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Unsere synthetische Stimme Anisha lernt ständig neue Worte für eine bessere Aussprache

Interview mit Annette Gall

In welcher Form arbeitest Du mit Menschen?

Ich unterstütze Menschen dabei, entspannter zu werden, etwas für ihren Körper und ihre mentale Gesundheit zu tun und sich insgesamt besser und wohler zu fühlen. Mein Angebot nenne ich „Mindful Practice“. Das ist Atem- und Körperarbeit. Diese gestalte ich aufmerksam, behutsam und zielgerichtet.


Als was siehst Du Dich in dieser Funktion?

Ich sehe mich als Coach, Beraterin, Dienstleisterin und Bodyworkerin. Ich erinnere die Menschen an die jedem innewohnenden Werkzeuge, mit denen sich der Mensch bewusst und selbständig ausbalancieren kann. Ich leite zur Selbstfürsorge an.


Wenn Du an Deine Berufung oder Dein Dharma denkst, welcher Aspekt Deiner Arbeit deckt dies ab und in welcher Weise?

Ich finde es spannend, wie ich meinen Weg und meine Berufung gefunden habe. Als Kind und als Jugendliche habe ich meine Freizeit mit Pferden verbracht. Ich wollte unbedingt etwas in diese Richtung machen und habe bereits als Teenager Reitunterricht gegeben und Ferienkurse im Reitstall betreut. Bewusstheit, Ruhe, Gelassenheit, Klarheit, Geschmeidigkeit und Feinheit sind auch im Umgang mit Pferden zu vermitteln. Das alles findet sich im Yoga.

Der Vernunft halber und nach viel Zureden meines Vaters habe ich dann doch „etwas Sicheres“ gelernt und BWL studiert. Immerhin fast 30 Jahre habe ich dann angestellt im Marketing gearbeitet. Das war erfüllend und erfolgreich, doch es war nicht vollständig.

Die Pferde waren glücklicherweise nie weg und der Yoga kam dazu. Auslöser dafür waren erst beruflicher Stress und dann Rückenprobleme – die Klassiker also, um mit Yoga zu beginnen. Ausgelöst durch die Erkenntnisse beim Yoga habe ich dann wieder gelernt, bessere Entscheidungen zu treffen. Mit Anfang 40 habe ich dann angefangen Yoga zu unterrichten und es hat sich super entwickelt.

So schließt sich der Kreis. Es ist meine Berufung, Menschen dabei zu unterstützen, gelassener und gesünder zu werden und bessere Entscheidungen zu treffen.


Wenn Du an die Menschen denkst, die zu Dir kommen, was sind wohl die herausforderndsten Themen mit denen diese derzeit kämpfen?

So direkt thematisiert kaum jemand, wie schwierig die Zeiten für das Mentale sind. Das ergibt sich meist erst im Gespräch. Es muss auch nicht alles ausgesprochen werden. Es reicht aus, das zu verstehen und zu wissen. Wir sehen ein Drittel vom Eisberg und wissen, was sich darunter verbirgt.

Daneben sind momentan vermehrt die Haltungsschäden aus weniger Bewegung und viel Homeoffice ein Problem.


In welcher Weise unterstützt Du die Menschen, die zu Dir kommen, bei diesen Herausforderungen?

Ich biete die Onlinestunden nur live an. Das Gespräch in Echtzeit ist wichtig. Wir brauchen Kontakt und Austausch, um gesund zu bleiben. Die meisten meiner Teilnehmer sind sehr regelmäßig mit ein bis fünf Terminen pro Woche mit mir online.

Ich überfordere niemanden und biete immer Varianten an. Überforderung haben wir derzeit draußen genug. Mein Ziel ist, dass jeder in meinen Stunden Ressourcen aufbaut. Natürlich kann das auch dynamisch und kraftvoll sein. Es ist nur nicht kompliziert.

Mein Onlinestunden-Angebot ist sehr leicht verständlich: Yoga gibt es als basic, fit, relax, strong und als Stresslöser. Jeder kann jederzeit einsteigen. Die Bezahlvarianten sind flexibel und die Guthaben lange gültig. Daneben biete ich auch Firmentrainings und -kurse, sowie Einzelcoachings an.


Wie hat sich Deine Arbeit durch die Pandemie verändert?

Während der Lockdowns unterrichte ich ausschließlich online. Das sind bis zu 12 Stunden pro Woche und einmal monatlich ein Workshop. Wenn sich die Lage draußen wieder entspannt, werde ich sicherlich bald wieder vor Ort unterrichten. Den Online-Unterricht werde ich – in welchem Umfang wird sich ergeben – weiterhin anbieten. Für viele meiner Teilnehmer ist diese Variante perfekt, wie sich herausgestellt hat. Besonders wenn Kinder oder Familienangehörige versorgt werden müssen oder wenn einfach nur der Feierabendverkehr Zeit wegnimmt.


Wie kommst Du mit Deinen persönlichen und familiären Herausforderungen durch die Pandemie zurecht? Wie hilft Dir dabei Deine persönliche Praxis?

Die größte Herausforderung war für mich tatsächlich der finanzielle Aspekt. Ich bin 100% Freiberuflerin und hatte erst mal natürlich die Sorge, ob ich meine Miete weiterhin zahlen kann. Mitte März bin ich erst mal auftragsmäßig in ein tiefes Loch gefallen. Ein paar liebe Kunden haben mich dann bei meinen Onlineversuchen unterstützt und jetzt läuft es gut damit. Den zweiten Lockdown merke ich umsatzmäßig viel weniger und zum Jahresende komme ich glimpflich davon. Ich muss voraussichtlich deutlich weniger von meinen Rücklagen anzapfen, als im Sommer befürchtet.

Ich bin sehr froh, dass ich mental gut Ressourcen aufbauen kann. Die Disziplin des Yoga ist für mich wesentlich dafür. Seitdem ich unterrichte – und auch schon zuvor – bin ich leidenschaftliche Schülerin: Dinge erst mal wertfrei anzunehmen, mich in neuen Situationen zurecht zu finden und bei neuen Schwierigkeiten nicht automatisch auf alte Lösungen zu setzen, helfen dabei, nicht in eine Schockstarre zu verfallen oder gedanklich zu flüchten. Hier bin ich meinen Lehrern täglich dankbar – nicht nur auf der Matte.

Besondere Kraftquelle sind tatsächlich die Zeit mit dem Himalayan Institute in Indien 2019 und insgesamt das Gelernte von Rod Stryker und Panditji. Die Verbindung ist immer da und das ist ein gutes Gefühl und gibt sofort Zuversicht. Normalerweise bin ich mehrmals jährlich zur Fortbildung in halb Europa unterwegs. Damit kann ich aus einem reichen Fundus schöpfen. Wichtig ist mir vor allem die Regelmäßigkeit. Ich übe in der Pandemie nahezu täglich. Vor der Pandemie übte ich drei- bis fünfmal in der Woche.

Ich lasse mich einfach intuitiv leiten: mal ist es dynamischer – ich liebe Ashtanga Yoga – und mal ruhiger. Dann lege ich einfach die Beine hoch und mache es mir im Restorative Yoga bequem. In allen Varianten ist die Atmung der Schlüssel. Die führt mich dann auch sehr schnell in eine kurze oder lange Meditation. Es läuft immer auf das Ausrichten und das Zur-Ruhe-Kommen der Gedanken hinaus.

Darüber hinaus baue ich regelmäßig TRE-Einheiten ein. Das ist ein fantastisches Werkzeug. Als ich 2018 damit begonnen habe, konnte ich nicht ahnen, wie hilfreich das heute ist. [Anmerkung der Redaktion: TRE steht für Tension and Trauma Releasing Excersises]

 

Wo holst Du Dir Deine Inspirationen in dieser Zeit? Oder anders gefragt: Wer oder was ist für Dich da?

Es ist mir wichtig, beruflich und privat offen und neugierig zu bleiben. Ich habe die vorigen Monate genutzt, um mich beruflich weiterhin intensiv in Yoga-Therapie und TRE fortzubilden. Ich hatte schon vor Corona großes Interesse an diesen Themen und habe jetzt die Zeit genutzt und noch mehr gezielte Trainings hinsichtlich funktioneller Atmung, Neurowissenschaft, Yoga bei Trauma (PTSD etc) mitgemacht. Zudem bin ich sehr aktiv in meiner TRE-Ausbildung.

Circa einmal monatlich gehe ich für eine Stunde in die Supervision. Das mache ich seit zwei Jahren regelmäßig im Rahmen der TRE-Ausbildung und das beinhaltet neben meinen TRE-Erfahrungen beim Anleiten auch meine eigenen Themen, das Coaching und das Unterrichten vom Yoga. Die Grenzen sind fließend. In diesen Pandemie-Zeiten ist die Supervision besonders hilfreich. Ich empfehle jedem Yogalehrer eine solche regelmäßige Investition.

Privat ist natürlich mein Partner, sind meine Freunde und Verwandten meine Anker. Alle haben mit der derzeitigen Situation auf eigene Art zu kämpfen. Zusammen – auch online – traurig sein oder lachen hilft. Es hilft, Pläne zu machen, sich auf Treffen zu freuen und einfach ein bisschen zu träumen. Ich freue mich schon jetzt auf das Tanzen, auf Reisen und Konzerte – selbst wenn es noch etwas dauert.

Meine Haustiere genießen sehr, dass ich jetzt ständig zuhause bin – ich bin ein bisschen mehr für sie da. Das ist auch sehr schön und balanciert die Einschränkungen mit aus. So ganz nebenbei entdecke ich neue Hobbies: Ich habe nach dem ersten Lockdown das Malen angefangen und werde sogar demnächst mit einem Bild in eine Ausstellung kommen. Ganz neue Dinge ergeben sich. Das ist schön.


Welche Übung aus Deinem persönlichen Repertoire empfiehlst Du Deinen Teilnehmern am häufigsten in dieser Zeit und warum?

In diesen herausfordernden Zeiten ist es sehr wichtig, dass wir mit den Füßen auf dem Boden bleiben, mental und körperlich gleichermaßen kraftvoll und entspannt sind und in den Gedanken klar bleiben. So beginne ich die Stunden gerne mit einer erdenden Übung und leicht verlängertem Ausatmen. Am liebsten im Stand. Vielleicht mit geschlossenen Augen. Über die Füße spüren und wissen wir dann, wo wir uns im Raum befinden. Die Standposition erfordert aktive Beinmuskeln und das Gleichgewicht wird gleichzeitig trainiert. Wenn wir diese für den Körper komplexe und doch lösbare Aufgabe bewältigen, wird unbewusst unsere Konzentration und unser Selbstvertrauen gestärkt und das Nervensystem kann auf Entspannung schalten.

Bei der Übung rede ich nicht unbedingt viel über Erdung. Der Körper macht das allein und die Wirkung entsteht ganz automatisch. Aus dieser Übung heraus kann dann in alle Richtungen weiter geübt werden: dynamisch oder ganz ruhig. Falls die Standposition nicht möglich ist, kann diese Erdung natürlich auch sitzend oder liegend durchgeführt werden.


Warum lohnt es sich immer, mit Hoffnung in die Zukunft zu blicken?

Aus meiner Sicht gibt es keinen Grund, keine Hoffnung zu haben. Das ist sicherlich das Ergebnis meiner Erfahrungen im Leben. Ich weiß, dass es vielen Menschen sehr schwerfällt, diese optimistische Perspektive zu wählen. Denkmuster, aus denen Verhaltensmuster entstehen, sitzen tief. Ich kann jeden nur einladen, sich mit den eigenen Denkmustern zu beschäftigen. Für mich waren und sind die Trainings bei Rod Stryker und jetzt die TRE-Ausbildung bei Steve Haines wesentliche Gelegenheiten, mich beim Denken und Verhalten zu überprüfen und zu aktualisieren. Gespräche mit lieben Menschen geben immer Hoffnung. Mal ist man gebend und mal empfangend für gute Gedanken.

Ich bin zuversichtlich für das kommende Jahr. Neben der TRE-Zertifizierung möchte ich zusätzlich in ein weiteres Lieblingsprojekt investieren. Die Arbeit mit Menschen im Zusammenhang mit dem Pferd. Hier möchte ich anbieten, Menschen anzusprechen und einzuladen, die bisher noch keine oder nur wenige Kontakte zu Pferden hatten. Denn Pferde sind fantastische Lebensretter – davon brauchen wir jetzt und in der Zukunft mehr.

 


Herzlichen Dank Liebe Annette, dass Du Dir die Zeit genommen hast, uns einen Einblick in Deine inspirierende, optimistische Weltsicht zu geben!

Zur Person: Annette Gall ist Entspannungscoach und Yogalehrerin. Sie lebt in der Nähe von Aachen. Informationen findest Du auf www.mindful-practice.com. Dort findest Du auch alle Infos zu ihren Online-Stunden. Über Ihre Angebote zu Yoga und Pferd informiert www.reiteryoga.com.   Auf Facebook findest Du sie hier.

 

Annette Gall
Annette Gall

Annette Gall ist Entspannungscoach und Yogalehrerin mit Yogatherapie*-Ausbildung mit 1000+ Ausbildungsstunden. Sie lebt im Dreiländereck in der Nähe von Aachen und bietet Kurse, Workshops und Einzeltrainings an. Konsequente und qualifizierte Fortbildung ist Annette sehr wichtig. Besonders spannend findet sie die Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft rund um die mentale Gesundheit. Neben regelmäßigen Trainings in der Yogatherapie lässt sie sich derzeit in TRE (Tension and trauma releasing exercises) ausbilden. Diese Zertifizierung ist für 2021 angepeilt. Als Dipl. Betriebswirtin (FH) und Fachkraft für betriebliches Gesundheitsmanagement (IHK) berät sie außerdem Firmen und Institutionen bei der Gestaltung und Durchführung von BGM-Maßnahmen. Webseiten: www.mindful-practice.com | www.reiteryoga.com

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