Vom Schmerz zur Erleuchtung (Yoga als Heilkunst – Teil 2)

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Lesedauer 6 Minuten

Von Rolf Sovik

In der ersten Folge dieser Serie „Yoga als Heilkunst“ haben wir uns angesehen, was die Bhagavad Gita als die vier Ziele des Yoga identifiziert: Heilung, persönliches Wachstum, Selbstentfaltung und schließlich Erleuchtung. Diese vier Ziele liegen im Herzen der Yoga-Praxis. Auch wenn wir insgeheim oder offen nach persönlichem Wachstum streben und die letzten beiden Ziele uns als spirituell Suchende ansprechen, werden die meisten Menschen zuerst durch den Wunsch nach Heilung auf körperlicher, emotionaler oder spiritueller Ebene zum Yoga hingezogen. Es ist wichtig, frei von Schmerz und Leiden zu sein, damit wir alles erfahren können, was Yoga zu bieten hat. Dies ist also der erste Schritt. Schauen wir uns an, was die Bhagavad Gita über die intrinsische Natur des Yoga als heilende Kraft sagt.

In der Bhagavad Gita 6.17 lesen wir, dass für jemanden, der zu jeder Zeit völlig in Yoga aufgeht, Yoga zum Zerstörer des Leidens wird. Dies ist eine bemerkenswerte Aussage. Unser Schmerz oder Leiden (Duhkha) wird häufig als ein Symptom des Ungleichgewichts beschrieben. Die Idee ist also, dass es etwas gibt, das uns vom Leiden befreit, wenn wir im Gleichgewicht leben. Krishna sagt weiter, dass wir eine „Abkopplung“ von unserer „Verbindung mit dem Leiden“ erfahren, wenn wir an „dem Ort sind, an dem die Gedanken zur Ruhe kommen“, das heißt wenn wir in der Meditation fest gegründet sind (Bhagavad Gita 6.22-6.23; nach der englischen Fassung von Graham Schweig). Diese Verse spiegeln auf dramatische Weise die Natur des Yoga als Moksha Shastra wider – eine Befreiungslehre. Wir mögen nach dem ultimativen Moksha streben, aber dieser Moksha muss mit der Befreiung von unserem Schmerz beginnen. Der erste Schritt ist, den Ort der Stille zu finden, an dem wir uns von unseren schmerzhaften Empfindungen und Emotionen lösen können.

Yoga ist eine Reise der Selbstentfaltung, die mit Selbstheilung beginnt

Was bedeutet es also, an „dem Ort zu sein, an dem die Gedanken zur Ruhe kommen“? Viele Menschen denken, dass im Yoga oder in der Meditation zu sein, bedeutet, an einem Ort zu sein, an dem es keine Gedanken gibt. Das ist nicht der Fall – jedenfalls nicht für mich, oder für irgendjemanden, den ich kenne. Aber der Ort, an dem der Geist ruht – nun, das ist eine ganz andere Sache. Wenn es dem Geist möglich ist, an einem Ort zu ruhen – einem Ort, der sicher genug ist, an dem er über eine gewisse Zeit hinweg Glück findet – dann führt diese Erfahrung zur Befreiung vom Leiden. Das ist es, was uns die Bhagavad Gita sagt. Wir sind also auf dem richtigen Weg, wenn wir einfach zur Ruhe kommen, unseren Körper, unseren Geist und unser Nervensystem etwas gründlicher ausruhen und dann in der Lage sind, das am nächsten Tag und am übernächsten Tag wieder zu tun. Das ist es, was der Weg des Yoga uns bietet – eine Reise der Entfaltung, die damit beginnt, uns selbst zu heilen, indem wir in uns ruhen. Dies sind nicht nur die Worte der Bhagavad Gita, sondern auch die Worte des grundlegenden Textes über Yoga, des Yoga Sutra. Dort sagt der große Weise Patanjali, dass Yoga zwei primäre Praktiken hat: die eine ist die Praxis der Meditation und die andere ist die Praxis der Nicht-Anhaftung, oder ein ausgeglichenes Leben. Wenn wir diese beiden Praktiken kombinieren können, haben wir eine Heilungsstrategie, die uns den ganzen Weg zu unserem höchsten Ziel führt.

Unsere Asana-Praxis kann uns helfen, an unserer Einstellung zu arbeiten

Der Weg der Heilung und der Weg der Erleuchtung sind letztlich derselbe Weg. Aber sie trennen sich, wenn der naheliegende Wunsch, frei von Schmerz zu sein, zu einem Kampf gegen den Schmerz wird, statt zu einer Suche nach Balance. Gedankenlos gegen den Schmerz zu kämpfen, lässt ihn nur eskalieren und vergrößert ihn. Dies geschieht in unseren zwischenmenschlichen Kämpfen, obwohl wir oft zu nah an der Situation sind, um uns und unseren Schmerz klar zu sehen. Zum Beispiel können wir uns frustriert fühlen, weil wir unserem besten Freund immer wieder aus der Patsche helfen, aber feststellen, dass unser Freund sich nie zu revanchieren scheint. Mit der Zeit kann sich diese Frustration in Groll verwandeln (entweder still oder ausgedrückt), was nicht hilfreich für uns ist – und sogar schmerzhaft. Ein Ort, an dem wir dieses Phänomen vielleicht deutlicher sehen können, ist unsere Asana-Praxis, besonders in herausfordernden Haltungen. Wenn du in der Yoga-Stunde in einer schwierigen Haltung bist, hast du die Wahl: Entweder du bleibst in der Haltung und denkst „Es wird bald vorbei sein“, oder du kannst etwas anderes tun. Du kannst dich dem Unbehagen anschließen. Du kannst einen Platz in dir selbst finden, um die Haltung zu praktizieren, an dem du dich nicht zu sehr an das Unbehagen klammerst, und du kannst dich so weit von ihm entfernen, dass du mit ihm zusammen sein kannst, ohne von ihm überwältigt zu werden. – Beachte jedoch, dass du sofort aufhören solltest, wenn du echte Schmerzen spürst.

Wenn wir neue Zugänge zu Duhkha (Schmerz) finden, beginnen wir zu transformieren.

Ich habe festgestellt, dass einer der größten Vorteile des Yoga darin besteht, zu entdecken, dass man sich einer Quelle des Unbehagens hingeben kann, ohne davon überwältigt zu sein, und dass man es sogar als den interessantesten und faszinierendsten Aspekt seiner Praxis empfindet. Das gilt für jede Situation im Leben, egal ob es sich um körperliche Schmerzen oder um Schmerzen tief verwurzelter psychologischer Natur handelt. Wenn wir neue Zugänge zu Duhkha finden, beginnen wir uns zu transformieren. Unsere Perspektive auf das Leben verschiebt sich. Das ist der Zeitpunkt, an dem die aufregenden Möglichkeiten des Yoga in unseren Blick zu kommen beginnen, und an dem die Wege der Heilung und der persönlichen Entfaltung – und schließlich der Erleuchtung – wieder zu verschmelzen beginnen. Sobald auch nur ein kleines bisschen dieser Heilung stattgefunden hat, entwickelt sich Yoga auf eine ganz neue und andere Weise weiter. Dieser neue Weg führt uns zu einer höheren Erfahrung des Selbst.

Wie also können du und ich – die wir vielleicht feststellen, dass unser Kampf mit dem Schmerz eine Sache ist und unser Yoga-Ansatz eine andere – lernen, Heilung und Selbstentfaltung zu verschmelzen, so dass sie wieder zu einem Weg werden? Im nächsten Beitrag dieser Serie werden wir der Frage nachgehen, wie wir diese Wege wieder zusammenführen können, damit wir die Fülle des Yoga – und des Lebens – erfahren können.

 

Dieser Artikel erschien zuerst im Amrit Blog in der Wisdom Library des Himalayan Institute, USA.

Deutsche Übersetzung von Michael Nickel und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Himalayan Institute, USA.

 

Rolf Sovik
Rolf Sovik

Rolf Sovik, Präsident und Spiritueller Leiter des Himalayan Institute, Doktor der Psychologie, begann 1972 sein Studium von Yoga und Meditation. Er ist Schüler von Swami Rama und Pandit Rajmani Tigunait und hat unter ihrer Anleitung die Lehren der Himalaya-Tradition erforscht. Er hat Abschlüsse in Philosophie, Musik, Östliche Studien und Klinische Psychologie. Derzeit lebt er mit seiner Frau Mary Gail am Himalayan Institute.

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