Den Kreislauf der Gewalt durchbrechen – Die Ursprünge der Gewalt und die Macht der Gewaltlosigkeit

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Lesedauer 7 Minuten

Von Pandit Rajmani Tigunait

Ein Blick auf unsere gewalttätigen Tendenzen

Wenn gewaltfreie Instinkte von negativen, gewalttätigen Kräften überlagert werden, wird ein Mensch noch weitaus gefährlicher als alle Kreaturen in der Wildnis. Glücklicherweise kommt so etwas relativ selten vor – nur ein Bruchteil der Menschheit verkrüppelt die eigenen menschlichen Tugenden, indem es die gewalttätigen Tendenzen des inneren Tieres nährt. Gewalt ist eine Anomalie, und alle Gesellschaften haben Methoden, um offenkundig gewalttätige Individuen vom Rest von uns zu isolieren.

Der Mensch ist im Normalfall nicht gewalttätig. Selbst das Verletzen oder Töten unserer Feinde vermeiden wir üblicherweise. Und doch treffen andere diese Entscheidungen in unserem Namen. Die Frage ist: Wer sind diese anderen? Sind sie wirklich so anders als wir? Sind sie nicht unsere Vertreter? Als unsere Vertreter müssen sie in gewisser Weise das vertreten, was wir fühlen. In gewisser Weise sind wir alle in Gewalt verwickelt. In gewisser Weise suchen wir sie und haben Freude an ihr, sonst wären Krieg und Blutvergießen nicht so weit verbreitet.

Gewalt kann nicht abgeschafft werden, indem man jemand anderem die Schuld zuschreibt. Wir können sie nur beenden, indem wir unsere eigenen Gedanken und Gefühle durchleuchten. Wir Menschen sind Meister der Selbsttäuschung. Um nicht auf die Stimme unseres eigenen Herzens zu hören, um die Last der Schuld zu verringern und um unsere unmenschlichen Taten zu rechtfertigen, finden wir großartige und distanzierende Worte, um unser Handeln zu beschreiben. So verwenden wir beispielsweise das Wort „Opfer“, um einen verstümmelten oder getöteten Menschen zu bezeichnen. Psychologen zufolge erlauben uns solche Worte, uns mit Beschreibungen von Gewalt zu arrangieren. Die Begriffe „Kollateralschaden“ und “ Bombenteppich“ sind weitere Beispiele. Diese Begriffe werden verwendet, um die Fakten zu beschönigen, damit die Zivilbevölkerung nicht in Panik gerät und ein Ende der Gewalt fordert.

Ein Ende der Gewalt?

Wir müssen aufhören, so zu tun, als sei es möglich, Krieg und Gewalt mit Krieg und Gewalt zu beenden. Außer einem nuklearen Holocaust kann es keinen „Krieg zur Beendigung aller Kriege“ geben. Die Vergangenheit hat uns gezeigt, dass die Saat der kommenden Kriege im gegenwärtigen Krieg gelegt wird. Der Verstand neigt dazu, sich an das Ereignis zu erinnern, aber die Lektion zu vergessen. Wir müssen unseren Verstand darauf trainieren, uns an die Lektionen zu erinnern und die Ereignisse irgendwie zu vergessen. Die Erinnerung an die Ereignisse ruft die irrationalen Ursachen hervor, die ihnen zugrunde liegen. Daher wird den Tätern irrationaler Handlungen niemals vergeben. Und da in jedem Krieg jede Seite die andere als den irrationalen Täter betrachtet, ist die Bühne für den nächsten Akt der Zerstörung bereitet.

Die Macht der Gewaltlosigkeit

Inmitten dieses Teufelskreises der Gewalt ist die Gewaltlosigkeit die einzige konstruktive Strategie. Vor, während und nach ihrer Anwendung bleibt sie nicht zerstörerisch und nicht schmerzhaft. Gewaltlosigkeit ist die einzige Waffe, die F-35- und SU35-Kampfjets, Panzer, Interkontinentalraketen, Drohnen und andere »intelligente« Waffen unwirksam macht. Diejenigen, die Gewaltlosigkeit praktizieren, sind die einzigen Soldaten, die den endgültigen Sieg erringen. Gewaltlosigkeit ist die einzige Kraft, die einen Feind in einen Freund verwandelt: Der Gewinner gibt sich dem Verlierer hin, der Verlierer dem Gewinner, und beide erringen den Sieg.

Solange die Wurzel der Gewalt bleibt, wird sie ihren Ausdruck finden.

Diese überlegene Methode des Kampfes wurde in der Vergangenheit mehrfach angewandt; jedes Mal führte sie zum Sieg. Die Praxis der Gewaltlosigkeit beginnt beim Einzelnen, und weil „Ähnliches Ähnliches anzieht“, breitet sie sich aus und durchdringt die Gemeinschaft, dann die Nation und schließlich die gesamte Menschheit. Es ist ein langsamer Prozess, aber ein sicherer. Er ist lang anhaltend und hat keine negativen Nebenwirkungen.

Auf die Stimme des Mitgefühls hören

Die Menschen argumentieren oft, dass wir einen Führer wie Buddha, Christus oder Gandhi brauchen, um einen Krieg der Gewaltlosigkeit zu initiieren. Ein Yogi würde darauf antworten, dass es in jedem einzelnen Herzen einen Buddha, einen Christus und einen Gandhi gibt. Ein Teil eines jeden Menschen ist so erleuchtet, barmherzig, mitfühlend, liebevoll und furchtlos wie Buddha, Christus oder Gandhi. Solche Seelen inkarnieren auf den Ruf der mitfühlenden und gewaltfreien Kräfte in uns.

Jedes Mal, wenn wir rufen, taucht ein Buddha unter uns auf. Die Bibel sagt: „Bittet, so wird euch gegeben“. Aber die Bibel schreibt nicht vor, worum man bitten soll und was deshalb gegeben werden wird. Wir bekommen, worum wir bitten. Gott, der Allmächtige, ist unermesslich großzügig, aber er muss erschaudern, wenn wir dummen Kinder um ein Messer bitten, um uns in die Finger zu schneiden. Gott hat nichts damit zu tun, was wir uns selbst antun. Wir können die Gaben, die Gnade und die Intelligenz, die uns verliehen wurden, entweder für das Richtige oder für das Falsche verwenden. Wir nutzen sie oft für das Falsche, indem wir unseren Intellekt schärfen und ihn dazu benutzen, die Natur und uns gegenseitig für egoistische Zwecke auszubeuten.

Hier verletzen wir den Grundsatz der Gewaltlosigkeit. Besitzdenken und Gewaltlosigkeit sind unvereinbar! Gewaltlosigkeit geht Hand in Hand mit Selbstlosigkeit. Hass und Gewalt, Liebe und Gewaltlosigkeit, Geben und Nehmen, andere annehmen und von anderen angenommen werden – das sind perfekte Paare. Dies zu wissen und im Lichte dieses Wissens zu leben, ist der Schlüssel zur Gewaltlosigkeit.

Gewaltlosigkeit muss vor und nach einem Krieg praktiziert werden, aber auch während eines Krieges. In der Tat können Praktizierende der Gewaltlosigkeit nach einem Krieg mehr erreichen als während er tobt. Ein Anhänger der Gewaltlosigkeit studiert die Natur und die Bewegung des Magmas, das sich während der Zeit des „Friedens“ aufstaut, und findet Wege, es abzuleiten und abzukühlen. Ein Verfechter der Gewaltlosigkeit weiß, dass ein Frieden, der nur die Lücke zwischen zwei Kriegen ist, ein oberflächlicher Frieden ist. Tief unter dieser friedlichen Oberfläche brodeln Hass, Wut, Gier, Ego, Besitzdenken und der Wunsch nach Rache. In der Zeit zwischen zwei Kriegen wetteifern Nationen und Gruppierungen darum, Waffen zu bauen oder zu erwerben – ein Wettlauf, der lediglich die Vorbereitung auf den nächsten Krieg ist.

Aktive Gewaltlosigkeit praktizieren

Wenn der Vulkan ausbricht, ist es fast unmöglich, Gewaltlosigkeit zu praktizieren und zu lehren. Mitten im Krieg sind die Menschen davon besessen, den Krieg zu gewinnen oder seinen Folgen zu entkommen: Die Bereitstellung von Lebensmitteln, medizinischer Versorgung und Geld wird Leben retten und das unmittelbare Leid lindern. Die eigentliche Arbeit zur Förderung der Gewaltlosigkeit kann in der Zeit des Friedens geleistet werden. Dies wird künftigen Generationen die immensen physischen und emotionalen Schäden ersparen, die ein Krieg mit sich bringt.

Ein Teil eines jeden Menschen ist so erleuchtet und mitfühlend wie Buddha, Christus oder Gandhi.

Die Macht der Gewaltlosigkeit übersteigt das Fassungsvermögen eines gewöhnlichen Geistes. Die Dunkelheit kann dem Glanz der Gewaltlosigkeit nichts entgegensetzen. Wenn die Menschheit jemals zu einer harmonischen Gesellschaft friedlicher Nationen zusammenwachsen soll, wird sie dies auf dem festen Boden der Gewaltlosigkeit und selbstlosen Liebe tun. Doch der bloße Glaube an die Grundsätze der Gewaltlosigkeit reicht nicht aus. Auch heute noch glauben die meisten Menschen in der Welt an Gewaltlosigkeit, aber Kriege wüten immer noch. Das liegt daran, dass Gewaltlosigkeit für die meisten von uns ein abstraktes Prinzip ist – eher ein passiver Glaube als ein aktiver Teil unseres Lebens. Damit er aktiv wird, muss er in Gedanken, Worten und Taten gelebt werden.

So wie Soldaten in präzisen Methoden ausgebildet werden, um militärische Ziele zu finden und zu treffen, gibt es auch präzise Methoden, um Gewaltlosigkeit zu praktizieren und die verletzten Bereiche unseres Lebens sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene anzugehen. Der gekonnte Einsatz von Gewaltlosigkeit setzt voraus, dass wir unsere inneren und äußeren gewalttätigen Tendenzen überwinden. Gewaltlosigkeit hat keine Trägheit an sich. Gestützt auf eine solide Philosophie und angetrieben durch spirituelle Praxis ist sie eine anspruchsvolle Lebensweise – und eine lohnende.

 

 

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Warum wir kämpfen – Yoga-Weisheit zu Krieg und Frieden: Inspirationen und achtsame Übungen für Gewaltlosigkeit, Mitgefühl und anhaltenden Frieden in deinem Umfeld und der Welt von Pandit Rajmani Tigunait. Das Buch erschien im April 2022 als deutsche Erstausgabe als Softcover im Agni Verlag. Du erhältst das Buch im Online-Shop des Agni Verlags, über unseren Amazon Verlagsshop oder im gutsortierten örtlichen Buchhandel. Die PDF Flipbook-Vorschau zu „Warum wir kämpfen“ findest Du auf der Buchseite im Agni Verlag Webshop.

Pandit Rajmani Tigunait
Pandit Rajmani Tigunait

Pandit Tigunait, der spirituelle Leiter des Himalayan Institutes (USA), ist der Nachfolger von Swami Rama aus dem Himalaya. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert lehrt und unterrichtet er weltweit und ist Autor von mehr als 15 Büchern, darunter seine kürzlich erschienenen "The Secret of the Yoga Sutra" ("Das Geheimnis des Yoga Sutra" im Frühjahr 2019 auf deutsch bei Angi Verlag) "The Practice of the Yoga Sutra" und seine Autobiographie "Touched by Fire: The Ongoing Journey of a Spiritual Seeker". Pandit Tigunait hat zwei Doktortitel: einen in Sanskrit von der University of Allahabad in Indien und einen in Oriental Studies von der University of Pennsylvania in USA. Die Familientradition gab Pandit Tigunait Zugang zu einer großen Bandbreite spiritueller Weisheit, die sowohl in den schriftlichen als auch in den mündlichen Traditionen bewahrt wurde. Bevor er seinen Meister traf, studierte Pandit Tigunait Sanskrit, die Sprache der alten Schriften Indiens, sowie die Sprachen der buddhistischen, Jaina und zoroastrischen Traditionen. 1976 ordinierte Swami Rama Pandit Tigunait in die 5.000 Jahre alte Linie der Himalaya-Meister.

https://www.agni-verlag.de/buecher/pandit-rajmani-tigunait/

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