Unsere Meditationspraxis vertiefen und uns selbst erkennen – Wie man ein Purashcharana praktiziert

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Von Pandit Rajmani Tigunait

Zweifel, Einsamkeit und Angst sind nur einige der subtilen Tendenzen, die unserem Körper die Vitalität entziehen und die Brillanz unseres Geistes trüben. Die Praxis eines Purashcharana ermöglicht es uns, die Quellen dieser Tendenzen zu entdecken und die Verletzungen zu heilen, die sie unserem Körper und Geist zugefügt haben. Wie bereits beschrieben, bedeutet Purashcharana »einen Schritt nach vorn«. In den meisten Meditationssystemen existiert das Konzept von Purashcharana nicht, und selbst wenn es existiert, bedeutet es lediglich, eine bestimmte Anzahl von Mantra-Rezitationen innerhalb einer bestimmten Zeitspanne durchzuführen. In der Schule der Vishoka-Meditation ist Purashcharana klar definiert.

Die allgemeinen Richtlinien für die Durchführung eines Purashcharana erfordern die Vermeidung aller Extreme. Zum Beispiel sollte der Ort, an dem man übt, sauber, nicht zu hell, nicht zu dunkel, nicht isoliert, aber nicht in der Nähe eines überfüllten Ortes sein. Er sollte weder laut noch totenstill sein. Er sollte frei von starken Aromen sein, sowohl angenehmen als auch unangenehmen. Es sollte weder übermäßig dekoriert noch völlig kahl sein. Ebenso sollte man während des Purashcharana weder aktiv nach einer Beschäftigung mit weltlichen Dingen suchen noch sich völlig abschirmen. Mit anderen Worten: Der Aufenthalt in der Mitte erfüllt die erste allgemeine Voraussetzung für die Durchführung eines Purashcharana.

Purashcharana (Praxisanleitung)

Beginne deine Praxis immer mit einer formalen Erklärung deines Sankalpa, der Absicht, die hinter deiner Praxis steht. Mache dies methodisch. Nachdem du zum Beispiel Platz genommen hast, erklärst du formell: »Heute, am {Datum} am {Ort}, als Teil meines {9-tägigen, 40-tägigen, usw.} Purashcharana, beschließe ich, zu meditieren. Möge diese Meditationspraxis meinen Geist mit Klarheit und Stabilität und mein Herz mit Reinheit, Liebe und Mitgefühl erfüllen. Mögen die Kräfte der Schöpfung, die Weisen der Tradition und die erleuchteten Meister, die immer die Gestrandeten auf dem Weg suchen, Zeuge meiner Entschlossenheit sein und ihren Segen für eine erfolgreiche Meditation ausgießen.« Sage dieses Sankalpa mental auf oder spreche es sogar laut aus, wenn es andere nicht stört.

Meditiere dreimal am Tag. Wiederhole dein Sankalpa vor jeder Sitzung. Wenn dein Geist beginnt, zufällige Gedanken zu unterhalten, die dir die Meditation erschweren, halte für einige Augenblicke inne und erinnere dich daran, dass du dich entschlossen hast, dieses Purashcharana zu vollenden. Führe einen kurzen Dialog mit deinem Geist: »Verstand, du bist seit Ewigkeiten mit solchen Gedanken beschäftigt. Nach dem Purashcharana wirst du viel Zeit haben, solche Gedanken wieder aufzunehmen. Kannst du nicht einfach dreißig Minuten für die Meditation erübrigen und sehen, wie viel Frieden und Glück du dadurch erlangst?« Verlängere diesen Dialog nicht. Kehre mit dieser sanften, aber nachdrücklichen Erinnerung zu deiner Meditation zurück.

Wiederhole dein Sankalpa vor jeder Meditationssitzung.

Biete am Ende jeder Meditationssitzung die Früchte der Praxis den Kräften an, die dich zu ihrem erfolgreichen Abschluss geführt haben. So wie du vor Beginn deiner Praxis eine formale Absichtserklärung abgegeben hast, biete jetzt die Früchte der Praxis mit einer formalen Erklärung an: »Aufgrund der natürlichen Eigenschaft der Bausteine meines Körpers, meiner Sinne und meines Geistes oder aufgrund von Gewohnheiten und starken Eindrücken der Vergangenheit habe ich vielleicht an meiner Meditation nicht so tief und rein teilgehabt, wie es mein inneres Wesen beabsichtigte, und dennoch bitte ich die Kräfte, die unsere innere und äußere Welt regieren, die Früchte meiner Praxis als reines und unbeflecktes Opfer anzunehmen.«

Die Einhaltung dieser allgemeinen Richtlinien bildet eine so­lide Grundlage für die Durchführung spezifischer Formen von Purashcharana. Ein Spezifisches Purashcharana ist sowohl in seiner Intensität als auch in seiner Komplexität fortgeschritten. Es wird im Licht unserer körperlichen Fähigkeiten, unserer emotionalen Reife, unserer intellektuellen Klarheit und vor allem des genauen Ziels der Praxis entworfen. Wenn du dich in der Philosophie und Metaphysik deines Meditationssystems gut auskennst, kannst du einen Intensivkurs für Purashcharana selbst gestalten. In diesem Fall ist es äußerst ratsam, die maßgeblichen Schriften, die die Praxis betreffen, zu konsultieren und die Richtlinien strikt zu befolgen. Wenn du nicht ganz sicher bist, wie gut dein Verständnis ist, konsultiere einen qualifizierten Lehrer.

Die Verpflichtung zu einem fortgeschrittenen Purashcharana setzt voraus, dass du schon eine Weile meditierst und bereits mindestens ein Purashcharana nach den allgemeinen Richtlinien durchgeführt hast. Das wird dir ein gutes Verständnis für deine Stärken und Schwächen gegeben haben. Du hast das hartnäckigste Hindernis identifiziert, das dir den Weg versperrt, und du wirst dein Bestes versucht haben, es zu überwinden. An dieser Stelle kommt ein fortgeschrittenes Purashcharana ins Spiel.

Der beste Ort für die Praxis

Unabhängig davon, ob wir uns in einem allgemeinen oder in einem spezifischen Purashcharana engagieren, spielt die Energie des Ortes, an dem wir unsere Praxis ausüben, eine wichtige Rolle. Es gibt Orte, die so mit transformativer Kraft aufgeladen sind, dass die zerstreuten Kräfte unseres Geistes spontan beginnen, sich auf die diesem Raum innewohnende Eigenschaft auszurichten, sobald wir ihn betreten. In unserer Tradition wird ein solcher Raum als Tirtha, als Schrein, bezeichnet.

Wenn die Intensität der Energie eines Schreins stark genug ist, wird sie die negativen Tendenzen unseres Geistes unterdrücken und sogar aufheben und die zarten und unschuldigen Qualitäten des Herzens erwecken. Der nach außen gerichtete Geist wird sich nach innen wenden. Dieser spontane, nach innen gerichtete Fluss des Geistes befähigt uns, unsere innere Verbindung zu finden. Sobald wir mit unserem inneren Wesen verbunden sind, steigt die Qualität unserer Praxis exponentiell an. Das Praktizieren eines Purashcharana im Raum, der vom Energiefeld eines Schreins umgeben ist, erfüllt die meisten Voraussetzungen und hebt viele der Bedingungen und Anweisungen auf, die für einen normalen Praxisablauf gelten. Um von einem Purashcharana in einem Schrein voll zu profitieren, muss man nur mit einem offenen und flexiblen Geist kommen.

In dem friedvollen Raum unseres inneren Heiligtums entdecken wir unsere Verbindung mit unserem Wesenskern.

Der energetisch lebendige Raum des Schreins öffnet die Tür zu unserem eigenen inneren Schrein. In dem friedvollen Raum unseres inneren Heiligtums entdecken wir unsere Verbindung mit unserem Wesenskern. Sobald wir diese innere Verbindung gefunden haben, verlieren Störungen, die aus weltlichen Beziehungen entstehen, ihre Verankerung in unserem Geist. Wenn man während jeder Meditationssitzung seine innere Verbindung erfährt, intensiviert sich die Beziehung zu eigenen Wesenskern, bis dieser zu einer lebendigen Realität wird. Diese Realität besitzt nun die Fähigkeit, die negativen Tendenzen abzuwehren, die sich aus tief verwurzelten, belastenden karmischen Eindrücken ergeben. Somit ist man in der Lage, müheloser und effizienter zu meditieren.

Die Quelle der Freude erreichen

Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass keines der auf diesen Seiten beschriebenen Werkzeuge, Mittel, Techniken oder zusätzlichen und fortgeschrittenen Praktiken so effektiv und wir­kungs­voll ist wie das ständige Bewusstsein der unbestreitbaren Wahrheit: Das Leben ist kurz und der Weg ist lang. Wir müssen schauen und erkennen, was wir in der Vergangenheit erreicht haben und was wir jetzt zu erreichen versuchen. Hat uns irgendeine unserer Errungenschaften unserem inneren Selbst näher gebracht? Wird eine dieser Errungenschaften mit uns gehen, wenn wir diese Welt verlassen? Der Saft des Lebens nimmt mit jedem Tag ab, doch wir verschwenden unsere Zeit damit, über die Vergangenheit zu trauern und uns um die Zukunft zu sorgen. Die Gegenwart ist die einzige Zeit, in der wir das Beste in uns selbst und das Beste in der Welt entdecken können, und sie wird von den Sorgen der Vergangenheit und der Zukunft aufgefressen. Wir müssen lernen, in der Gegenwart zu leben und dabei in vollem Umfang zu leben. Das nennen die Yogis das Praktizieren von ständigem Gewahrsein. Dieses Bewusstsein nährt unsere Meditation.

„Man kann Meditation [Yoga] nur durch Praxis erfahren.“

Vyasa

In dem Versuch, die Meditationspraxis zu optimieren, haben uns die Meister in der Vergangenheit Hunderte von Formeln vorgeschlagen. Alle diese Formeln sind aus ihren eigenen direkten Erfahrungen entstanden, und doch dient keine davon unseren Bedürfnissen voll und ganz. Die Sucher, die vor uns kamen, beklagten sich, dass ihre Meditation nicht die erwarteten Früchte trug und die Sucher in der Gegenwart haben ähnliche Beschwerden. Zu diesem immerwährenden Problem sagt der große Weise Vyasa in seinem Kommentar zum Yoga Sutra: »Man kann Meditation [Yoga] nur durch Praxis erfahren. Meditation ist die Ursache der Meditation. Wer in der Praxis der Meditation nicht nachlässig ist, erreicht den vertieften Zustand der Meditation« (YS 3.6).

Keine Formel wird funktionieren, wenn wir nicht meditieren, und jede gültige Formel wird funktionieren, wenn wir es tun. Unter all den Werkzeugen, Mitteln und Befähigungen gibt es nichts Wirkungsvolleres, als über eine andere unbestreitbare Wahrheit nachzudenken: Wenn wir die wandernden Tendenzen unseres Geistes überwinden und unseren Gleichmut wiederherstellen, haben wir die ganze Welt erobert. Diese Eroberung ist die Frucht unserer Meditation.

Wenn wir verstehen, dass dieser unbezahlbare Sieg das Ergebnis unserer Meditation ist, werden wir bereit sein, große Anstrengungen zu unternehmen, um ihn zu erreichen. Unser Gewissen wird sich weigern, Stunden, Tage, Monate oder Jahre zu zählen. Die Freude, unsere Praxis zu absolvieren, wird uns weiterbringen. Wir werden die Größe unserer Praxis nicht verharmlosen, indem wir sie mit den Maßstäben von Stressabbau oder Veränderungen unserer Gehirnströme messen, obwohl diese Vorteile als Nebenprodukte unserer Meditation auftreten werden. Wenn wir uns der Meditation verschreiben, um die reine und unverfälschte Natur unseres Geistes wieder zu entdecken und wiederherzustellen, werden unsere negativen geistigen Tendenzen automatisch schwächer werden und die Hindernisse, die sich aus ihnen ergeben, werden verschwinden.

Der Wert, den wir der Meditation beimessen, ist ein integraler Bestandteil unserer Praxis. Das Ziel, das wir anstreben, gibt unserer Meditation eine konkrete Form. Je klarer wir die Beziehung zwischen Meditation und der Wiederherstellung unseres inneren Gleichmuts verstehen, desto freudiger und enthusiastischer werden wir unserer Meditation nachgehen. Eine freudvolle Meditation führt uns zu dem Ort in uns, an dem wir das Heilmittel für all unseren Schmerz und unsere Trauer finden.

 

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Vishoka-Meditation – In innerer Freude ruhen: Effektive Yoga-Techniken für mentale Stille, Klarheit, Ausgleich, Wohlbefinden von Pandit Rajmani Tigunait, deutsche Übersetzung von Michael Nickel. Das Buch erschien im April 2022 als deutsche Erstausgabe als Softcover im Agni Verlag. Du erhältst das Buch im Online-Shop des Agni Verlags, über unseren Amazon Verlagsshop oder im gutsortierten örtlichen Buchhandel. Die PDF Flipbook-Vorschau zu „Vishoka-Meditation“ findest Du auf der Buchseite im Agni Verlag Webshop.

 

Pandit Rajmani Tigunait
Pandit Rajmani Tigunait

Pandit Tigunait, der spirituelle Leiter des Himalayan Institutes (USA), ist der Nachfolger von Swami Rama aus dem Himalaya. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert lehrt und unterrichtet er weltweit und ist Autor von mehr als 15 Büchern, darunter seine kürzlich erschienenen "The Secret of the Yoga Sutra" ("Das Geheimnis des Yoga Sutra" im Frühjahr 2019 auf deutsch bei Angi Verlag) "The Practice of the Yoga Sutra" und seine Autobiographie "Touched by Fire: The Ongoing Journey of a Spiritual Seeker". Pandit Tigunait hat zwei Doktortitel: einen in Sanskrit von der University of Allahabad in Indien und einen in Oriental Studies von der University of Pennsylvania in USA. Die Familientradition gab Pandit Tigunait Zugang zu einer großen Bandbreite spiritueller Weisheit, die sowohl in den schriftlichen als auch in den mündlichen Traditionen bewahrt wurde. Bevor er seinen Meister traf, studierte Pandit Tigunait Sanskrit, die Sprache der alten Schriften Indiens, sowie die Sprachen der buddhistischen, Jaina und zoroastrischen Traditionen. 1976 ordinierte Swami Rama Pandit Tigunait in die 5.000 Jahre alte Linie der Himalaya-Meister.

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