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Von Pandit Rajmani Tigunait

Auszug aus seinem Buch “Vishoka-Meditation – In innerer Freude ruhen

Eine Geschichte, die seit Tausenden von Jahren in Indien immer und immer wieder erzählt wird, gibt uns einen Einblick in die Tragweite von Vishoka-Meditation und in ihre transformierende Kraft. Dies ist die Geschichte von Dhruva, einem jungen Mann, der in einer extrem zerrütteten Familie geboren und aufgewachsen ist. Dennoch wurde Dhruva zu einem legendären Herrscher, dessen Name mit innerer Stabilität, unbezwingbarem Willen, Mut, Klarheit, Begeisterung und dauerhaftem Glück verbunden ist.

Dhruvas Vater war ein König mit zwei Ehefrauen. Dhruva war der Sohn der ersten Frau, die aus einem Königreich mit mäßiger Macht, Reichtum und Einfluss kam. Sie war bescheiden, freundlich und etwas naiv. Doch die zweite Frau, Dhruvas Stiefmutter, war schön, stolz und ehrgeizig. Sie kam aus einer mächtigen königlichen Familie und übte enormen Einfluss auf ihren Mann und seine Höflinge aus.

Nachdem sie ihren Mann unterworfen hatte, wuchs die Macht der zweiten Königin und sie sonnte sich im Glanz, der eine Herr­scherin begleitet. Aber Dhruvas Existenz beschäftigte sie. Er war der erste Sohn der ersten Frau des Königs und war nach dem Gesetz des Landes der rechtmäßige Erbe des Königs. Der Hunger der zweiten Königin nach Macht, Ansehen und Aufmerksamkeit wuchs, bis sie die Anwesenheit von Dhruva und seiner Mutter unerträglich fand. Indem sie skandalöse Gerüchte schuf und diese geschickt verbreitete, hetzte sie den König, seine Höflinge und alle anderen gegen Mutter und Sohn auf und es gelang ihr bald, sie aus dem Palast zu vertreiben.

Ein Leben schmerzhafter als der Tod

Doch das Elend, das sie Dhruva und seiner Mutter zufügte, endete nicht damit, ihnen ihr Zuhause zu nehmen. Sie sorgte dafür, dass das Leben des obdachlosen Paares schmerzhafter war als der Tod. Aus Furcht vor ihrem Zorn verweigerten die Untertanen des Königs Mutter und Sohn Unterkunft und Nahrung. Entbehrung und Erniedrigung wurden zum Kern ihrer Lebensweise.

Was könnte für eine Mutter schlimmer sein, als hilflos zuzusehen, wie ihr Sohn gedemütigt wird? Was könnte für einen Sohn schlimmer sein, als nichts tun zu können, wenn seine Mutter vor seinen Augen beleidigt wird? Wie schmerzhaft muss es für den jungen Prinzen gewesen sein, von seinem eigenen Volk schlechter behandelt zu werden als ein streunender Hund, im eigenen Bewusstsein, der rechtmäßige Erbe des Königreichs zu sein. Wie kann jemand in einer solchen Situation von den Qualen der Feindseligkeit und Rache befreit werden? Wie kann jemand, der von seinem eigenen Vater verraten wurde, jemals jemandem vertrauen? Wie kann ein Mensch, der in einem bodenlosen Meer von Niedergeschlagenheit und Trauer ertrinkt, irgendeine Liebe zum Leben behalten? Gefangen in einem Strudel des Elends und nicht wissend, was er noch tun sollte, verließ der junge Mann leise seine Mutter und verschwand.

Währenddessen besuchte Narada, einer der angesehensten Meister seiner Zeit, das Königreich. Narada war der beste Freund von Dhruvas Großvater gewesen. Er hörte von der schrecklichen Entwicklung im Palast und dem Elend, das den jungen Prinzen so schwer belastete, dass er sich von seiner einzigen verbliebenen Quelle der Hoffnung, seiner eigenen Mutter, abgeschnitten hatte. Tiefbewegt machte sich Narada auf die Suche nach Dhruva. Schließlich fand er ihn ziellos umherstreifend in einem Teil des Waldes, in den sich kein Mensch schutzlos hineinwagte, ein sicheres Zeichen dafür, dass der junge Mann seinen Lebenswillen verloren hatte.

Der Weise Narada übernimmt die Führung

Dhruva erkannte Narada sofort, und diese unerwartete Begeg­nung löste eine Flut von Kindheitserinnerungen aus. Er erin­nerte sich an seinen Großvater und einen Palast voller Liebe, Fürsorge und Zuwendung, und er erinnerte sich an das, was nach dem Tod seines Großvaters geschehen war. Narada seinerseits sah diesen traurigen Mann von innen heraus. Er sah, wie altersschwach Dhruva geworden war – seine jugendliche Ausstrahlung war fast völlig aufgezehrt von seinem Mangel an Vertrauen in sich selbst, Vertrauen in seine Verwandten, Vertrauen in die Vorsehung und Vertrauen in Wahrheit und Gerechtigkeit.

Narada war entschlossen, Dhruva zu helfen, seine Trauer und seinen Kummer abzuschütteln und die Kraft zurückzugewinnen, die er brauchte, um wieder glücklich und selbstbewusst zu werden. Der Weise wusste, dass dies eine heikle Angelegenheit war. Der junge Mann war schwach und gebrechlich geworden. Er konnte nirgendwo leben und hatte nichts zu essen. Sein Herz war geschrumpft und sein Verstand zerstreut. Aber das Schlimmste war, dass er die Hoffnung verloren hatte.

Narada wusste, dass dieser junge Mann zuerst die Gewissheit brauchte, dass ihn jemand liebte. Er musste erkennen, dass er nicht allein war, damit er das Gefühl der Zugehörigkeit wiedererlangen konnte. Er musste auch seine körperliche Vitalität und geistige Klarheit zurückgewinnen. Narada wusste, dass es aufgrund der emotionalen Verletzungen, die durch seine Familie und den Rest der Welt verursacht wurden, zu früh war, um über die Aufdeckung der tieferen Ursachen seines Leidens zu sprechen. Der erste Schritt bestand darin, diesem jungen Mann zu helfen, sein Gefühl der Normalität wiederherzustellen. Nur dann würde es möglich sein, ihn zu inspirieren, die Werkzeuge und Mittel zu entdecken, um alle Gegner zu finden und zu besiegen, einschließlich derer, die am schwersten zu besiegen sind – Angst, Zweifel, Wut, Feindschaft und Reue. Die Methode, die Narada benutzte, um Dhruva zu helfen, dieses Ziel zu erreichen, wurde als Vishoka-Meditation bekannt.

Narada führte den jungen Prinzen durch einen Prozess, der es ihm ermöglichte, seinen Körper wieder zu regenerieren und das Gleichgewicht seines Geistes wiederherzustellen. Er lehrte Dhruva, wie er seinen Geist vor den emotionalen Stürmen schützen kann, die aus tief verwurzelten, quälenden Erinnerungen entstehen. Er lehrte ihn Atemtechniken, um seinen Geist, sein Herz und seinen Körper zu heilen und um seine innere Ökologie wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Atemtechniken als Schlüssel zur Stille des Geistes

Diese von der Atmung angetriebene Suche brachte Dhruva an einen Punkt, an dem er seinen Geist davon abhalten konnte, sich immer weiter zu drehen und es ihm erlaubte, still zu werden. Von diesem Ort der Stille aus konnte er die subtile Ursache seiner Angst, seines Zorns, seiner Trauer und seines Kummers sehen. Er sah deutlich, dass sein Vater und seine Stiefmutter einfach nur die Auslöser waren, nicht die eigentliche Ursache. Mit diesem Bewusstsein konnte er nun leicht die lange Liste der Beschwerden, die sein Geist genährt hatte, auslöschen. Das gab ihm großen Trost, denn nun erkannte er, dass er die Welt nicht anflehen musste, ihm Gerechtigkeit zu gewähren. Er brauchte weder seine Familie, noch Freunde oder sonst jemanden, der ihm versicherte, dass er vor seinen Gegnern sicher war. Frei von Furcht, Zweifel, Wut, Feindschaft, Trauer und Hoffnungslosigkeit, begriff er nun, dass er die Fähigkeit hatte, sein eigenes Schicksal zu gestalten.

Die Schriften sagen uns, dass es sechs Monate dauerte, bis Dhruva von der völligen Verzweiflung zur völligen Stille gelangte. Sobald er aufhörte, seine inneren Feinde zu bekämpfen, begann der Prozess der Versöhnung zu Hause. Sein Vater und seine Stiefmutter erkannten ihre Torheit. Sie unternahmen jeden Versuch, Dhruva zurück in den Palast zu bringen, aber er blieb fest entschlossen, sich selbst stärker, klarer und ohne Abhängigkeit glücklich werden zu lassen. Die Aussicht, die Liebe, den Respekt, die Macht und die Würde zurückzugewinnen, die er rechtmäßig verdient hatte, war nicht so verlockend, wie die Entdeckung, in welcher Weise die Freiheit von inneren Konflikten zugleich die Konflikte in der äußeren Welt löst. Er setzte die Praxis fort und erreichte schließlich den Ort in seinem eigenen Herzen, der erfüllt ist von höchster Glückseligkeit. Er erkannte, dass der Bewusstseinszustand, der von dieser Glückseligkeit durchdrungen ist, das reine Wesen, das ewige Selbst ist.

Im Herzen liegt die Achse der Welt, jenseits allen Schmerzes

Dhruva erkannte, dass dies die eigentliche Achse der Existenz darstellt. Die Welt von Freude und Schmerz, Gewinn und Verlust, Ehre und Beleidigung, Sieg und Niederlage und sogar Geburt und Tod dreht sich ebenso um diese Achse, wie jedes einzelne Ereignis und jede einzelne Erfahrung. Er verstand, dass das ständige Bewusstsein dieser Realität uns befähigt, alle Katastrophen freudig zu meistern. Es existiert keine höhere Errungenschaft, als die Verbindung zu dieser Realität zu entdecken und zu bewahren. Nur wenn wir von diesem reinen Wesen getrennt sind, werden unsere Beziehungen zu unseren Freunden und Feinden verwirrend. Alle Erkundungen und Eroberungen beginnen von hier aus. Alle Unruhen und Niederlagen beginnen in der Abwesenheit dieser Verbindung.

Dhruva’s Geschichte endet mit einer außergewöhnlichen Er­fahr­ung – er erhob sich über seine physische und mentale Ebene des Bewusstseins und war vollständig im kollektiven Bewusstsein des Universums absorbiert. Die Mauer, die ein Individuum vom universellen Selbst trennt, war zusammengebrochen. Er war die Welt und die Welt war er. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wurden zu einem Kontinuum. Das Weltliche und das Heilige waren nicht mehr getrennt. Dhruva sah die Schöpfung als eine Erweiterung ihres Schöpfers. Diese Erfahrung war so packend, dass der subtile Faden seines Atems völlig zum Erliegen kam.

Die Welt steht still

Weil dieses spontane Zurückhalten des Atems auftrat, als die Welt ein integraler Bestandteil von Dhruvas Bewusstsein geworden war, hörte der Lebensatem in der ganzen Welt auf. Alle Lebewesen begannen zu ersticken. Die Kräfte der Natur und hochkarätige Seelen und Gottheiten baten den Schöpfer, Dhruva wieder in das normale Bewusstsein zu bringen, damit die Lebewesen ihren Atem zurückgewinnen konnten. So zog Vishnu, der alles durchdringende Schöpfer und Beschützer von allem, Dhruva aus diesem tiefen meditativen Zustand und segnete ihn mit dem höchsten Grad an Kraft, Prestige, Ehre, Weisheit, Sicherheit und Ausdauer. Während seines Lebens beherrschte er die Erde. Bei seinem Tod wurde ihm die Unsterblichkeit zugesprochen und er leuchtet am Nachthimmel als Polaris, der Nordstern, auf. Dementsprechend lautet der Name für den Polarstern in der indischen Astrologie Dhruva.

 

Was wir von Dhruva lernen können

Wie Dhruvas Reise beginnt auch die Vishoka-Meditation mit dem richtigen Verständnis von Schmerz und Trauer und mündet in anhaltende Freude und Erfüllung. Die große Lücke zwischen Anfang und Ende wird mithilfe einer Reihe von Techniken und Praktiken überbrückt, die uns helfen sollen, unsere Schwächen zu überwinden und unsere angeborene Stärke zurückzugewinnen.

 

Buchauszug aus “Vishoka-Meditation – In innerer Freude ruhen: Effektive Yoga-Techniken für mentale Stille, Klarheit, Ausgleich, Wohlbefinden (mit Audio-Download)” (Deutsche Erstausgabe 2020, Agni Verlag) Das Buch ist erhältlich im Agni Verlag Webshop, in unserem Verlagsshop auf Amazon (inkl. Blick-ins-Buch) und im örtlichen Buchhandel.

Übersetzt von Michael Nickel.

 

 

 

Pandit Rajmani Tigunait
Pandit Rajmani Tigunait

Pandit Tigunait, der spirituelle Leiter des Himalayan Institutes (USA), ist der Nachfolger von Swami Rama aus dem Himalaya. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert lehrt und unterrichtet er weltweit und ist Autor von mehr als 15 Büchern, darunter seine kürzlich erschienenen "The Secret of the Yoga Sutra" ("Das Geheimnis des Yoga Sutra" im Frühjahr 2019 auf deutsch bei Angi Verlag) "The Practice of the Yoga Sutra" und seine Autobiographie "Touched by Fire: The Ongoing Journey of a Spiritual Seeker". Pandit Tigunait hat zwei Doktortitel: einen in Sanskrit von der University of Allahabad in Indien und einen in Oriental Studies von der University of Pennsylvania in USA. Die Familientradition gab Pandit Tigunait Zugang zu einer großen Bandbreite spiritueller Weisheit, die sowohl in den schriftlichen als auch in den mündlichen Traditionen bewahrt wurde. Bevor er seinen Meister traf, studierte Pandit Tigunait Sanskrit, die Sprache der alten Schriften Indiens, sowie die Sprachen der buddhistischen, Jaina und zoroastrischen Traditionen. 1976 ordinierte Swami Rama Pandit Tigunait in die 5.000 Jahre alte Linie der Himalaya-Meister.

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