Beiträge

Von Swami Rama

Auszug einer Rede anlässlich von Guru Purnima, dem jährlichen Tag zu Ehren des Lehrers,
dokumentiert in seiner Biographie „Zur elften Stunde: Swami Rama

Heute werde ich euch anlässlich von Guru Purnima erzählen, was ein ›Guru‹ ist. Die Menschen haben dazu viele falsche Ansichten. Das Wort Guru ist ein heiliges Wort. Tatsächlich verwenden wir dieses Wort nicht allein für sich. Es wird immer ergänzt durch Deva. Wir sagen immer Gurudeva. Das Wort Guru bezeichnet ›einen, der das Dunkel der Unwissenheit vertreibt‹. Gurudeva bedeutet ›göttliches Wesen, das leuchtende Sein, welches das Dunkel der Unwissenheit vertreibt‹. Gurudeva ist der eine, der in der innersten Kammer des Herzens wohnt und uns in allen Situationen und unter allen Umständen des Lebens führt. Er ist das innere Licht.

Viele Leute meinen, dass der Guru ein bestimmter Mensch sei. Das ist ein großer Fehler. Genauso wie ihr, ich und jedermann wird dieser menschliche Guru geboren und stirbt irgendwann, wogegen der ›Gurudeva‹ unsterblich ist. Er ist ungeboren und weder Tod noch Verfall oder Zerstörung unterworfen. Vom Beginn der Geschichte an haben die Menschen versucht, Führung zu erhalten von diesem Guru, von jenem Lehrer, Priester oder Swami. Doch bis heute hatten sie damit keinen Erfolg. Egal wie viele Bücher ihr lest und bei wie vielen Lehrern oder Priestern ihr lernt, nie werdet ihr vollkommen frei sein von euren Zweifeln und Ängsten. Solange ihr nicht frei seid von Zweifeln und Ängsten, könnt ihr euch nicht von ganzem Herzen euren Übungen zuwenden. Solange ihr nicht mit ganzem Herzen übt, könnt ihr keine direkte Erfahrung erlangen. Ohne direkte Erfahrung könnt ihr keine wirkliche Tröstung finden. Weiterlesen

Antworten von Pandit Rajmani Tigunait

 

Frage Agni-Magazin: Das Yoga Sutra unterstreicht Svadhyaya – das Selbststudium – als eine Schlüsselkomponente der spirituellen Praxis. Wie kann Svadhyaya mir helfen, Hindernisse hinsichtlich meines spirituellen Wachstums zu beseitigen?

 

Pandit Rajmani Tigunait : Das Wort Svadhyaya bedeutet „Studium des Selbst durch einen selbst oder durch Nachsinnen über die Schriften“. Praktisch gesprochen bedeutet es, Japa (mentale Wiederholung) der offenbarten Mantras zu praktizieren, die wir von einem Lehrer durch Einweihung erhalten, und über die Anleitung zu kontemplieren, die wir von unserem Lehrer oder von den Lehren in den authentischen Schriften erhalten.

Oft verpflichten wir uns zu einer spirituellen Disziplin, ohne genügend Wissen über uns selbst, unsere Ziele und die Mittel zu haben, mit denen wir versuchen, unsere Ziele zu erreichen. Aus diesem Grund werden wir entmutigt, wenn während unserer Praxis Hindernisse auftauchen. Weil wir nicht genügend Wissen haben, können wir die Hindernisse oft nicht einmal erkennen.

Selbst wenn wir sie einmal erkannt haben, wissen wir nicht, wie wir sie überwinden können, weil wir ihre Ursache nicht kennen. Wir werden frustriert und entmutigt und geben der Praxis, dem Lehrer und uns selbst die Schuld. Indem wir Svadhyaya in unsere tägliche Praxis einbauen, erwerben wir die Fähigkeit, die Hindernisse zu erkennen, bevor sie auftauchen. Weiterlesen

Von Michael Nickel

Der Mensch ist ein Tier, das sich doch von den übrigen Tieren unterscheidet. Die Philosophien der Menschheitsgeschichte werden nicht müde, dies zu betonen, unter Bezug auf unseren großartigen Intellekt. In der Tat ist der menschliche Intellekt (von lateinisch intellectusErkenntnisvermögen, Einsicht, Verstand) ein großes Geschenk, was uns das Universum im Laufe unserer Evolution zuteil werden ließ. Eines der faszinierendsten Kinder unseres Intellekts ist die schiere, grenzenlose Kreativität, die der menschliche Geist an den Tag legen kann. Sei es, um rein mentale Konstrukte aufzubauen – wie etwa komplexe Geschichten und Theorien. Oder noch viel augenfälliger, in der Art und Weise, wie der Mensch immer ausgefallenere physische und zunehmend auch virtuelle Objekte erschafft, zu seinem eigenen Nutzen und zu seinem Amüsement oder seiner ästhetischen Befriedigung – oder allem zusammen. Weiterlesen

von Michael Nickel

Eigentlich reise ich jedes Jahr im Januar/Februar für einige Wochen nach Indien für mein persönliches Meditations-Retreat. Ein Rückzug vom Alltag und eine Neuausrichtung für das neue Jahr. Eigentlich. Dieses Jahr eben nicht. Dafür bin ich im „Retreat zuhause“. Und weil ich da mehr Zeit für meine Praxis und alles, was damit zusammenhängt brauche, gibt es diese Woche eine „Gedankenfutter-Konserve“, nämlich einen Text, den ich vor Jahren auf dem Rückweg von Indien als Reflexion meines Praxis-Retreats geschrieben habe. Ein Einblick in den Alltag eines Sadhakas und in die (Yoga-)Philosophie, die dahinter steckt, mich einmal im Jahr wirklich zurückzuziehen. Es geht dabei um die vier Purusharthas: Dharma, Artha, Kama und Moksha.

Ein Sprung ins Jahr 2017 …

Ich sitze im ICE von Frankfurt Flughafen nach Stuttgart auf der Rückreise von einem vierwöchigen Aufenthalt in Indien. Mein persönliches Meditations-Retreat zum Jahresbeginn. Der dritte Aufenthalt dieser Art in Folge, jeweils im Januar/Februar. Ich komme also aus dem Wellness-Urlaub – das ist zumindest, was viele meiner Bekannten, Freunde und Familienmitglieder denken.

Doch wenn ich ihnen von meinen Tagen erzähle, relativiert sich diese Ansicht ganz schnell, denn obwohl das Ziel dieses Aufenthalts für mich tatsächlich ein „gut sein“ = Wellness ist, oder genauer gesagt ein „besser sein“, erinnert der Tagesablauf eher an den eines Schichtarbeiters, als an den eines Urlaubers. Und so ist dies tatsächlich auch die Dienstreise eines Yogis und kein Urlaub. Wer sich auf ein persönliches Meditations-Retreat dieser Art einlässt, geht tief in den Prozess von Sadhana, wie es die alten Sanskrit-Schriften nennen, die Art der meditativen Lebens- und Übungspraxis, die jede Minute des Seins durchdringt. Dieser Prozess ist seit tausenden von Jahren im Prinzip derselbe, obwohl er für jeden Menschen in Weg und Detail unterschiedlich ist. Man wird zum Sadhaka, zum Aspiranten, der sein ganzes Dasein dem Zweck unterordnet, sein Lebensziel klarer zu sehen und entsprechend zu üben oder zu handeln.

Retreat als Rückzug im wörtlichen Sinn

Zwar sollte das auch im Alltag möglich sein, doch in der modernen und schnelllebigen Welt kommt man bei dieser Art der Lebensführung schnell in Konflikt mit familiären und beruflichen Verpflichtungen. Da uns die Bhagavad Gita klar sagt, dass wir diese Verpflichtungen als Teil unseres Lebensweges zu erfüllen haben, blieb für den „Haushälter“, also den Menschen, der sein Leben aktiv in Familie und Beruf lebt, schon immer nur der Weg der „zeitlich begrenzten Entsagung“, also der temporäre Rückzuges aus dem Alltag. Neudeutsch nennen wir das Retreat. Nun kann man heutzutage auch einen Strandurlaub mit all-täglichem Sundowner-Cocktail als „Retreat“ buchen. Doch erfüllt das seinen Zweck? In gewisser, eingeschränkter Weise schon. Doch seien wir ehrlich, wer möchte in einem solchen „Retreat“ schon mehr Klarheit über seinen Lebensweg finden – und wer kehrt aus einem solchen Strandurlaub schon mit einem tiefen Gefühl der Klarheit, Zufriedenheit und des Tatendrangs für die kommenden Monate zurück? Doch das ist genau, was ich im Moment fühle und ich bin dafür sehr dankbar. Dankbar vor allem meinen Lehrern, die mir diesen Weg gewiesen haben. Doch woher kommt dieses tiefe Gefühl des in uns Ruhens nach einer solchen intensiven Sadhana-Periode? Es ist das Ergebnis harter Arbeit. Arbeit im Inneren, die einen an die eigenen Grenzen bringen kann und darüber hinaus, wenn man es zu lässt.

Das ist, gelinde gesagt, nicht jedermanns Sache. Der Prozess beginnt zunächst schon damit, dass man sich einen Tagesablauf plant und sich selbst gegenüber verpflichtet, diesen einzuhalten. Disziplin pur – das klingt schon mal nicht nach Wellness-Urlaub. In meinem Fall auf dem Campus des Himalayan Instituts zunächst in Allahabad und dann in Khajuraho hieß das für den größten Teil der vier Wochen, dass um 3 Uhr mein Wecker klingelte. Hinzu kam, dass ich jeden zweiten Tag ein Flüssig-Fasten einlegte, um das für meinen Hyperinsulinismus nicht optimale, aber extrem leckere sehr Kohlenhydrat-Fett-dominierte Essen zu kompensieren.

Die Tage sahen also wie folgt aus:

3:00 – 3:30 Aufstehen, Bad, heiße Getränke zum Durchspülen und aufwachen
3:30 – 4:10 Übungen und Tiefenentspannung (Agni Sara, Pranayama, 61-Punkte-Entspannung)
4:15 – 6:30 Meditation im Schrein (mit kurzer Bewegungspause nach ca. 60 Minuten)
6:30 – 6:45 Chai mit Blick in den Garten und Kontemplation oder Bhagavad Gita lesen
6:45 – 7:00 Bett machen, Zimmer richten, Umziehen
7:00 – 8:30 Asanas (intensive Agni-Praxis nach Rod Stryker) und Entspannung
8:30 – 9:00 Frühstück an Essenstagen
8:30/9:10 – 10:00 Meditation im Schrein
10:00 – 12:00 Selbststudium (Übersetzung von Swami Rama Life Here and Hereafter ins Deutsche)
12:15 – 12:30 Rezitation eines Sanskrit-Textes
12:30 – 13:00 Mittagessen an Essenstagen
13:15 – 16:00 Selbststudium (hauptsächlich Übersetzung oder Kontemplation)
16:00 – 16:45 Chai mit Gleichgesinnten (Sangha)
17:00 – 18:15 Meditation im Schrein
18:30 – 19:00 Abendessen an Essenstagen
19:00 – 20:30 Selbststudium/Kontemplation
20:30 – 21:00 Ab ins Bett

Bei aller Disziplin in einem solchen Programm muss man natürlich auch immer mal wieder das Programm durch Spaziergänge, Zeit für mehr Reflexion oder Gespräche mit den Mitstreitern abwandeln. Doch das gehört dazu.

Die Purusharthas und unsere persönliche Bestimmung: Dharma

Dieser straffe Tagesablauf erklärt nun noch nicht, was dabei im Innern geschieht. Bei aller Individualität des persönlichen Sadhana geht es doch immer um das selbe: sein Leben mit Hilfe der vier Purusharthas, der vier Kategorien von grundlegenden Bedürfnissen, auszurichten, so dass man in sein Gleichgewicht oder seine Bestimmung kommt. Und so wie jeder einzelne Tag in unserem Leben sich mit diesen Kategorien auseinandersetzt, so geschieht dies auch während einer Sadhana-Periode – lediglich etwas bewusster und intensiver. Unweigerlich ist man mit dem Thema von Dharma, dem Sinn oder der Bestimmung seines Lebens, konfrontiert. Ein Thema, das sich durch ein solches Retreat wie ein roter Faden zieht. Die intensive Meditationspraxis erlaubt es Chitta, dem Unterbewusstsein, viele Dinge hochzuspülen, die mit diesem Thema zusammenhängen. Und so wird so manche auf die Meditation folgende Praxis der Kontemplation, in den Schriften Vichara genannt, angestoßen. Die Erfahrungen sind seit tausenden von Jahren die selben, wenn man sich auf diesen Weg begibt, man muss sich den Themen jedoch öffnen – dann findet man Frieden, nachdem man sich mit ihnen auseinandergesetzt hat. Das ist es, was die Yoga-Schriften als Befreiung von Samskaras bezeichnen, den tief sitzenden Eindrücken, die unser Unterbewusstsein zu jeder Millisekunde unentwegt sammelt.

Die richtigen Mittel im Leben haben: Artha

Die zweite Kategorie von Bedürfnissen, mit denen man sich auseinandersetzt ist Artha, das Bedürfnis nach den materiellen und ideellen Grundlagen unseres Lebens. Das fängt ganz konkret bei den Rahmenbedingungen eines solchen Retreats an – an denen man zunächst arbeiten muss, bis es passt. Dann geht es weiter und auch hier spült im Prozess der intensiven Meditationszyklen und der Zeit dazwischen das Unterbewusstsein alles hoch, was mit Existenzängsten, materiellen Begierden und Aspekten wie partnerschaftliche und freundschaftliche Unterstützung zu tun hat. In diesem Prozess relativieren sich oft viele Aspekte, wenn die Ruhe für Klarheit und Weitsicht sorgt und plötzlich klar wird, welche Aspekte von Artha wirklich wichtig sind für ein glückliches Leben. Denn der Sinn des Lebens besteht entsprechend der Lehren der Yoga-Traditionen darin, ein angstfreies und glückliches Leben zu führen. Dies ist sozusagen das Geburtsrecht eines jeden Menschen. Unweigerlich benötigt man dafür etwas von Artha, egal ob man die eigene Mala für die Japa-Meditation darin sehen möchte, oder das Geld, um sein Leben in einer westlichen Konsumgesellschaft in den selbstgewählten Maßen zu finanzieren.

Kama – Lebensfreude auf allen Ebenen – gehört ebenfalls dazu!

Die dritte und in Yoga-Kreisen oft missverstandene Kategorie von tiefen Sehnsüchten unseres Selbst ist Kama – Sinnes-Freude. Weil das Wort jeder aus dem Kontext des Kama Sutras kennt, denken die meisten sofort an Sexualität. Doch das ist nur ein Teil dieses Aspektes und dazu noch ein kleiner. Kama drückt sich jeden Tag in jeder noch so kleinen Freude aus. Und selbst wenn man der Welt entsagt, so ist das nach Innen gehen in Ananda, die tiefste innere Wonne, ein Aspekt von Kama! Das interessante an einem Meditations-Retreat ist, dass man unter Umständen immer mehr in diesen Aspekt eintaucht. So ging es mir in diesem Jahr. Am Ende war fast jede Sekunde erfüllt von der Freude über den unendlichen Reichtum an inspirierenden Eindrücken, an Schönheit der Natur und die darunterliegende Kreativität. Das ist Kama, wie sie in der Schrift Saundaryalahari/Anandalahari – Die Welle von Schönheit/Die Welle der Wonne, zum Ausdruck gebracht wird. Diese Schrift ist über tausend Jahre alt und geht auf Shankara zurück. Sie ist eine der wichtigen Textquellen der Sri Vidya-Tradition, in der ich durch meine Lehrer eingeführt wurde. In dieser tantrischen Tradition, die die zugegebenermaßen komplexe Samkhya-Philosophie lebenspraktisch erfahrbar macht, wird das gesamte materielle Universum (Prakriti) als mütterlich-führsorglicher Ausdruck des Seins (Sri) angesehen, das im Herzen höchst geschätzt und in Dankbarkeit verehrt wird. Eine mystische persönliche Erfahrungswelt, die den Sufismus ebenso inspirierte wie sie der christlichen Mystik, beispielsweise bei Meister Eckhart, nahesteht. Wer diesen Aspekt durchdrungen hat und in der Lage ist, ihn in den Alltag zu transportieren, der weiß auch, wie er für sich persönlich mit Unruhestiftern im Alltag wie in der Weltpolitik liebevoll und doch konsequent umgehen muss. Dies ist keine Lebensphilosophie nach dem Motto Friede, Freude, Eierkuchen! Es ist vielmehr ein differenziertes Verständnis des kreativen Ausdrucks des Seins, mag es im Gleichschritt mit den höchsten Prinzipien gehen oder völlig konträr. Prakriti, Sri, Kundalini oder Shakti, wie auch immer man die zu Grunde liegende Kraft nennen möchte, sie steht jedem zur Verfügung, der sich mit ihr zu verbinden weiß, zu welchem Zweck auch immer. Wer es nicht glauben mag, nehme die Ramayana als Beispiel und betrachte die beiden konträren Mächtigen dieser Geschichte: Rama vs. Ravana. Was sie verbindet ist der Zugang zu Shakti, was sie trennt ist der Zweck, ihr Ethos. Die Geschichten wiederholen sich, auch heute noch. Und so werden Dämonen-gleiche Gestalten Drahtzieher der Weltpolitik …

Und was ist mit Transzendenz? – Moksha macht’s möglich

Der letzte der vier Aspekte ist Moksha, unsere Sehnsucht nach Befreiung, nach der tiefstmöglichen Erkenntnis unseres Seins. Wer oder was bin ich? Warum bin ich? Wohin gehe ich? Mit diesen Fragen wird man unweigerlich konfrontiert, wenn man in der Meditation in die inneren Tiefen eintaucht. Sei es in Form der dunklen Seite, die einen herausfordert oder in Form des in sich Ruhens, das manche als Licht erfahren. Man muss dabei jedoch achtsam sein, nicht den Vorspielungen seiner Gunnas und Vayus, den mentalen und energetischen Aspekten unseres Daseins, auf den Leim zu gehen. Swami Rama drückte es ungefähr so aus: Warum suchen die Menschen in der Meditation nach Licht? Das Licht in seinen inneren Farben ist lediglich ein Ausdruck der energetischen und mentalen Zustände, die vorherrschen. In der Meditation sollte man die Dunkelheit von Chittikasha, der inneren Leinwand bewusst erfahren. Erst dann wird das subtile Leuchten unseres Selbst als feinster Punkt wahrnehmbar. Es ist ein Prozess, der nach und nach in dieses Leuchten führt. Für viele Meister war dies ein jahrzehntelanger Prozess. Warum sollte es ausgerechnet für uns schneller gehen? Doch es geht gar nicht darum, heute dort anzukommen. Der Weg ist das Ziel und das konstante Üben oder Bemühen (Abhyasa), Nicht-Anhaftung (Vairagya) und Vertrauen (Shraddha) in uns und die Kräfte des Universums (Sri) werden uns eines Tages dort hinführen. Für mich wurde in diesem Retreat mein persönlicher Weg hinsichtlich Moksha glasklar, doch das ist ein innerer Schatz, der unteilbar in meinem Herzen ruht. Für eine solche Erkenntnis braucht man Lehrer, die einem Türen öffnen, damit man weitergehen kann. Ich bin dankbar für die Tradition und lange folge von Lehrern (Parampara), die alles dazu nötige zu mir gebracht hat, nicht zuletzt durch Rod Stryker, Pandit Rajmani Tigunait und Swami Rama. Im Sinne dieser Tradition trage ich nun das Licht dieses Wissens in bescheidener Weise weiter, so dass einen kleinen Zugang dazu finden möge, wer auch immer dafür offen ist. Ein Zugang, der unweigerlich zu den Lehren und Lehrern führt, die wir für unser Wachstum in diesem Leben brauchen.

Bye bye, liebe Ashram-Blase – bis bald!

Und so komme ich nun zuhause und im Alltag an, außerhalb der „Ashram-Blase“, wie es eine liebe Person in meinem Leben bezeichnet. Doch die innere Ruhe, die tiefe Freude und Zufriedenheit ist völlig unabhängig von einer solchen Blase. Die Blase ist nur temporär nötig, um das Innenleben zu ordnen und die Aspekte unseres Lebens zu relativieren. Dann ist es möglich, im Sinn dieser Ruhe, Freude und Zufriedenheit seine Aufgaben im Leben zu erfüllen. Das betrifft sowohl meinen Beruf als Wissenschaftler und Berater als auch meine Berufung, Yoga, Meditation und Kontemplation im Sinne meiner Lehrer weiterzutragen. Darum gehe ich jedes Jahr für vier Wochen in mein persönliches Retreat in all seinen Herausforderungen. Dies ist für mich nötig, damit ich Euch in all meinen Yoga-Stunden, Einzel-Sitzungen und Workshops etwas authentisches aus dem Schatz der Traditionen der Selbstfindung und Selbstverwirklichung mitgeben kann. Ob Du es bemerkst oder nicht, es steckt in jeder Stunde, selbst wenn sie vordergründig „nur“ auf Muskel- und Atemebene arbeitet …

 

 

Von Michael Nickel

Diese Woche wurde ich gefragt, welche Philosophie für mich den „besten Weg zur Freude“ verkörpert. Ich musste wirklich etwas darüber nachdenken. Es gibt sicher viele Wege zur Freude – doch gibt es unfehlbare Wege? Bei aller yoga-philosophischen Prägung, die ich in den letzten Jahren erfahren habe, ging es dann doch „back to the roots“ und ich kam bei der Bibel an, bei einem Prinzip, das unsere westliche demokratische Gesellschaft in den Grundfesten mitgeprägt hat: Die Philosophie hinter dem Gebot der Nächstenliebe, Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Als Kind dachte ich, dass Nächstenliebe bedeutet, anderen bedingungslos etwas Gutes zu tun. Das mag so gelten, aber letztlich ist es erst der zweite Schritt oder anders gesagt, die Konsequenz der Nächstenliebe. Denn, um jemandem bedingungslos etwas Gutes zu tun, müssen wir erst einmal bereit sein, das innere Bewerten sein zu lassen. Wir müssen jemanden so akzeptieren, wie sie oder er ist, damit wir überhaupt auch nur bereit sind, diesem jemand etwas Gutes zu tun. Dabei vergessen wir oft den zweiten Halbsatz: wie Dich selbst!

Das Ausrufezeichen hinter diesem Halbsatz kann gar nicht fett genug sein. Denn der zweite Halbsatz drückt gleich Zweierlei aus. Erstens: Akzeptiere Dich selbst, so wie Du bist und tu Dir selbst Gutes. Zweitens: Andere zu akzeptieren und ihnen Gutes zu tun, geht nur, wenn wir dieses Prinzip zunächst auf uns selber anwenden. Es ist eine Art Vorbedingung. Wie könnte man erwarten, anderen in Reinheit etwas Gutes tun zu können, wenn man sich im Herzen nicht selbst achtet und liebt?

Interessanterweise finden wir genau dieses Prinzip auch in der Yoga-Philosophie wieder, allerdings in einer Weise, die selbst für viele Yogis im Westen eine unorthodoxe Sichtweise darstellt, denn es geht dabei um den Begriff „Vairagya“ oder „Nicht-Anhaftung“. Der Weise Bengali Baba brachte gegenüber seinem Schüler Swami Rama Folgendes zum Ausdruck:

»Viele Menschen verwechseln Anhaftung mit Liebe. Doch in der Anhaftung werden wir egoistisch, fokussiert auf die eigene Freude – und wir missbrauchen dann die Liebe. Wir werden besitzergreifend und versuchen alle Objekte unserer Sehnsüchte zu erlangen. Anhaftung erzeugt Fesseln, während Liebe Freiheit schenkt. Wenn Yogis von Nicht-Anhaftung sprechen, lehren sie nicht Gleichgültigkeit, sondern sie lehren, wie man andere wahrhaftig und selbstlos lieben kann. Nicht-Anhaftung oder Liebe kann gleichermaßen von denen praktiziert werden, die in der Welt leben, wie auch von denen, die der Welt entsagt haben.«

Aus: Swami Rama – Mein Leben mit den Meistern des Himalayas

Jeder kann also Nicht-Anhaftung praktizieren! Jeder kann lieben! Das Zitat führt uns gleich mehrfach zurück zum Anfang meiner Überlegung: Zur Frage nach „dem besten Weg in die Freude“. Es geht nicht darum, in eine oberflächliche Freude zu gelangen. Genausowenig wie es in der Nächstenliebe oder der Selbstliebe um eine oberflächliche Liebe geht. Um wahrhaftige Liebe oder Nicht-Anhaftung, um in den Worten von Bengali Baba zu bleiben, wie auch unsere tiefgründige Freude zu erfahren, müssen wir nichts „tun“. Beides ist eine Frage des Annehmens, des Geschehenlassens, das sich nur in einer Grundentspannung unseres Wesens entfalten kann, die man wiederum nicht „erzeugen“ kann. Ganz so wie ein Baum, der das Geschenk des Sonnenlichtes und des CO2 annimmt und basierend darauf durch die Photosynthese in Zucker (oder Selbstliebe) und Sauerstoff (oder Nächstenliebe) produziert. Unsere Nächstenliebe und unsere Nicht-Anhaftung manifestieren sich dementsprechend als Geschenk aus dem entspannten Gleichmut oder einer entsprechenden Gelassenheit heraus – und dieser ist die Folge oder das Geschenk unseres Übens von Yoga im Sinne des Yoga Sutra.

Oder wie Pathabi Jois, der Gründer des Ashtanga Yoga-Stils, es ausdrückte: „Übe – und alles wird kommen.“ Jeder Tag gibt uns die Gelegenheit dazu. Und zugleich ist das Üben ein positiver Akt der Selbstliebe. Hört sich das nicht nach einer positiven Feedback-Schleife an? – Um so besser, denn den Ausdruck negativer mentaler Teufelskreise finden wir in unseren herausfordernden Zeiten ja eh schon oft genug. Zeit also, dem etwas entgegenzusetzen: Selbstliebe, Nächstenliebe, Nicht-Anhaftung – und üben, üben, üben!

 


Pandit Rajmani Tigunait im Interview über die Yoga Sutras, seinen Kommentar, seine Kurse und die Mission des Himalayan Institute.

Einleitung und Interviewfragen von Michael Nickel

Pandit Rajmani Tigunait sitzt in einem bequemen Sessel im Haupthaus auf dem idyllischen Anwesen des Himalayan Institute in der Nähe von Khajuraho, Indien und lächelt mich erwartungsvoll und herzlich an. Manche würden das Anwesen Aschram nennen, das Himalayan Institute nennt es Campus. Und entsprechend ist die Atmosphäre unter der kleinen Gruppe von Gästen und Mitgliedern des Institutes: Selbststudium und Meditationspraxis stehen im Vordergrund. Alles hier scheint die praktische Philosophie meines Interviewpartners, den seine Schüler liebevoll Panditji nennen, widerzuspiegeln. Weiterlesen

Fortsetzung: Pandit Rajmani Tigunait im Interview über die Yoga Sutras, seinen Kommentar, seine Kurse und die Mission des Himalayan Institute.

Interviewfragen von Michael Nickel

Im vorigen Teil des Interviews erklärt uns Panditji einige Aspekte zur Essenz des Yoga Sutra. Oder springe zum ersten Teil des Interviews.

 

Welche Rolle haben die Yoga Sutras in den Lehren Ihrer Meister für Sie gespielt, um letztendlich dahin zu kommen, wo Sie nun stehen. Weiterlesen

Fortsetzung: Pandit Rajmani Tigunait im Interview über die Yoga Sutras, seinen Kommentar, seine Kurse und die Mission des Himalayan Institute.

Interviewfragen von Michael Nickel

Im vorigen Teil des Interviews erzählt uns Panditji, wie er durch seine Familie und Lehrer eine sehr persönliche Beziehung zum Yoga Sutra aufgebaut hat. Oder springe zum esrten Teil des Interviews.

 

Die Yoga Sutras sprechen ausführlich über, „Erleuchtung“, Samadhi. Könnten Sie uns dieses Konzept erklären? Was ist Samadhi? Weiterlesen

Fortsetzung: Pandit Rajmani Tigunait im Interview über die Yoga Sutras, seinen Kommentar, seine Kurse und die Mission des Himalayan Institute.

Interviewfragen von Michael Nickel

Im vorigen Teil des Interviews mit Panditji geht es um das Konzept von Samadhi und um die Wichtigkeit der Yamas und Nyamas. Oder springe zum ersten Teil des Interviews.

 

Lassen Sie uns einen Blick auf Vyasas Kommentar werfen, der Ihrem Kommentar zu Grunde liegt. Dieser Kommentar ist ja sehr alt. Was ist so besonders an Vyasas Sicht auf die Yoga Sutras? Weiterlesen

Fortsetzung: Pandit Rajmani Tigunait im Interview über die Yoga Sutras, seinen Kommentar, seine Kurse und die Mission des Himalayan Institute

Interviewfragen von Michael Nickel

Abgesehen vom Yoga Sutra-Projekt, dass noch einige Zeit laufen wird, unterhält das Himalayan Institute viele hochkarätige Projekte in aller Welt. Beispielsweise haben Sie vor kurzem den Campus in Khajuraho (Indien) aufgebaut, wo regelmäßig vertiefende Praxis-Retreats stattfinden. Wie spielen all diese Projekte zusammen? Was ist die übergreifende Mission vom Himalayan Institut und von Ihnen? Weiterlesen