tigunait https://agni-magazin.de/wp-content/uploads/sites/4/2023/05/Agni-Magazin-Logo-Schrift-017309ff.png Pandit Rajmani Tigunait2021-06-26 15:47:422026-05-04 11:42:25Svadhyaya: Die Kraft des Selbststudiums
Michael Nickel

Alles Wellness oder was? – Erinnerungen an ein jährliches Retreat-Ritual

Gedankenfutter
WellnessAfonso Couthino / Unsplash CC0
Lesedauer 10 Minuten

von Michael Nickel

Eigentlich reise ich jedes Jahr im Januar/Februar für einige Wochen nach Indien für mein persönliches Meditations-Retreat. Ein Rückzug vom Alltag und eine Neuausrichtung für das neue Jahr. Eigentlich. Dieses Jahr eben nicht. Dafür bin ich im „Retreat zuhause“. Und weil ich da mehr Zeit für meine Praxis und alles, was damit zusammenhängt brauche, gibt es diese Woche eine „Gedankenfutter-Konserve“, nämlich einen Text, den ich vor Jahren auf dem Rückweg von Indien als Reflexion meines Praxis-Retreats geschrieben habe. Ein Einblick in den Alltag eines Sadhakas und in die (Yoga-)Philosophie, die dahinter steckt, mich einmal im Jahr wirklich zurückzuziehen. Es geht dabei um die vier Purusharthas: Dharma, Artha, Kama und Moksha.

Ein Sprung ins Jahr 2017 …

Ich sitze im ICE von Frankfurt Flughafen nach Stuttgart auf der Rückreise von einem vierwöchigen Aufenthalt in Indien. Mein persönliches Meditations-Retreat zum Jahresbeginn. Der dritte Aufenthalt dieser Art in Folge, jeweils im Januar/Februar. Ich komme also aus dem Wellness-Urlaub – das ist zumindest, was viele meiner Bekannten, Freunde und Familienmitglieder denken.

Doch wenn ich ihnen von meinen Tagen erzähle, relativiert sich diese Ansicht ganz schnell, denn obwohl das Ziel dieses Aufenthalts für mich tatsächlich ein „gut sein“ = Wellness ist, oder genauer gesagt ein „besser sein“, erinnert der Tagesablauf eher an den eines Schichtarbeiters, als an den eines Urlaubers. Und so ist dies tatsächlich auch die Dienstreise eines Yogis und kein Urlaub. Wer sich auf ein persönliches Meditations-Retreat dieser Art einlässt, geht tief in den Prozess von Sadhana, wie es die alten Sanskrit-Schriften nennen, die Art der meditativen Lebens- und Übungspraxis, die jede Minute des Seins durchdringt. Dieser Prozess ist seit tausenden von Jahren im Prinzip derselbe, obwohl er für jeden Menschen in Weg und Detail unterschiedlich ist. Man wird zum Sadhaka, zum Aspiranten, der sein ganzes Dasein dem Zweck unterordnet, sein Lebensziel klarer zu sehen und entsprechend zu üben oder zu handeln.

Retreat als Rückzug im wörtlichen Sinn

Zwar sollte das auch im Alltag möglich sein, doch in der modernen und schnelllebigen Welt kommt man bei dieser Art der Lebensführung schnell in Konflikt mit familiären und beruflichen Verpflichtungen. Da uns die Bhagavad Gita klar sagt, dass wir diese Verpflichtungen als Teil unseres Lebensweges zu erfüllen haben, blieb für den „Haushälter“, also den Menschen, der sein Leben aktiv in Familie und Beruf lebt, schon immer nur der Weg der „zeitlich begrenzten Entsagung“, also der temporäre Rückzuges aus dem Alltag. Neudeutsch nennen wir das Retreat. Nun kann man heutzutage auch einen Strandurlaub mit all-täglichem Sundowner-Cocktail als „Retreat“ buchen. Doch erfüllt das seinen Zweck? In gewisser, eingeschränkter Weise schon. Doch seien wir ehrlich, wer möchte in einem solchen „Retreat“ schon mehr Klarheit über seinen Lebensweg finden – und wer kehrt aus einem solchen Strandurlaub schon mit einem tiefen Gefühl der Klarheit, Zufriedenheit und des Tatendrangs für die kommenden Monate zurück? Doch das ist genau, was ich im Moment fühle und ich bin dafür sehr dankbar. Dankbar vor allem meinen Lehrern, die mir diesen Weg gewiesen haben. Doch woher kommt dieses tiefe Gefühl des in uns Ruhens nach einer solchen intensiven Sadhana-Periode? Es ist das Ergebnis harter Arbeit. Arbeit im Inneren, die einen an die eigenen Grenzen bringen kann und darüber hinaus, wenn man es zu lässt.

Das ist, gelinde gesagt, nicht jedermanns Sache. Der Prozess beginnt zunächst schon damit, dass man sich einen Tagesablauf plant und sich selbst gegenüber verpflichtet, diesen einzuhalten. Disziplin pur – das klingt schon mal nicht nach Wellness-Urlaub. In meinem Fall auf dem Campus des Himalayan Instituts zunächst in Allahabad und dann in Khajuraho hieß das für den größten Teil der vier Wochen, dass um 3 Uhr mein Wecker klingelte. Hinzu kam, dass ich jeden zweiten Tag ein Flüssig-Fasten einlegte, um das für meinen Hyperinsulinismus nicht optimale, aber extrem leckere sehr Kohlenhydrat-Fett-dominierte Essen zu kompensieren.

Die Tage sahen also wie folgt aus:

3:00 – 3:30 Aufstehen, Bad, heiße Getränke zum Durchspülen und aufwachen
3:30 – 4:10 Übungen und Tiefenentspannung (Agni Sara, Pranayama, 61-Punkte-Entspannung)
4:15 – 6:30 Meditation im Schrein (mit kurzer Bewegungspause nach ca. 60 Minuten)
6:30 – 6:45 Chai mit Blick in den Garten und Kontemplation oder Bhagavad Gita lesen
6:45 – 7:00 Bett machen, Zimmer richten, Umziehen
7:00 – 8:30 Asanas (intensive Agni-Praxis nach Rod Stryker) und Entspannung
8:30 – 9:00 Frühstück an Essenstagen
8:30/9:10 – 10:00 Meditation im Schrein
10:00 – 12:00 Selbststudium (Übersetzung von Swami Rama Life Here and Hereafter ins Deutsche)
12:15 – 12:30 Rezitation eines Sanskrit-Textes
12:30 – 13:00 Mittagessen an Essenstagen
13:15 – 16:00 Selbststudium (hauptsächlich Übersetzung oder Kontemplation)
16:00 – 16:45 Chai mit Gleichgesinnten (Sangha)
17:00 – 18:15 Meditation im Schrein
18:30 – 19:00 Abendessen an Essenstagen
19:00 – 20:30 Selbststudium/Kontemplation
20:30 – 21:00 Ab ins Bett

Bei aller Disziplin in einem solchen Programm muss man natürlich auch immer mal wieder das Programm durch Spaziergänge, Zeit für mehr Reflexion oder Gespräche mit den Mitstreitern abwandeln. Doch das gehört dazu.

Die Purusharthas und unsere persönliche Bestimmung: Dharma

Dieser straffe Tagesablauf erklärt nun noch nicht, was dabei im Innern geschieht. Bei aller Individualität des persönlichen Sadhana geht es doch immer um das selbe: sein Leben mit Hilfe der vier Purusharthas, der vier Kategorien von grundlegenden Bedürfnissen, auszurichten, so dass man in sein Gleichgewicht oder seine Bestimmung kommt. Und so wie jeder einzelne Tag in unserem Leben sich mit diesen Kategorien auseinandersetzt, so geschieht dies auch während einer Sadhana-Periode – lediglich etwas bewusster und intensiver. Unweigerlich ist man mit dem Thema von Dharma, dem Sinn oder der Bestimmung seines Lebens, konfrontiert. Ein Thema, das sich durch ein solches Retreat wie ein roter Faden zieht. Die intensive Meditationspraxis erlaubt es Chitta, dem Unterbewusstsein, viele Dinge hochzuspülen, die mit diesem Thema zusammenhängen. Und so wird so manche auf die Meditation folgende Praxis der Kontemplation, in den Schriften Vichara genannt, angestoßen. Die Erfahrungen sind seit tausenden von Jahren die selben, wenn man sich auf diesen Weg begibt, man muss sich den Themen jedoch öffnen – dann findet man Frieden, nachdem man sich mit ihnen auseinandergesetzt hat. Das ist es, was die Yoga-Schriften als Befreiung von Samskaras bezeichnen, den tief sitzenden Eindrücken, die unser Unterbewusstsein zu jeder Millisekunde unentwegt sammelt.

Die richtigen Mittel im Leben haben: Artha

Die zweite Kategorie von Bedürfnissen, mit denen man sich auseinandersetzt ist Artha, das Bedürfnis nach den materiellen und ideellen Grundlagen unseres Lebens. Das fängt ganz konkret bei den Rahmenbedingungen eines solchen Retreats an – an denen man zunächst arbeiten muss, bis es passt. Dann geht es weiter und auch hier spült im Prozess der intensiven Meditationszyklen und der Zeit dazwischen das Unterbewusstsein alles hoch, was mit Existenzängsten, materiellen Begierden und Aspekten wie partnerschaftliche und freundschaftliche Unterstützung zu tun hat. In diesem Prozess relativieren sich oft viele Aspekte, wenn die Ruhe für Klarheit und Weitsicht sorgt und plötzlich klar wird, welche Aspekte von Artha wirklich wichtig sind für ein glückliches Leben. Denn der Sinn des Lebens besteht entsprechend der Lehren der Yoga-Traditionen darin, ein angstfreies und glückliches Leben zu führen. Dies ist sozusagen das Geburtsrecht eines jeden Menschen. Unweigerlich benötigt man dafür etwas von Artha, egal ob man die eigene Mala für die Japa-Meditation darin sehen möchte, oder das Geld, um sein Leben in einer westlichen Konsumgesellschaft in den selbstgewählten Maßen zu finanzieren.

Kama – Lebensfreude auf allen Ebenen – gehört ebenfalls dazu!

Die dritte und in Yoga-Kreisen oft missverstandene Kategorie von tiefen Sehnsüchten unseres Selbst ist Kama – Sinnes-Freude. Weil das Wort jeder aus dem Kontext des Kama Sutras kennt, denken die meisten sofort an Sexualität. Doch das ist nur ein Teil dieses Aspektes und dazu noch ein kleiner. Kama drückt sich jeden Tag in jeder noch so kleinen Freude aus. Und selbst wenn man der Welt entsagt, so ist das nach Innen gehen in Ananda, die tiefste innere Wonne, ein Aspekt von Kama! Das interessante an einem Meditations-Retreat ist, dass man unter Umständen immer mehr in diesen Aspekt eintaucht. So ging es mir in diesem Jahr. Am Ende war fast jede Sekunde erfüllt von der Freude über den unendlichen Reichtum an inspirierenden Eindrücken, an Schönheit der Natur und die darunterliegende Kreativität. Das ist Kama, wie sie in der Schrift Saundaryalahari/Anandalahari – Die Welle von Schönheit/Die Welle der Wonne, zum Ausdruck gebracht wird. Diese Schrift ist über tausend Jahre alt und geht auf Shankara zurück. Sie ist eine der wichtigen Textquellen der Sri Vidya-Tradition, in der ich durch meine Lehrer eingeführt wurde. In dieser tantrischen Tradition, die die zugegebenermaßen komplexe Samkhya-Philosophie lebenspraktisch erfahrbar macht, wird das gesamte materielle Universum (Prakriti) als mütterlich-führsorglicher Ausdruck des Seins (Sri) angesehen, das im Herzen höchst geschätzt und in Dankbarkeit verehrt wird. Eine mystische persönliche Erfahrungswelt, die den Sufismus ebenso inspirierte wie sie der christlichen Mystik, beispielsweise bei Meister Eckhart, nahesteht. Wer diesen Aspekt durchdrungen hat und in der Lage ist, ihn in den Alltag zu transportieren, der weiß auch, wie er für sich persönlich mit Unruhestiftern im Alltag wie in der Weltpolitik liebevoll und doch konsequent umgehen muss. Dies ist keine Lebensphilosophie nach dem Motto Friede, Freude, Eierkuchen! Es ist vielmehr ein differenziertes Verständnis des kreativen Ausdrucks des Seins, mag es im Gleichschritt mit den höchsten Prinzipien gehen oder völlig konträr. Prakriti, Sri, Kundalini oder Shakti, wie auch immer man die zu Grunde liegende Kraft nennen möchte, sie steht jedem zur Verfügung, der sich mit ihr zu verbinden weiß, zu welchem Zweck auch immer. Wer es nicht glauben mag, nehme die Ramayana als Beispiel und betrachte die beiden konträren Mächtigen dieser Geschichte: Rama vs. Ravana. Was sie verbindet ist der Zugang zu Shakti, was sie trennt ist der Zweck, ihr Ethos. Die Geschichten wiederholen sich, auch heute noch. Und so werden Dämonen-gleiche Gestalten Drahtzieher der Weltpolitik …

Und was ist mit Transzendenz? – Moksha macht’s möglich

Der letzte der vier Aspekte ist Moksha, unsere Sehnsucht nach Befreiung, nach der tiefstmöglichen Erkenntnis unseres Seins. Wer oder was bin ich? Warum bin ich? Wohin gehe ich? Mit diesen Fragen wird man unweigerlich konfrontiert, wenn man in der Meditation in die inneren Tiefen eintaucht. Sei es in Form der dunklen Seite, die einen herausfordert oder in Form des in sich Ruhens, das manche als Licht erfahren. Man muss dabei jedoch achtsam sein, nicht den Vorspielungen seiner Gunnas und Vayus, den mentalen und energetischen Aspekten unseres Daseins, auf den Leim zu gehen. Swami Rama drückte es ungefähr so aus: Warum suchen die Menschen in der Meditation nach Licht? Das Licht in seinen inneren Farben ist lediglich ein Ausdruck der energetischen und mentalen Zustände, die vorherrschen. In der Meditation sollte man die Dunkelheit von Chittikasha, der inneren Leinwand bewusst erfahren. Erst dann wird das subtile Leuchten unseres Selbst als feinster Punkt wahrnehmbar. Es ist ein Prozess, der nach und nach in dieses Leuchten führt. Für viele Meister war dies ein jahrzehntelanger Prozess. Warum sollte es ausgerechnet für uns schneller gehen? Doch es geht gar nicht darum, heute dort anzukommen. Der Weg ist das Ziel und das konstante Üben oder Bemühen (Abhyasa), Nicht-Anhaftung (Vairagya) und Vertrauen (Shraddha) in uns und die Kräfte des Universums (Sri) werden uns eines Tages dort hinführen. Für mich wurde in diesem Retreat mein persönlicher Weg hinsichtlich Moksha glasklar, doch das ist ein innerer Schatz, der unteilbar in meinem Herzen ruht. Für eine solche Erkenntnis braucht man Lehrer, die einem Türen öffnen, damit man weitergehen kann. Ich bin dankbar für die Tradition und lange folge von Lehrern (Parampara), die alles dazu nötige zu mir gebracht hat, nicht zuletzt durch Rod Stryker, Pandit Rajmani Tigunait und Swami Rama. Im Sinne dieser Tradition trage ich nun das Licht dieses Wissens in bescheidener Weise weiter, so dass einen kleinen Zugang dazu finden möge, wer auch immer dafür offen ist. Ein Zugang, der unweigerlich zu den Lehren und Lehrern führt, die wir für unser Wachstum in diesem Leben brauchen.

Bye bye, liebe Ashram-Blase – bis bald!

Und so komme ich nun zuhause und im Alltag an, außerhalb der „Ashram-Blase“, wie es eine liebe Person in meinem Leben bezeichnet. Doch die innere Ruhe, die tiefe Freude und Zufriedenheit ist völlig unabhängig von einer solchen Blase. Die Blase ist nur temporär nötig, um das Innenleben zu ordnen und die Aspekte unseres Lebens zu relativieren. Dann ist es möglich, im Sinn dieser Ruhe, Freude und Zufriedenheit seine Aufgaben im Leben zu erfüllen. Das betrifft sowohl meinen Beruf als Wissenschaftler und Berater als auch meine Berufung, Yoga, Meditation und Kontemplation im Sinne meiner Lehrer weiterzutragen. Darum gehe ich jedes Jahr für vier Wochen in mein persönliches Retreat in all seinen Herausforderungen. Dies ist für mich nötig, damit ich Euch in all meinen Yoga-Stunden, Einzel-Sitzungen und Workshops etwas authentisches aus dem Schatz der Traditionen der Selbstfindung und Selbstverwirklichung mitgeben kann. Ob Du es bemerkst oder nicht, es steckt in jeder Stunde, selbst wenn sie vordergründig „nur“ auf Muskel- und Atemebene arbeitet …

 

 

17. Februar 2021/von Michael Nickel
https://agni-magazin.de/wp-content/uploads/sites/4/2021/02/afonso-coutinho-184579_2500.jpg 1406 2500 Michael Nickel https://agni-magazin.de/wp-content/uploads/sites/4/2023/05/Agni-Magazin-Logo-Schrift-017309ff.png Michael Nickel2021-02-17 12:23:482026-05-04 11:51:38Alles Wellness oder was? – Erinnerungen an ein jährliches Retreat-Ritual

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