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Fortsetzung: Pandit Rajmani Tigunait im Interview über die Yoga Sutras, seinen Kommentar, seine Kurse und die Mission des Himalayan Institute.

Interviewfragen von Michael Nickel

Im vorigen Teil des Interviews erklärt uns Panditji einige Aspekte zur Essenz des Yoga Sutra. Oder springe zum ersten Teil des Interviews.

 

Welche Rolle haben die Yoga Sutras in den Lehren Ihrer Meister für Sie gespielt, um letztendlich dahin zu kommen, wo Sie nun stehen.

Ich war mir jederzeit einer Sache bewusst, die mein Meister immer wieder betont hat: Ein Mensch ist nicht nur Körper und ein Mensch ist nicht nur Geist, sondern der Mensch ist eher eine Verschmelzung von Körper und Geist – und noch mehr.

 

Das war Swami Rama?

Ja, Swami Rama. Und daher habe ich seine Lehren berücksichtigt und es so praktisch wie nur möglich gehalten. Was taugt Yoga-Philosophie, wenn sie eine reine intellektuelle Übung ist? Daher halte ich mich an eine integrative Herangehensweise, die Ernährung, Körperübungen, usw. kombiniert, um all das als Grundlage für Wachstum und Entdeckungen im Spirituellen zu nutzen.

 

In welchem Alter sind Sie zum ersten Mal in Kontakt mit den Yoga Sutras gekommen? Sie sind in einer traditionellen Pandit-Familie mit Sanskrit-Hintergrund herangewachsen und dementsprechend spielte Spiritualität von Beginn an eine große Rolle.

Tatsächlich war ich mir über die Existenz der Yoga Sutras bereits in meiner frühen Kindheit bewusst. Aber ich hatte kein großes Interesse daran, denn meine Familie war sehr ritualistisch geprägt. Das heißt, meine Mutter war ritualistisch geprägt. Mein Vater war ein sehr angesehener Schriftgelehrter, der im Privatleben ein Verehrer der Göttlichen Mutter Durga war, der ebenfalls seine Rituale pflegte. Daher war ich zunächst nicht besonders an den Yoga Sutras interessiert.

Das erste Mal, dass ich mich wirklich dafür interessierte war 1973, im Alter von 20 Jahren, unter ganz einzigartigen Umständen, als ich durch eine sehr, sehr raue Periode meines Lebens ging. Die ganze Geschichte findet sich im Vorwort des Buches. Ich traf meinen ersten großen Lehrer, als ich durch die dunkelste Zeit meines Lebens ging. Das war Swami Sadananda. Er weihte mich in das Gayatri-Mantra ein und als diese Praxis keinen zufriedenstellenden Effekt bei mir zeigte, führte er mich in die Yoga Sutras ein – und seither studiere ich die Yoga Sutras.

Eine Sache muss ich sagen: obwohl ich all die Zeit diesen wundervollen Text sowohl als Wissenschaftler wie auch als Praktizierender intensiv studiert habe und obwohl ich zu Füßen der großen Meister saß, bin ich mir heute völlig im Klaren darüber, dass ich der größte Glückspilz der Welt wäre, wenn ich mein Studium dieses Buches in diesem Leben wirklich beenden könnte und seinen wahren Inhalt und seine wahre Absicht vollständig verstehen würde. Die Sache ist doch die, je mehr man studiert und je mehr man praktisch erfährt, umso mehr realisiert man, dass immer noch so viel mehr darin zu finden ist (lacht). Es ist so ein erstaunliches Buch! Wirklich! Sehr transformierend.

 

Sie haben bereits darauf hingewiesen, dass einige Übersetzer der Ansicht sind, Yoga bedeute, etwas zu bezwingen. Besonders hinsichtlich Sutra 1.2 scheinen einige Kommentare die Ansicht zu vertreten, Yoga sei, den Geist dazu zu zwingen, nicht mehr zu denken. Was ist Ihr Verständnis dieses Sutras im Kontext?

Mein Kommentar legt dar, dass man mit dieser ganzen Idee nicht erfolgreich sein wird, unseren Geist am Kragen zu packen und ihm zu sagen: „Hör zu Geist, du tust jetzt, was ich Dir sage, sonst werde ich Dich bestrafen“. Das ist eine sehr unsinnige Herangehensweise. Das Wort, über das wir sprechen, ist nirodhah. Yoga Sutra 1.2 lautet: yogas citta-vrtti-nirodhah. Also bedeutet es: Yoga ist, wenn die Tendenzen des Geistes herumzuschweifen “nirodhah” sind.

Das Wort nirodhah ist übersetzt worden als “Einhalt gebieten, kontrollieren, anhalten”. Das ist eine ziemlich in die Irre führende und missverstandene Übersetzung. Das Wort nirodhah ist aus zwei Worten zusammengesetzt: das Präfix ni– und rodhah, was “anbinden” oder “beschränken” bedeutet. du beschränkst Deinen Geist, jedoch in einer sehr methodischen Art und Weise. Etwa so, als würdest du am Ende des Tages Deine Kühe in den Stall bringen. Sie in den Stall zu bringen ist keine Bestrafung für die Kühe! Du beschützt sie vor den Elementen, Hitze, Kälte, usw. Außerdem ist das die Zeit, wenn die Kühe in deinem Stall ausruhen. In ähnlicher Weise kommst du am Ende deines Tages zurück ins eigene Heim und du schließt deinen Raum, deine Türe ab. Wenn du die Türe abschließt und dich im Inneren des Raumes aufhältst, bist du kein Gefangener! Du bestrafst dich nicht selbst. Stattdessen schließt du ab, um sicher zu stellen, dass niemand den Raum unbefugt betritt. Niemand stört dich, während du dich Zuhause ausruhst.

Genau das ist der Zweck, deine Türe abzuschließen. Dementsprechend schließt du deinen Geist in seinem Zuhause ein, genau das nennt man nirodhah. Es besteht ein sehr positiver Grund dafür: dein Geist ist nach Hause gekommen, dein Geist ruht sich aus, dein Geist entspannt sich, dein Geist lädt seine Energie wieder auf. Das heißt, wenn deine Meditationszeit verstrichen ist, ist dein Geist aufgeladen, erfrischt. Du bist erfrischt. Du hast deine innere Vitalität zurückgefordert, wie auch deine Frische, deine innere Intuition und deine innere Leuchtkraft. Und du bist wieder eine gesündere, freudvollere und friedlichere Person geworden.

Also ist “den Geist bezwingen” keine besonders gute Übersetzung, sondern eher, dem Geist zu erlauben, dass er komfortabel zuhause ist. Damit einher geht, dass du eine Umwelt schaffst, in der dein Geist sich wohl fühlt, genauso, wie du dein eigenes Zuhause sauber hältst, du hast schöne Bilder oder Kunstwerke an der Wand, du stellst sicher, dass die Fenster geschlossen oder offen sind, je nach Bedarf um eine passende Belüftung zu haben. Ähnlich verhält es sich mit Meditation, die zum Ziel hat, die virtuose Beherrschung der Modifikationen deines Geistes zu erreichen. Das ist ein sehr methodischer Prozess und eben nicht nur, den Geist zu schnappen und festzuhalten und zu sagen „Geist, du bleibst hier besser sitzen!“ – nein, das ist es eben nicht!

 

Das hört sich wohl für all diejenigen besonders bedenkenswert und vielversprechend an, die bisher „Erleuchtung“ als Hauptziel von Meditation sahen.

Natürlich!

 

Im dritten Teil des Interviews mit Panditji geht es um das Konzept von Samadhi und um die Wichtigkeit der Yamas und Nyamas. 

 

Dieses Interview erschien zuerst in gekürzter Version im Yoga Aktuell 92 (2015). Das Buch, über das im Interview gesprochen wird, “Das Geheimnis der Yoga Sutras – Samadhi Pada” ist im Frühjahr 2019 im Agni Verlag auf deutsch erschienen und ist über den Agni Verlag Webshop, über unseren Amazon-Verlagsshop und natürlich im lokalen Buchhandel erhältlich. Das Buch wird inzwischen in vielen Aus- und Weiterbildungen für Yoga-Lehrer eingesetzt und wenn Du ein Interesse an authentischer Yoga-Philosophie hast, ist dieses Buch eine tiefe Bereicherung und Inspiration für den Sucher in Dir.Das Interview führte Michael Nickel. Fotos ebenfalls von Michael Nickel.

Pandit Rajmani Tigunait
Pandit Rajmani Tigunait

Pandit Tigunait, der spirituelle Leiter des Himalayan Institutes (USA), ist der Nachfolger von Swami Rama aus dem Himalaya. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert lehrt und unterrichtet er weltweit und ist Autor von mehr als 15 Büchern, darunter seine kürzlich erschienenen "The Secret of the Yoga Sutra" ("Das Geheimnis des Yoga Sutra" im Frühjahr 2019 auf deutsch bei Angi Verlag) "The Practice of the Yoga Sutra" und seine Autobiographie "Touched by Fire: The Ongoing Journey of a Spiritual Seeker". Pandit Tigunait hat zwei Doktortitel: einen in Sanskrit von der University of Allahabad in Indien und einen in Oriental Studies von der University of Pennsylvania in USA. Die Familientradition gab Pandit Tigunait Zugang zu einer großen Bandbreite spiritueller Weisheit, die sowohl in den schriftlichen als auch in den mündlichen Traditionen bewahrt wurde. Bevor er seinen Meister traf, studierte Pandit Tigunait Sanskrit, die Sprache der alten Schriften Indiens, sowie die Sprachen der buddhistischen, Jaina und zoroastrischen Traditionen. 1976 ordinierte Swami Rama Pandit Tigunait in die 5.000 Jahre alte Linie der Himalaya-Meister.

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