Fortgeschrittene Mantra-Meditation: Ajapa Japa

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Von Rolf Sovik

Für unterschiedliche Menschen bedeutet Meditation etwas Unterschiedliches. Für die einen ist es eine Zeit der stillen Selbstbetrachtung. Für andere bedeutet es, auf den Atem zu achten oder über ihn zu reflektieren. In der Yoga-Tradition ist die Wiederholung eines Klangs oder eines Gebets – eines Mantras – ein Schlüsselelement der Meditation, das den Geist fokussiert und zu einer Quelle für inneres Gleichgewicht und Wohlbefinden wird.

Der Prozess der mentalen Wiederholung eines Mantras wird Japa genannt, was auf Sanskrit wörtlich „Gemurmel“ bedeutet. Mit etwas Übung wird Japa fest im Geist verankert, und der Klang des Mantras fließt kontinuierlich von Moment zu Moment. Er kann langsam oder in einem gemäßigten Tempo fließen. Nach längerer Übung kann das Mantra sehr schnell pulsieren und die Silben werden nicht mehr sorgfältig artikuliert. In diesem Fall fließt die Meditation mit dem Mantra ohne jede Anstrengung. Diese Phase der Praxis wird Ajapa Japa genannt, oder mühelose Wiederholung.

Fortgeschrittene Übende bezeichnen diese Phase der Meditation manchmal als „Hören auf das Mantra„. Das Mantra wird ohne geistige Anstrengung hörbar, und der innere Raum des Geistes wird von seinem Klang erfüllt. Die daraus resultierende Praxis ist mühelos und beglückend – aber sie tritt erst nach langer Erfahrung mit einem Mantra auf. Wie kannst du Ajapa Japa entwickeln? Und was passiert im Geist, wenn unser Mantra in ständiger Bewegung mitschwingt? Schauen wir uns das einmal an.

Mantra-Praxis

Wenn man noch nie Mantra-Meditation praktiziert hat, mag das Rezitieren eines Mantras ziemlich mechanisch erscheinen. Doch die Wiederholung eines Mantras ist alles andere als roboterhaft. Bei regelmäßiger Übung wird man feststellen, dass die Japa-Praxis zu einem viel tieferen Verständnis von uns selbst führt, da wir neue Schichten des eigenen Geistes kennenlernt. Wünsche und Hoffnungen, Pflichten und Verpflichtungen, Ideale und Bestrebungen tauchen in unserem Bewusstsein auf. Von Meditation zu Meditation entfaltet sich das Leben unter unserem inneren Blick und fordert uns auf, es in seiner Gesamtheit zu erleben.

Ein Mantra dient während dieses Prozesses als eine Art Zentrierungshilfe. Es bietet einen Ruhepunkt für den Alltagsverstand. Es sammelt ablenkende Energien. Es bringt spirituelle Einsichten nach vorne, damit man sie in das tägliche Leben integrieren kann. So wie großartige Musik den Zuhörer verwandelt, erhebt und verwandelt ein Mantra nach und nach unseren Geist.

Drei Schritte zu Ajapa Japa

Für die Meditation gibt es eine Vielzahl von Mantras. Viele Praktizierende beginnen mit dem Mantra Soham („Ich bin, der ich bin“), einem Mantra, welches auch für jeden Yoga-Neuling geeignet ist. Nachdem sie einige Zeit mit dem Soham Mantra geübt haben, erhalten manche Meditierende von ihrem Lehrer ein persönliches Mantra. Solche Mantras werden innerhalb der Yoga-Tradition weitergegeben. Andere Meditierende entscheiden sich für eines der großen vedischen Mantras, wie das Gayatri Mantra („Möge mein Geist vom göttlichen Licht geleitet werden“) oder das Maha Mrityunjaya Mantra („Möge der Herr mich zur Freiheit von Ängsten und Anhaftungen führen“). Unabhängig vom Mantra kann sein heiliger Klang uns dabei helfen, sowohl in der Japa– als auch in der Ajapa-Phase der Praxis voranzukommen.

Im Allgemeinen kann man drei Phasen der Praxis durchlaufen, indem man Folgendes tut. Erstens: Wir verbinden das Soham Mantra mit dem Fluss unseres Atems. Der Klang So wird in unserem Geist mit der Einatmung in Einklang gebracht und der Klang Ham mit der Ausatmung. Dieses Verschmelzen von Atem und Mantra verleiht unserer Konzentration Stabilität und verringert die Tendenz des Geistes, abzuschweifen. Die Verbindung des Mantras mit unserem Atem verlangsamt auch das Tempo der mentalen Wiederholungen und gibt uns Zeit, unseren Konzentrationsprozess geduldig zu beobachten.

Als Nächstes, nach einer Zeit des regelmäßigen Übens, ersetzen wir unsere Aufmerksamkeit für das Soham Mantra durch die Konzentration auf den Klang des Mantras, das wir für die Japa-Wiederholung verwenden und das nicht mit dem Atem verbunden ist. Das Mantra beginnt nun, in seinem eigenen moderaten Tempo zu fließen, ohne dass wir uns des Atems bewusst werden. Die Atmung fließt weiterhin gleichmäßig, aber das Bewusstsein verlagert sich auf das Mantra. Diese Verschiebung führt zu einem verfeinerten Konzentrationsprozess. Unser Geist ruht in sich selbst, ohne die Unterstützung durch den Atem als äußeres Objekt.

Wenn unser Geist mit dem Klang des Mantras, das wir für Japa verwenden, vertrauter wird, beginnt der Klang schneller und müheloser zu pulsieren. Diese Phase der Praxis wird immer subtiler und geht in ein Ajapa Japa über, wenn das Mantra an Schwung gewinnt. Wenn das Mantra sehr schnell nachhallt, nimmt man es eher als pulsierende Energie wahr und nicht als die Artikulation von Silben. Nichtsdestotrotz ist das Mantra präsent und man ist in ihm zentriert.

Hindernisse überwinden

Leider hat der Geist ein unglaubliches Talent dafür, während des Japa die Konzentration zu verlieren, so dass das Mantra aus dem Bewusstsein entgleitet und ein Wirrwarr von Ablenkungen an seine Stelle tritt. Die Verwendung einer Mala kann in dieser Phase sehr hilfreich sein, um die Konzentration zu verbessern. Eine Mala ist eine Kette aus 108 Perlen, mit der man die Wiederholungen des Mantras während der Meditation zählt. Eine Runde der Mala entspricht 100 Wiederholungen des Mantras. Acht der 108 Perlen der Mala werden „als Opfer dargeboten“, als Zeichen der Demut und als Anerkennung dafür, dass dein Geist wahrscheinlich mehrmals von seiner Konzentration abgewichen ist. Je nach Praxis kann die tägliche Meditation zwei, drei oder mehr Runden mit einer Mala umfassen.

Um unsere Konzentration während des Japa weiter zu verfeinern, verweben wir den Klang einer Mantra-Wiederholung mit der nächsten. Wenn eine Wiederholung des Mantras endet, lässt man die nächste Wiederholung aufsteigen. Wenn der Abstand zwischen den Wiederholungen aufgehoben wird, tauchen weniger Gedanken aus dem Unterbewusstsein auf, die den Geist ablenken und mitreißen. Allerdings sollte man sich nicht dazu zwingen, eine Mantra-Wiederholung mit der nächsten zu verbinden. Stattdessen sollte der Übergang von einer Mantra-Wiederholung zur nächsten fließend sein, damit die Kette der Klänge in unserem Geist natürlich, leicht und ohne Unterbrechung fließt.

Hier sind einige zusätzliche Fähigkeiten, die man üben kann, um den Fokus auf dem Mantra zu halten:

  • Lasse deine Aufmerksamkeit im Mantra ruhen und erlaube anderen Energien, durch deinen Geist zu fließen, ohne dich mit ihnen zu beschäftigen.
  • Entspanne dich in den Fluss und die Geschwindigkeit des Mantras, egal ob sein Puls langsam, mittel oder schnell ist.
  • Konzentriere sowohl dein Herz – also dein hingebungsvolles Selbst – wie auch deinen Intellekt auf das Mantra.
  • Wenn ablenkende Gedanken deine Aufmerksamkeit ablenken, verlangsame dein Japa, bis du dich wieder stabiler konzentrieren kannst.

Trotz aller guten Vorsätze können unsere Bemühungen, geistige Ablenkungen zu reduzieren, sehr ermüdend sein, wenn die Konzentration nicht schon im Anfangsstadium der Praxis zu einem friedlichen und angenehmen Geist führt. Mit der Zeit verankert die Konzentration auf ein Mantra dessen heiligen Klang immer fester in uns. Wenn wir meditieren, kehrt es mit größerer Leichtigkeit und mehr Energie in unser Bewusstsein zurück.

Anzeichen des Fortschritts

Der ununterbrochene Fluss des Klangs, der entsteht, wenn eine Mantra-Wiederholung in die nächste übergeht, ist der Auftakt zum Ajapa Japa. Bei regelmäßiger Praxis wird sich das Tempo der Wiederholungen erhöhen. Die Konzentration vertieft sich. Die Wiederholung des Mantras wird mit einem mühelosen Momentum in unserem Geist stattfinden. Das Mantra erklingt schneller als sonst und scheint im Hintergrund weiterzulaufen, auch wenn andere Ablenkungen den Geist beschäftigen. In dieser Phase der Praxis flüstert das Mantra unaufhörlich.

Ein weiteres Zeichen dafür, dass wir uns dem Ajapa Japa nähern, ist, wenn das Mantra zu unerwarteten Zeiten in unserem Geist auftaucht. Das Mantra kann uns einfallen, während wir das Geschirr spülen oder wir Auto fahren. Es geschieht ohne jede Anstrengung. Das Mantra taucht auf, bleibt eine Zeit lang und geht dann weiter, ähnlich wie eine zufällige Begegnung mit einem Freund auf der Straße.

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem wir den Klang des Mantras hören können, wann immer wir wollen, einfach indem wir unsere Augen schließen und uns entspannen. Ajapa Japa wird zu einer tiefen Quelle des Friedens und der Gelassenheit – ein Zentrum des Wohlbefindens.

Der Fluss von Ajapa Japa

So reizvoll Ajapa Japa auch klingt, wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass der Geist während der Praxis immer noch abgelenkt werden kann. Wenn der Geist nicht gut geerdet ist, kommen die Ablenkungen sogar fast genauso leicht auf wie das Mantra! Wie können wir unsere Konzentration auf einer tieferen Ebene verankern? Wie können wir unser Bewusstsein so trainieren, dass es wirklich in seinem Fokus ruht? Die meisten der oben erwähnten Fähigkeiten zur Überwindung von Hindernissen in früheren Phasen der Meditation können auch genutzt werden, um unseren Geist in Ajapa Japa zu zentrieren.

Es wird ein Moment kommen, in dem man seine Mala ganz natürlich ablegt und sein Mantra als mühelos pulsierenden Klang auftauchen lässt. Während wir uns in diesem spontanen Fluss entspannen, wird unser Mantra unseren Geist umarmen und ein tiefes Zentrum des Bewusstseins bilden.

Dies ist kein schlagartiger Prozess. Wenn man auf der Suche nach sofortiger Erleuchtung ist, wird man sie hier nicht finden – und wahrscheinlich auch nirgendwo sonst! Doch wenn man Ajapa Japa kultiviert, wird sich der Geist tief konzentrieren und entspannen. Auf diesem Weg entdecken wir eine Quelle des Glücks und des Wohlbefindens in uns. Am Ende wird unser Mantra zu weit mehr als nur einem Klang. Seine Präsenz wird hält uns, erhebt uns und tröstet uns – die Verkörperung des Geistes, der in uns hörbar wird.


Dieser Artikel erschien zuerst in der Wisdom Library des Himalayan Institute, USA.

Deutsche Übersetzung von Michael Nickel und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Himalayan Institute.

 

Rolf Sovik
Rolf Sovik

Rolf Sovik, Präsident und Spiritueller Leiter des Himalayan Institute, Doktor der Psychologie, begann 1972 sein Studium von Yoga und Meditation. Er ist Schüler von Swami Rama und Pandit Rajmani Tigunait und hat unter ihrer Anleitung die Lehren der Himalaya-Tradition erforscht. Er hat Abschlüsse in Philosophie, Musik, Östliche Studien und Klinische Psychologie. Derzeit lebt er mit seiner Frau Mary Gail am Himalayan Institute.

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