Ein Mantra für Lebensfreude
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Von Swami Rama
Auszug aus seinem Buch „Mein Leben mit den Meistern des Himalayas„
Ein Mantra ist eine Silbe, ein Laut, ein Wort oder eine Wortfolge, zu Tage gefördert von den großen Weisen im Zustand tiefer Meditation. Es ist keine Sprache, in der Menschen sprechen. Diese Phoneme, die in einem überbewussten Zustand empfangen werden, führen den Sucher immer höher, bis er schließlich die vollkommene Stille erreicht. Je mehr sich das Bewusstsein erweitert, umso tiefer offenbart das Mantra seine Bedeutung. Es öffnet den Zugang zu einer übergeordneten Bewusstseinsebene. Eine alt-ehrwürdige Tradition auszubeuten, indem man Mantras auf dem Markt verkauft, ist absurd.
Ein Mantra hat genau wie ein Mensch viele Hüllen: grobe, subtile, noch subtilere und die subtilsten. Nehmen wir zum Beispiel die Silbe AUM. Diese drei Buchstaben repräsentieren die drei Zustände des Wachens, Träumens und Schlafens – oder eben die drei Körper des Grobstofflichen, Feinstofflichen und des Subtilsten. Doch der vierte Zustand oder der subtilste Körper des Mantra ist formlos, lautlos und undefinierbar. Wenn ein Schüler den Prozess von Laya Yoga versteht, dann vermag er den formlosen Körper und das Überbewusstsein des Mantra erkennen. Ein Mantra ist extrem machtvoll und essentiell, wie die kompakte Form eines Gebets. Wenn man es immerzu erinnert, wird es ein Lotse.
Ich pflegte Mantras zu sammeln, wie andere Leute materielle Objekte, in der Hoffnung, dass irgendein neues Mantra, das ich empfangen würde, besser wäre als das, was ich schon hatte. Manchmal verglich ich mich mit anderen Schülern und sagte mir: »Mein Mantra ist besser als sein Mantra.« Ich war zutiefst unreif. Heute bezeichne ich es als verrückte Spiritualität.
Es gab einen Swami, der in Stille tief im Himalaya zwischen Uttarkashi und Harsil lebte. Ich suchte ihn auf und als ich ankam, fragte er mich: »Was ist der Grund deines Besuches?« Ich antwortete: »Ich möchte ein Mantra bekommen.« »Du wirst warten müssen!«, erwiderte er. Wenn Sucher aus dem Westen von jemandem ein Mantra erhalten möchten, dann sind sie bereit, viel Geld dafür zu bezahlen, aber sie wollen nicht warten. Ich verhielt mich ebenso. Ich sagte: »Swamiji, ich habe es eilig.« »Dann komm nächstes Jahr wieder«, schlug er vor. »Wenn ich jetzt hierbleibe, wie viele Tage muss ich dann warten?«, fragte ich. »Du wirst so lange warten müssen, wie ich dich warten lassen will«, antwortete er.
Ich wartete geduldig, einen Tag, zwei Tage, drei. Nichts geschah. Kein Mantra. Am vierten Tag sagte er: »Ich will dir ein Mantra geben, aber versprich mir, dass du dich immer daran erinnern wirst.« Ich versprach es. Er fuhr fort: »Lass uns zum Ganges gehen.« Zahllose Weise haben am Ufer des heiligen Ganges spirituelle Praktiken geübt und sind dort initiiert worden. Ich stand am Fluss und sagte: »Ich gelobe, dass ich dieses Mantra nicht vergessen werde.« Ich wiederholte mein Versprechen mehrmals, aber er zögerte noch.
Schließlich sagte er: »Egal, wo du lebst, lebe wohlgelaunt! Das ist das Mantra. Sei immer wohlgelaunt, selbst wenn du hinter Gittern bist. Wo immer du dich befinden magst, selbst wenn du zu einem höllischen Ort gehen musst, schaffe dort den Himmel. Erinnere dich, mein Junge, Lebensfreude ist etwas, was du selbst schaffst. Sie erfordert lediglich menschliche Anstrengung. Du selbst musst deine Lebensfreude erzeugen. Denke immer an dieses Mantra von mir.«
Ich war gleichzeitig glücklich und traurig, denn ich hatte erwartet, von ihm einen ungewöhnlichen Laut zu empfangen, den ich wiederholen konnte. Aber er war praktischer. Ich wandte jenes »Mantra« in meinem Leben an und erlebte seine erfolgreiche Wirkung. Diese spirituelle Verschreibung scheint das beste unter allen Rezepten zu sein, egal von welchem Arzt – ein wirklicher Schlüssel zur Selbstheilung.
Buchauszug aus „Mein Leben mit den Meistern des Himalayas“ (Neuübersetzung, Agni Verlag 2018). Das Buch ist erhältlich im Agni Verlag Webshop, in unserem Verlagsshop auf Amazon (inkl. Blick-ins-Buch) und im örtlichen Buchhandel.
Übersetzt von Michael Nickel.