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Unsere synthetische Stimme Anisha lernt ständig neue Worte für eine bessere Aussprache

Von Michael Nickel

Langsam aber sicher macht sich das Herbstgefühl wieder breit. Die Tage werden schon deutlich kürzer, die Nächte kälter und die Luft ist klar und beginnt den Schein der Herbstsonne in ihrer charakteristischen Weise über uns auszuschütten. Das Herbstgefühl ruft in vielen von uns eine Art Wehmut hervor, das war wohl schon immer so und wurde von unzähligen Dichtern zum Ausdruck gebracht. Unter diesen Herbstgedichten ist mir seit langer Zeit eines von Rainer Maria Rilke ans Herz gewachsen:

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke
(Das Buch der Bilder)

So melancholisch das Gedicht zunächst klingen mag, so sehr betont Rilke in ihm doch auch die Fülle des Lebens, die im Herbst steckt. Nicht umsonst feiern viele Kulturen rund um die Welt ein Erntedankfest – die einen früher, die andern später, doch selbst dort wo die Jahreszeiten nicht so ausgeprägt sind wie in unseren Breiten und es vielleicht sogar mehrere Ernten im Jahr gibt, ist diese Idee und dieser Drang sich zu einem bestimmten Fest im Jahreslauf für die Fülle der Geschenke der Natur zu bedanken, fest verankert.

Auch wenn wir – wie Rilke in seiner zweiten Strophe – dieses drängende und allzu menschliche Verlangen haben, dass diese Fülle noch immenser sein möge, damit wir sie noch einmal voll auskosten können, es bleibt dass Bewusstsein, dass der lange, kalte Winter kommt.

Sich den Kräften des Universums vertrauensvoll hingeben

Doch noch ist es nicht soweit und ich möchte mich auch nicht in einer Gedichtsinterpretation zu einem meiner Lieblingsdichter verlieren, auch wenn es eine herrliche Doppeldeutigkeit in sich trägt, die den Jahreslauf allegorisch mit dem Lebenslauf von uns Menschen vergleicht. Darin klingt bei Rilke immer wieder eine Art Weltsicht, die an die östliche Spiritualität erinnern mag und sich den großen Kräften des Universums vertrauensvoll hingibt – wie dem Wind im Gedicht.

Doch bei Rilke schwingt, wenn es um den späteren Herbst und vielleicht auch den Herbst unserer Lebenszeit geht – wie bei so vielen von uns Menschen – ein Gefühl der Einsamkeit, der Unruhe und des Unfriedens mit. Das unruhige wandern im Alleinsein in den Alleen, in denen der Wind die Blätter treibt. Der Mensch, der sich kein Haus mehr baut – weil es zu spät ist … Das alles hat klar etwas mit dem zu tun, was uns laut Sri-Vidya-Philosophie den Frieden raubt – und was überhaupt nach deren Vorstellung zum Frieden gehört und diesen ausmacht. Darüber habe ich vor einiger Zeit geschrieben und es passt wunderbar zu diesen Herbstgedanken, auch wenn diese beiden Gedankenfutter nicht im eigentlichen Sinn Teil dieser Herbst-Edition des Agni-Magazins sind.

Esseinzelle Fragen des Menschseins

Die Frage, die sich hier basierend auf Rilkes beispielhaftem Herbstgefühl des Alleinseins stellt ist jedoch: Müssen wir wir allein sein? Müssen wir uns alleine fühlen? Müssen wir Angst haben, die Fülle zu verlieren?

Die Antwort auf diese Fragen ist so einfach wie vertrackt: „Nein, müssen wir nicht!“, denn zum einen sind wir als Menschen soziale Wesen und dementsprechend dazu geschaffen, in liebevollem Umgang mit anderen Menschen zu existieren. Zum anderen bringe so ziemlich alle spirituellen Traditionen zum Ausdruck, dass tief im Innern unseres Selbst etwas vollkommen anderes vorhanden ist, als das Gefühl, isoliert und abgeschnitten zu sein. Die Stille im Inneren präsentiert sich immer als Reichtum und Fülle. Das vertrackte daran ist, dass es sich leichter sagen lässt, als es zu glauben oder wirklich zu erfahren.

Gewähltes Alleinsein als Weg in die innere Fülle

So ist und bleibt das erzwungene Alleinsein vielleicht eine Bürde für uns – viele haben das zeitweise in der Pandemie so wahrgenommen. Jedoch existiert auch die bewusste Wahl des Alleinseins, beispielsweise wenn wir alleine durch die Natur streifen – oder wenn wir uns in ein Meditations- oder Stille-Retreat begeben. Das klassische „In-die-Klausur-Gehen“, welches in so vielen Traditionen der Welt existiert. Man denke nur an Moses, Johannes, Jesus, Buddha, um nur einige der großen spirituellen Weisen der Welt zu nennen, die die Einsamkeit gesucht haben.

Von dieser gewählten Einsamkeit und der Bedeutung, sich im Alleinsein in der Absorption im großen und Ganzen zu finden, erzählt uns in dieser Herbst-Edition eine inspirierende Episode aus dem Leben von Swami Rama, in der er vom Himalaya im Spätherbst berichtet, von dessen Blumenpracht schwärmt und uns darin leichtfüßig und unterhaltsam in ziemlich tiefgründige yoga-philosophische Gedanken mitnimmt.

Dharma und Atem – die zwei Schwerpunkte im Agni-Magazin für diesen Herbst

Diese Weisheitsgeschichte streift auch die Frage nach dem Sinn und Zweck des Lebens – die Frage nach Dharma. Genau dieses Thema bildet einen der zwei Schwerpunkte dieser Herbst-Edition. Daneben beschäftigen wir uns wieder einmal mit dem Atem, mit Atemachtsamkeit und der Wohltat für Körper und Geist, die sich aus dem bewussten Üben mit dem Atem ergeben.

Zum Thema Dharma beantwortet Swami Rama die Frage „Was ist Dharma?“ und er führt aus „Wie man den Lebenszweck verwirklicht„. Eine Geschichte aus dem Leben von Pandit Rajmani Tigunait zeigt uns beispielhaft, wie das Hören auf die innere Intuition den Lauf des Schicksals verändern kann.

In Sachen Atem erweitert diese Herbst-Edition das Spektrum der Artikel zu Atemachtsamkeit und Pranayama um drei Aspekte. Zum einen findest Du Hintergründe und Praxishinweise zum Thema Nadi Shodhana (Nasen-Wechselatmung). Zwei weitere Artikel beschäftigen sich damit, wie der Atem auf unser autonomes Nervensystem und unseren Geist wirkt und wie Atemachtsamkeit und echtes Atem-Bewusstsein eine Grundvoraussetzung für eine tiefe Meditation darstellt.

Ich hoffe, dass Dir diese Artikel-Auswahl Freude und Inspiration bereitet, wenn Dich vielleicht mal schmuddeliges Herbstwetter eher nach drinnen drängt. Ich wünsche Dir und uns allen jedoch einen strahlenden, goldenen Herbst, der uns nocheinmal die Fülle der Schönheit der Natur vor Augen führt und uns einlädt in dieser Schönheit zu baden und im Alleinsein mit uns selbst oder in der Gesellschaft lieber Menschen zufrieden und glücklich zu sein.

Herzlichst

Dein Michael

 

Michael Nickel, der Autor dieses Beitrags und Gründer-Verleger des Agni Verlags, übersetzt und verlegt nicht nur Bücher zu Yoga, Yoga-Philosophie und Lebensweisheit, er bietet auch Yoga– und Meditations-Kurse und -Stunden an, die Dich in die Ruhe führen. Er gibt auch regelmäßig Workshops zum Atem und zu Yoga Nidra. Alle Kursangebote und offene Stunden von Michael laufen auch online. Siehe www.santosha-yoga.de für weitere Infos.

 

Michael Nickel
Michael Nickel

Dr. Michael Nickel ist Entrepreneur, Autor, Gründer-Verleger des Agni Verlags, Naturwissenschaftler, Berater, sowie Yoga- und Meditationslehrer. Wenn er nicht gerade die Wunder der Welt erkundet, lebt und wirkt er in Stuttgart. Sein Interesse gilt der Kunst des guten und freudvollen Lebens und allem, was damit zusammen hängt, philosophisch und praktisch. Michael ist langjähriger Schüler von Rod Stryker und der erste Parayoga Level 2 Lehrer in Europa. Er unterrichtet atemzentrierte Asana-Sequenzen (im Sinne von Viniyoga). Durch seinen Lehrer Pandit Rajmani Tigunait wurde er in den Samaya-Pfad (inneren Pfad) der Sri-Vidya-Tradition der Meister des Himalayas eingeweiht. In diesem Zusammenhang ist er auch Certified Vishoka Meditation Teacher Aus diesem Hintergrund seiner eigenen Praxis heraus unterrichtet er auch seine Meditations- und Yoga-Nidra-Stunden. Alle Stunden und Kurse mit Michael auch online: www.santosha-yoga.de

https://www.santosha-yoga.de

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