Von Swami Rama

Ich war müde und erschöpft und schlief in meinem Sessel ein. Mein Schlaf dauerte bis Mitternacht, als mein Traum mich aufweckte und ich mich verwandelt und in ein anderes Reich transportiert fand. Manchmal berühre ich den Zustand der Ekstase, und während dieser Zeit schwebe ich mühelos und gehe mit dem tiefsten Gefühl von Glück und Freude ins Leere. Ich habe alle Wunder der Welt gesehen, doch diese Erfahrung war so seltsam wundervoll, dass sie sich meiner Beschreibung entzieht.

Diese Erfahrung brachte mich zu der Erkenntnis, dass Träume etwas Einzigartiges offenbaren können, das im Wach­zustand nicht bekannt sein kann. In Sanskrit wird ein solcher Zustand »unmani« genannt. Es gibt keine Entsprechung dieses Wortes im Deutschen, deshalb nenne ich es einen Traum. Es ist ein Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen.

Es ist rätselhaft, wenn ich sage, dass ich einer der größten Träumer bin, doch in Wirklichkeit überhaupt nicht träume. Mein Schlaf bringt mich in ein Reich und eine Tiefe, in der der Inhalt des Geistes abwesend ist. In Wirklichkeit habe ich keine Zeit zum Träumen. Es gibt Momente, bevor ich in den tiefen Zustand des schlaflosen Schlafs gehe, in dem ich völlig wach bleibe, wo ich mich auf einem Gipfel wiederfinde und in die Täler ringsum hinunterblicke. Während dieser Zeit sind meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Zukunft klar zu sehen. Dennoch bleibe ich in einem ganz anderen Zustand, der weder wach, noch träumend, noch schlafend ist. Es ist genau genommen herrlich. Zeit, Raum und Kausalität sind die Be­dingungen dieses Geistes, der durch egoistische, weltliche Motivationen gebunden bleibt und sich an die glitzernden Objekte und Formen der Welt klammert. Das ist eine durch einen Sinn geschaffene Realität.

Es existiert nur eine Wahrheit, und daher nur eine Realität, wenn auch auf verschiedenen Stufen und Graden. Nichts ist neu, nichts ist alt, und alles ist im Ewigen.

Es existieren viele solcher Realitäten, die durch den getrübten Verstand erschaffen werden und eine Blockade des Intellekts verursachen. Man sagt, dass das eine real ist und das andere nicht, doch in Wirklichkeit ist alles real, und das Irreale wird erfahren, wenn wir die beiden Realitäten vergleichen, ohne ihre eigentliche Grundlage zu untersuchen.

Es existiert nur eine Wahrheit, und daher nur eine Realität, wenn auch auf verschiedenen Stufen und Graden. Nichts ist neu, nichts ist alt, und alles ist im Ewigen. Du und ich schauen aus verschiedenen Perspektiven auf den Horizont, und deshalb scheint die Realität der Sichtweise unterschiedlich zu sein. Wenn man sich auf die Dimension der Realität eines anderen einstellt, gibt es nur ein Ganzes. Es gibt nur ein Ganzes, und alles, was existiert, ist nur die Manifestation desselben Einen, das vorher existierte. Es gibt nichts Neues. Scheinbare Neuheit ist ein Zeitvertreib der Sinneswahrnehmung. Doch wenn man sich in die Wonne des Absoluten versetzt, findet man dort alle Gedanken und Gefühle in einer einzigen farblosen Farbe vermischt. Eigentlich existiert nur eine Farbe, und alle Farben sind lediglich ihre Variationen.

Verwirrung entsteht durch die Vielfältigkeit. Zwischen dem Einen und dem Anderen liegt ein Raum, der dasselbe, selbst-existente Eine auf eine andere Art und Weise charakterisiert. Die Mannhaftigkeit ist eine der Konditionierungen des mensch­lichen Geistes. Die Vielheit beweist die Gültigkeit der Einheit, so wie der Schatten die Gültigkeit des Lichts beweist. Untrenn­bar sind sie eins. In der Sphäre der untrennbaren Einheit gibt es keine Diskontinuität.

Intellektualisieren ist wie das Schaffen einer neuen Realität, indem man den Kontakt mit dem Realen verliert. Es gibt eine andere Art und Weise, die Wirklichkeit zu erfahren, die weder in der Vergangenheit, der Gegenwart, noch der Zukunft Ver­änderungen unterworfen ist. Wenn das individuelle Selbst sich dem kosmischen Einen überantwortet, wie ein Wasser­tropfen dem Ozean, dann findet die Individualität ihren Weg zur Vollkommenheit, wie ein Strom zum grenzenlosen Meer.

Nur wenige Glückliche haben diese Wirklichkeit, für die es keinen Namen gibt, berührt. Sie entzieht sich jeder Erklärung – und ist nur jener unglaublichen Erfahrung unterworfen, die keine Zunge hat. Wenn man lernt, alles zu vergessen, woran man sich erinnert, in welcher Sprache wird dann der Verstand denken? Der Denker hat nichts, worüber er nachdenken kann. Deshalb gibt es keinen Gedanken und keinen Verstand.

Nur das Selbst existiert mit seiner majestätischen Herr­lich­keit, die einfach nur schön und unbeschreiblich ist. Es ist eine Erfahrung, die einen auf den Gipfel der Vollkommenheit und Furchtlosigkeit erhebt, denn es gibt nichts, was Angst zu er­zeugen vermag. Das Eine existiert allein in seiner Ganzheit.

 

Dieser mystische Blick auf Selbsttransformation ist ein Auszug aus dem Buch „Liebe flüstert – Gedichte und Prosa eines Reisenden durch Zeit und Raum. Mystische Liebeserklärungen an die Göttliche Mutter“ von Swami Rama. Übersetzung von Michael Nickel. Das Buch erschien im Frühjahr 2020 als deutsche Erstausgabe als Hardcover im Agni Verlag. Du erhältst das Buch im Online-Shop des Agni Verlags, über unseren Amazon Verlagsshop oder im gutsortierten örtlichen Buchhandel. Die PDF Flipbook-Vorschau und ein Bonus-Kapitel zu „Liebe flüstert“ findest Du auf der Buchseite im Agni Verlag Webshop.

 

Swami Rama
Swami Rama

Swami Rama (1925-1996) ist einer der großen Weisen, Lehrer, Autoren und Humanisten des 20. Jahrhunderts, sowie der Gründer des Himalayan Institutes (USA) und des Himalayan Institute Hospital Trusts (Indien). Geboren in Nordindien, wurde er von frühester Kindheit an von Bengali Baba, einem Meister aus dem Himalaya, aufgezogen. Unter der Leitung seines Meisters reiste er von Kloster zu Kloster und studierte bei einer Vielzahl von Heiligen und Weisen im Himalaya, einschließlich seines Großmeisters, der in einer abgelegenen Region Tibets lebte. Zusätzlich zu diesem intensiven spirituellen Training erhielt Swami Rama eine höhere Ausbildung in Indien und Europa. Von 1949 bis 1952 hatte er die angesehene Position des Shankaracharya von Karvirpitham in Südindien inne. Danach kehrte er zu seinem Meister zurück, um sich in seinem Höhlenkloster weiterzubilden, und schließlich kam er 1969 in die Vereinigten Staaten, wo er das Himalayan Institute gründete. Sein bekanntestes Werk, Mein Leben mit den Meistern des Himalayas, enthüllt die vielen Facetten dieses einzigartigen Adepten und zeigt seine Verkörperung der lebendigen Tradition des Ostens.

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Zur elften Stunde: Swami Rama

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Von Pandit Rajmani Tigunait
Weltbürger und Yogi aus dem Himalaya, Biographie eines spirituellen Meisters
(limitierte bibliophile Ausgabe in Leinen)
Liebe flüstert - Gedichte und Prosa eines Reisenden durch Zeit und Raum. Mystische Liebeserklärungen an die Göttliche Mutter. (Swami Rama, Agni Verlag 2020)Agni Verlag

Liebe flüstert

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Von Swami Rama
Gedichte und Prosa eines Reisenden durch Zeit und Raum. Mystische Liebeserklärungen an die Göttliche Mutter.
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